Radwan Mostafa steht vor dem Sozialkaufhaus Domiziel – nach der Flucht aus Syrien eine erste Anlaufstelle für ihn. Foto: Thiercy

„Ich arbeite bei der Poschd“, sagt Radwan Mostafa – mit schwäbischem Akzent. Der Syrer ist angekommen in seiner neuen Heimat Balingen. In seinem Zustellbezirk kennt er jedes Haus – und jeder kennt ihn.

Der älteste Sohn von Mostafa will Polizist werden. Die drei jüngeren Kinder sind in der Sichelschule verwurzelt, der Jüngste spricht mit seinen sieben Jahren so gut wie kein Arabisch und demnächst unterzeichnet die Familie Mostafa den Kaufvertrag für das eigene Häusle – nach der Flucht vor dem Terrorregime des Diktators Baschar al-Assad aus Syrien im Jahr 2017 wagten Mostafa und seine Frau Nour Alali nicht mal, davon zu träumen.

 

„Das ist gelungene Integration“, sagt Nathalie Hahn vom Sozialkaufhaus Domiziel. Mostafa wurde vom Arbeitskreis Asyl und dem DRK im Patenschaftsprogramm unterstützt. „Sie haben mir viel zu viel geholfen“, gibt der Familienvater sich bescheiden.

Däumchen drehen ist nicht sein Ding

Als er in Roßwangen ankam, war seine Frau mit den ältesten beiden Kindern bereits seit zwei Jahren in Deutschland. Nachbarn unterstützten sie bei Behördengängen, gingen mit ihr einkaufen oder machten mit ihr Ausflüge in die Gegend. Dafür ist das Ehepaar mehr als dankbar, erzählen sie und Mostafa lässt es sich nicht nehmen, die Senioren jeden Samstag zu besuchen, für sie einzukaufen oder den Rasen zu mähen. Dass er sich täglich telefonisch nach ihrem Wohlbefinden erkundigt – für Mostafa eine Selbstverständlichkeit.

Stillsitzen und Däumchen drehen ist nicht das Ding des Familienvaters. So schnell es ging machte er einen Deutschkurs, arbeitete ehrenamtlich im Domiziel mit und machte seinen Führerschein. „An dem Tag als ich bestanden habe, habe ich meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben“, berichtet er.

Er nimmt sich Zeit für ein Pläuschchen

Das war bei einem Pizzaservice, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Mostafa fand eine Anstellung bei der Post – und damit offenbar seine Berufung. Wenn er von seinem Alltag erzählt, blitzen seine Augen und die Begeisterung schwingt in seiner Stimme mit. Sein Zustellbezirk umfasst Hausen am Tann und Ratshausen. „Ich kenne dort jedes Haus.“

Und jeder scheint ihn zu kennen – es gab keinen Haushalt, von dem er zu Weihnachten kein Geschenk bekommen hätte. Gerade die älteren Leute würden auf ihn warten und wenn er mal einen freien Tag habe, seien sie fast schon besorgt. Warum das so ist? Mostafa nimmt sich Zeit für ein Pläuschchen, schwere Pakete trägt er in den Häusern dort hin, wo sie hin sollen. „Viele Leute haben einen Hund und bestellen das Futter.“ Solch ein Paket wiege gerne mal 30 Kilo oder mehr.

„Die Mensschen hier sind sehr nett“

Als im vergangenen Sommer in Hausen am Tann ein Haus abgerissen wurde, haben Steine die Straße blockiert, berichtet Mostafa. Statt wild zu hupen sei er aus seinem Postauto ausgestiegen und habe dem Besitzer beim Freiräumen geholfen. Für den Syrer, der mittlerweile einen deutschen Pass hat, selbstverständlich – umso verwunderter war er, als er auch von diesem Mann eine Aufmerksamkeit zu Weihnachten bekam.

Wenn Mostafa von Balingen erzählt, wirkt er fast schon ein wenig stolz auf seine neue Heimat. Das Gartenschaugelände hat es ihm besonders angetan, die Stadtmitte sowieso. Seine Kinder sind Stammgäste im Jugendhaus. „Die Menschen hier sind sehr nett.“

Jüngst hat Mostafa seinen Taxischein gemacht. Samstags bringt er Partygänger nach Hause. „Selbst wenn die Deutschen betrunken sind bleiben sie respektvoll“, lobt er. Respekt – der spielt für die Familie eine große Rolle. Die Kinder würden von den Nachbarn oft für ihre gute Erziehung gelobt.

Drei Brüder sind im Krieg gestorben

Sorge macht dem Familienmensch die Debatte um Migration. „Wenn ein Ausländer etwas macht, sind alle schuld.“ Das mache ihm Angst. Er habe genug Probleme, drei seiner Brüder seien im Krieg gestorben. Etwa 20 syrische Familien hätten in Balingen Wurzeln gefunden. „Alle arbeiten, viele sind selbstständig, haben Kinder und Familie.“

Denkt die Familie daran, nach dem Sturz des Diktators nach Syrien zurück zu gehen? „Nein“, sagt Mostafa bestimmt. Sein Zuhause ist in Balingen, hier hat er Wurzeln geschlagen und er liebt seine Arbeit bei „der Poschd“.