Wie optimistisch sind die Deutschen? Michael Sommer vor einer Grafik, die das im Zeitverlauf zeigt. Foto: Andreas Reiner

Waren, Werte, Wahlverhalten – seit 70 Jahren zeichnet das Institut für Demoskopie Allensbach ein Porträt der Deutschen in Prozentzahlen. Ein Besuch im ältesten Umfrageinstitut der Republik.

Allensbach - Michael Sommer hat keinen leichten Job. Er soll an diesem Tag erklären, wie eine Allensbach-Umfrage entsteht, was also passiert, bevor er und seine Kollegen vom Institut für Demoskopie (IfD) den Deutschen mal wieder den Spiegel vorhalten. Ihnen zum Beispiel erzählen, wie sie wohnen und arbeiten, wen sie lieben und was sie hassen, welche Lebensmittel und Autos sie kaufen, ob sie glücklich sind und natürlich – jetzt im Wahljahr – bei welcher Partei sie ihr Kreuzchen machen werden.

Im Grunde soll Michael Sommer (48, studierter Historiker, interessierter Blick aus blauen Augen) also ein komplexes System aus methodischen Tüfteleien, praktischer Interviewerarbeit und statistischen Gesetzmäßigkeiten veranschaulichen. Und ganz nebenbei muss er die Besucherin durch das nicht minder komplexe Wegesystem des Instituts in Allensbach am Bodensee führen, das aus einem Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert und verschiedenen, über die Jahrzehnte gewachsenen zweckmäßigen Erweiterungsbauten mit Treppenhäusern, Durchgängen und verwinkelten kleinen Büros besteht. Ach ja, und ob die Demoskopie tatsächlich in einer Krise stecke – wie oft behauptet –, will die Besucherin ja auch noch wissen.

Fragen, die jeder beantworten kann

Michael Sommer, das sei vorweggenommen, bewältigt all diese Herausforderungen mit großer Geduld, was auch an seinem nordischen Gemüt (er ist gebürtiger Flensburger) liegt. Sicherlich aber vor allem daran, dass er es gewohnt ist, abstrakte Aufgabenstellungen in sehr einfache Fragen zu übersetzen, die wirklich jeder („vom ungelernten Arbeiter bis zum Hochschulprofessor“) versteht. Und ein bisschen liegt es vielleicht auch daran, dass er Formulierungshilfe von Elisabeth Noelle-Neumann persönlich hat, jener fast schon sagenumwobenen Gründerin des Instituts, die bis zu ihrem Tod 2010 den Menschen aufs Maul geschaut hat. Aber dazu später mehr.

Michael Sommer jedenfalls, seit 17 Jahren am Bodensee und einer der Projektleiter des Instituts, benutzt eine Noelle-Neumann-Metapher, wenn er die Arbeit des Hauses als „Stafettenlauf“ bezeichnet. Wie einen Stab würden die beteiligten Mitarbeiter die Umfrage in verschiedenen Entwicklungsstadien von einem zum anderen weiterreichen, bis am Ende die Daten auf dem Tisch lägen, deren Analyse, Interpretation und Präsentation übrigens Projektleiter-Aufgabe ist.

Als Erstes führt Michael Sommer zur sogenannten Fragebogenkonferenz in ein helles Büro im ersten Stock des ehemaligen Bauernhauses, in dem das Institut 1947 gegründet wurde. Die Konferenz ist eine eigene Abteilung, zu der Caroline Jäger (Politikwissenschaftlerin, 33), Andreas Fischer (Sprachwissenschaftler, 37) und Sonja Gaukel (Psychologin, 28) gehören. Sie entwickeln gerade Fragen für die monatliche Allensbacher Bevölkerungsumfrage zu aktuellen Themen.

Reihum werfen die drei Ideen in den Raum, die sich jeder vorher auf einem kleinen Zettel notiert hat. Es sind Themen, die die Medien bestimmen („Erdogan“, „Flüchtlingsdeal“, „Cannabis für medizinische Zwecke“, „Martin Schulz und Wirtschaftspolitik“). Aber auch Stichworte, die sie aus ihrem Alltag oder Gesprächen ziehen.

Was sagt der Schwiegervater zur Opel-Übernahme?

