Katharina Kimmerle präsentiert die Bücherausstellung in der Stadtbücherei Alpirsbach den Besuchern.Foto: Stadt Alpirsbach Foto: Schwarzwälder Bote

Gesellschaft: Ausstellung "Vielfalt und neue Perspektiven: Lesen gegen Vorurteile" / Abschied von Integrationsbeauftragter

Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung, aber auch Integration und Teilhabe – mit diesen Themen beschäftigt sich eine Ausstellung in der Alpirsbacher Stadtbücherei. Warum Bücher, die die gesellschaftliche Vielfald abbilden, besonders für Kinder wichtig sind, verrät die Integrationsbeauftragte.

Katharina Kimmerle ist Integrationsbeauftragte bei der Stadt Alpirsbach und sie wollte schon immer ein Kooperationsprojekt mit der Stadtbücherei starten. Nun ist es so weit. Die Ausstellung "Vielfalt und neue Perspektiven: Lesen gegen Vorurteile" ist eröffnet.

Alpirsbach. Die Ausstellung soll die Bücherei als Begegnungsort für gesellschaftliche Themen für vielfältige Zielgruppen attraktiv machen. "Es gibt nämlich sehr viel Literatur, die das Thema Vielfalt sensibel und auch mit Selbstverständlichkeit aufgreift und außerdem gibt es zahlreiche Neuerscheinungen zum Thema Rassismus und Diskriminierung", so die Integrationsbeauftragte. Der Schwerpunkt der vergangene Woche eröffneten Ausstellung ist die Präsentation von Kinder- und Jugendbüchern, die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln und sich mit Themen wie Teilhabe und Toleranz, Diskriminierung und Rassismus beschäftigen.

Außerdem gehören zur Ausstellung Sachbücher und Romane für Erwachsene zum Thema Rassismus, Flucht und Migration sowie besondere Lebensgeschichten und Biografien. Einige Bücher sind in leichter Sprache für junge Deutschlernende verfasst.

Zugehörigkeit durch Helden aus der Literatur

"Wir als Bücherei stehen immer gerne als Kooperationspartner für Projekte zur Verfügung und freuen uns, unseren Leserinnen und Lesern besondere Angebote machen zu können", sagt Eva Landenberger, Leiterin der Stadtbücherei. Durch die Neuanschaffungen der Ausstellung hoffe sie außerdem darauf, neue Leser zu gewinnen.

"Der Fokus liegt auf Kinder- und Jugendbüchern, in denen Kinder vorkommen, die zum Beispiel eine andere Hautfarbe haben, bei denen ein anderer kultureller Hintergrund angenommen wird oder die aus anderen Gründen von ihren Mitmenschen als ›anders‹ wahrgenommen werden", erklärt Kimmerle.

"Die Gesellschaft wird immer bunter", erklärt Kimmerle den Sinn hinter der Aktion. "Da ist es schön, wenn Bücher diese Vielfalt auch widerspiegeln." Bücher geben bereits Kindern Informationen über sich, andere Menschen und die Welt. Kinder wollen sich mit den Hauptfiguren identifizieren und sich wiederfinden, sagt sie. "Ein muslimisches Mädchen findet in der Biographie von Zeina Nassar – der deutschen Boxerin, die mit Kopftuch kämpft – ein starkes Vorbild", nennt sie ein Beispiel. "Es kann sich mit ihr identifizieren. Und wenn Menschen ohne muslimischen Glauben dieses Buch lesen, bekommen sie mehr Verständnis dafür, dass jemand mit Kopftuch gar nicht so anders ist als sie selbst und dass die Person genauso klug und ehrgeizig ist, wie sie und vielleicht ähnliche Wünsche und Träume für das Leben hat."

Werden Kinder in Büchern mit möglichst vielen Identitätsmerkmalen widergespiegelt, empfinden sie Zugehörigkeit und Anerkennung. "Wenn Kinder sich in keinem Kinderbuch in ihrer Lebensrealität wiederfinden, bekommen sie das Gefühl vermittelt, nicht normal zu sein."

Rassistische Denkmuster bewusst machen

"Natürlich wird eine kleine Ausstellung nicht die Welt verändern", das sei ihr bewusst. "Aber wir hoffen darauf, dass die Vorbilder in den Büchern frühzeitig die Perspektive erweitern. Kinder gehen ja zunächst offen aufeinander zu. Vorurteile werden aus der Erwachsenenwelt übernommen."

Bücher können das Identitätsgefühl von Kindern stärken und damit ihre Entwicklung positiv beeinflussen, erklärt sie.

Probleme wie Diskriminierung und Rassismus seien auch heute noch in der Gesellschaft präsent. "Viele denken, Rassisten seien diejenigen, die ein Flüchtlingsheim anzünden oder auf andere Weise Gewalt anwenden. Ausgrenzung, Diskriminierung und der sogenannte ›Alltagsrassismus‹ fangen aber schon viel früher an", erklärt Kimmerle. Zum Beispiel, wenn Zuwanderer anders behandelt werden, wenn ihnen mit Vorurteilen begegnet werde, wenn sie schlechtere Chancen im Bildungssystem oder bei der Jobsuche haben. "Fast jeder von uns ist davon überzeugt: ›Ich selbst bin kein Rassist‹. Aber es gibt immer Situationen, in denen wir uns rassistisch verhalten und in denen wir unbewusst rassistische Denkmuster übernommen haben. Deswegen sind wir keine ›schlechten Menschen‹, das hat auch etwas mit der Sozialisation in unserer Gesellschaft zu tun." Es sei jedoch wichtig, sich das bewusst zu machen. Sachbücher wie "Exit Racism" und Erfahrungsberichte von Betroffenen können dabei helfen, Rassismus zu verstehen.

Die Stelle der Integrationsbeauftragten läuft nach vier Jahren Förderung durch das Land Baden-Württemberg aus. Für Kimmerle war die Ausstellungseröffnung zugleich Anlass, sich von Ehrenamtlichen, Kooperationspartnern und Flüchtlingen zu verabschieden. "Wir haben alle an unterschiedlichen Stellen auf das gleiche Ziel hingearbeitet", so Kimmerle. "Dass sich Menschen in Alpirsbach willkommen und irgendwann sogar heimisch fühlen. Und denjenigen, die vor einigen Jahren hierhergekommen sind, kann ich nur Respekt zollen: Sie haben sich zum Teil beeindruckend integriert und sind zu richtigen Alpirsbacherinnen und Alpirsbachern geworden."

n Laufzeit und Regeln

Die Ausstellung läuft bis zum 6. August, Besichtigung zu den Öffnungszeiten der Bücherei. Für den Besuch sind in Inzidenzstufe eins und zwei keine Anmeldungen und kein Test-, Impf- oder Genesenennachweis notwendig. Ab Inzidenzstufe drei gibt es aktuelle Informationen bei der Bücherei unter Telefon 07444/­951 62 88. Die Bücher können aus der Ausstellung entliehen werden. Deswegen kann es passieren, dass nicht alle Bücher zu besichtigen sind. Ein Einblick in die Liste der ausgestellten Bücher sowie Vormerkungen sind möglich.

n Das gibt es zu entdecken

Neu angeschaffte Kinder- und Jugendbücher sind unter anderem: "Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz" von Kathrin Beese, "Ein Pferd zu Chanukka" von Myriam Halberstam, "Odo – und der Beginn einer großen Reise" von Dayan Kodua, die Bücher "Klar bin ich von hier. Was ein schwarzer Junge in Deutschland erlebt" von Susanne Priessoder auch die Reihe "Planet Omar" (eine Art "Gregs Tagebuch" mit einem muslimischen Jungen mit pakistanischen Wurzeln in der Hauptrolle)

Sachbücher zum Thema Rassismus: "Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen" von Tupoka Ogette und der preisgekrönte Roman "Americanah" der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

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