Caroline Jäger zum Beispiel hat kürzlich mit ihrem Schwiegervater über die geplante Übernahme von Opel durch den Peugeot-Konzern diskutiert. Der Schwiegervater – ein überzeugter Opel-Fahrer – fand es gar nicht gut, dass die Franzosen das deutsche Unternehmen kaufen. Allerdings wusste er nicht, dass es bereits jetzt zum amerikanischen General-Motors-Konzern gehört. „Man müsste erheben, ob dieses Vorwissen einen Einfluss auf die Antworten hat“, sagt Caroline Jäger in die Runde. Kollege Andreas Fischer schlägt eine gesplittete Befragung vor: Ein Teil der Befragten bekomme die Information, dass Opel zu GM gehört, der andere nicht.

Einer fängt an, die anderen entwickeln die Idee weiter. So entstehen in der Fragebogenkonferenz etwa 20 bis 25 Fragen am Tag für Studien im Auftrag von Unternehmen, Banken, Ministerien, Medien, aber auch mal für Gerichtsgutachten. Mal geht es um den Alltag von Senioren, mal um die Bekanntheit einer Marke, mal um die Frage, wie viel und was die Deutschen erben.

Jäger, Fischer und Gaukel sind dabei ein Team im wahrsten Sinne: Sie sitzen einander zugewandt an einem großen Schreibtisch. Es gibt nur ein Telefon, wenn sie den Hörer abnehmen, sprechen sie von „wir“ statt „ich“, auch die Butterkekspackung wird geteilt. Es ist ein ständiger Austausch in der Gruppe, die bewusst aus Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund, Geschlecht, Alter und Herkunft besteht. Und es würde einen nicht wundern, wenn die drei in ihrer Mittagspause gemeinsam durch das 7000-Seelen-Örtchen spazierten, vorbei an der Auslage von Haushaltstechnik Wehrle und der Kirche St. Nikolaus, der Apotheke, dem Asia-Imbiss und der Demeter-Bäckerei, vielleicht runter zum See, um sich klarzumachen, dass das Bild, das eine Umfrage von den Menschen zeichnet, ebenso flüchtig sein kann, wie die Spiegelungen auf dem Wasser und – wenn sie schlecht gemacht ist – ebenso verzerrt.

Das Erbe Noelle-Neumanns

Einmalig in Deutschland sei diese Fragebogenkonferenz mit ihrer Arbeitsweise, sagt Michael Sommer, eingerichtet habe sie Elisabeth Noelle-Neumann, die überzeugt war, dass andernfalls der Einzelne zu viel Einfluss auf die Formulierung der Frage habe. Und so ist man in diesem Stafettenlauf viel schneller als gedacht schon wieder bei der Institutsgründerin angekommen, die sich auch in vielen Ecken des Instituts materialisiert, wo ihre Kunstsammlung in den Gängen hängt, ihr Buch „Die Schweigespirale“ in einer Vitrine steht und die junge Noelle-Neumann im Aufenthaltsraum als Porträt von der Wand blickt. Noelle-Neumann ist so etwas wie die Klammer zwischen den Gebäudeteilen, Abteilungen und 75 Mitarbeitern, sie ist Anfang und roter Faden.

Mitgebracht hat Noelle-Neumann ihr Wissen über die „Betrachtung des Volkes“ in den 40er Jahren von den Demoskopie-Pionieren aus Amerika. George Gallup hatte der Methode der repräsentativen Umfrage 1936 zum Durchbruch verholfen, als er auf Grundlage von nur 1500 repräsentativen Interviews richtigerweise Franklin D. Roosevelt als Gewinner der Präsidentschaftswahlen vorhersagte. Noelle-Neumann hat das junge Feld in Allensbach weiterentwickelt. Sie hat zu ergründen versucht, wie Meinungen in der Bevölkerung entstehen und welche Rolle die Demoskopie dabei spielt. Sie hat Bundeskanzler Konrad Adenauer beraten und ihr Metier gegen Angriffe verteidigt (so warnte etwa Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1992 vor der „Demoskopiedemokratie“ und einer Politik, die sich nur an Umfragewerten orientiere). Und sie hat ihr Institut bei aller Kritik, die es an ihrer Person und Arbeit gab (ihre Arbeit als junge Journalistin für das NS-Propagandablatt „Das Reich“, später ihre Nähe zur Union, Fehlprognosen), zu einem der bekanntesten in Deutschland gemacht.

Umfragemüdigkeit bei den Befragten

Mehrmals noch wird man bei diesem Besuch dem Geist Noelle-Neumanns begegnen. Zum Beispiel in der Statistikabteilung, wo Heinz Behmel (seit 25 Jahren im IfD) zwischen einem riesigen Computerbildschirm und einem Regal voller mittlerweile ungenutzter gedruckter Branchen- und Bevölkerungsverzeichnisse sitzt. Behmel kann sehr unterhaltsam erzählen, wie kreativ er und seine Kollegen manchmal sein müssten, wenn sie eine Stichprobe ziehen, also festlegen, welche und wie viele Menschen die Interviewer befragen müssen. Behmel erinnert sich an eine Studie über Besucher von Spielhallen in Bahnhöfen – ein bis dato unerforschtes Feld. Eine Vorstudie war nötig: IfD-Mitarbeiter wurden in Bahnhofsspielhallen geschickt, um zu protokollieren, was für ein Typ Mensch solche Einrichtungen nutzt. Erst danach konnten die Statistiker bestimmen, wer befragt werden soll.

Auch die Arbeit des Interviewerressorts geht auf eine Eigenheit des Instituts zurück: Im Gegensatz zur Konkurrenz setzt man bei repräsentativen Bevölkerungsstudien nicht auf Telefonbefragungen, sondern auf persönliche Interviews. „Unsere Erfahrung zeigt, dass das die zuverlässigsten Ergebnisse bringen, wenn man Komplexes wie etwa Einstellungen erfragen will“, sagt Sommer.

Matthias Wiepen (blaues Hemd, dezentes Brillengestell, freundlich-ruhige Stimme) betreut von seinem Büro unterm Dach aus die deutschlandweit rund 1250 Interviewer des IfD. Er koordiniert zum Beispiel, wann und wo wie viele im Einsatz sind (etwa 350 bis 500 pro Umfrage) oder wie viele Befragungen jeder macht (nicht mehr als fünf). Wiepens Arbeit wird nicht nur von banalen Faktoren wie der Jahreszeit beeinflusst (in Urlaubs- oder Grippezeiten ist es schwierig, genug Interviewer zu finden), sondern auch von der großen Entwicklung der Branche: Immer mehr Institute liefern immer mehr Umfrageergebnisse. Laut der Initiative Markt- und Sozialforschung ist die Anzahl der Mitarbeiter in diesem Bereich von wenigen Hundert 1986 auf inzwischen fast 20 000 gestiegen. Das führt dazu, dass die Menschen immer weniger bereit sind, sich für ein Interview zur Verfügung zu stellen, das für Allensbach schon mal eine Stunde dauern kann.

Die Umfragemüdigkeit ist nicht die einzige Herausforderung, vor der Michael Sommer und seine Kollegen stehen: Ein steigender Anteil von Wechselwählern, neue politische Strömungen und sich auflösende Parteibindungen machen gerade Wahlprognosen schwieriger. Nach der US-Wahl unterstellten Kommentatoren der Demoskopie, in einer Krise zu sein. Stimmt das?

Daten als Fast Food

Die Beantwortung dieser Frage übernimmt am Ende des Tages Renate Köcher, seit 1988 Geschäftsführerin des Instituts, in ihrem großzügigen Besucherzimmer mit bequemen hellen Sesseln und edlem Holztisch. Wahlen seien schon immer eine Herausforderung für die Demoskopie gewesen, sagt Köcher. Mal seien es neue Parteien, die schwer einzuschätzen sind, mal Wähler, die sich in letzter Minute umentscheiden, mal ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in dem ein Prozent alles ändern könne. Die Demoskopie habe sich entwickelt und gelernt, damit umzugehen.

Größere Sorgen macht sich die Demoskopin ohnehin darüber, dass heute, in einer wachsenden Informationsflut, Umfrageergebnisse wie Fast Food konsumiert würden. Die Menschen hätten kaum noch Interesse daran zu erfahren, woher jene Daten, in denen sie sich spiegeln, kommen – und wie sie entstehen.

Dabei ist es keinesfalls selbstverständlich, dass hinter jeder Umfrage Läufer stecken, die den Staffelstab auch sicher ins Ziel bringen.

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