Henning Schmidtpott demonstriert mit einem Anruf bei der 112, wie einfach der Anrufer seine Kamera mit den Disponenten in der Leitstelle teilen kann. Foto: Alexander Blessing

Die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle (ILS) Freiburg können künftig auch per Videocall mit den Anrufern kommunizieren, die die 112 wählen.

Bis zu 1400 Anrufe gehen täglich bei der Integrierten Leitstelle (ILS) in Freiburg ein. Die Disponenten müssen sich schnell einen Überblick über die Notfalllage verschaffen und entscheiden, welche Einsatzkräfte ausrücken sollen. Seit Dezember hilft den ILS-Mitarbeitern die Funktion „Live-Video“. Dabei können die Disponenten dem Anrufer per Push-Nachricht dazu auffordern, seine Kamera zu teilen.

 

„Das Videomaterial hilft uns dabei, die Situation vor Ort besser einschätzen zu können. So kann man schnell entscheiden, wer und in welcher Stärke zu einem Einsatz ausgerückt werden muss“, erklärt Henning Schmidtpott, IT-Experte der Freiburger Feuerwehr, die neue Funktion. Das sei für den Ernstfall wertvoll, da man Notfälle so schneller eskalieren und Ressourcen besser einsetzen könne.

Freiburger Leitstelle mit Vorreiterrolle

Für die Disponenten am Telefon ist es auch eine große Hilfe. „Gerade bei der Anleitung einer Reanimation kann das Bildmaterial helfen. So sehen wir direkt, ob die Person am Telefon die Erste-Hilfe-Anleitung richtig umsetzt und können weitere Anweisungen geben“, erklärt German Hummel, Koordinator des Rettungsdienst der ILS. Auch die Anzeichen eines Schlaganfalls lassen sich mithilfe von Bildern noch besser erkennen. „Diese Neuerung kann Leben retten“, ist auch der Leiter der Abteilung Einsatzplanung und Katastrophenschutz Christian Emrich überzeugt.

Seit Dezember wird Live-Video in der ILS getestet. Die meisten der Notrufe kommen bereits über Smartphones bei der ILS an. Die Erfahrungen seien bisher gut gewesen. „Videocalls gehören für viele zum Alltag hinzu. Deshalb war es auch bei den Anrufern, die die 112 gewählt haben, kein Problem, dass das Video dazugeschaltet wird“, erklärt Emrich.

Foto: Alexander Blessing

Dass das reibungslos und ohne große technische Hürde möglich ist, dafür war Schmidtpott mitverantwortlich. Der IT-Experte der Freiburger Feuerwehr hat das Projekt federführend mit Google entwickelt. Die ILS Freiburg war bereits im Jahr 2020 bei der Einführung des AML-System (Advanced Mobile Location) Vorreiter in Deutschland. Über diese Funktion werden Anrufer, die einen Notruf absetzen, automatisch geortet. Deshalb sei auch dies mal die ILS Freiburg wichtiger Partner von Google gewesen. Auch dank der bereits vorhandenen IT-Infrastruktur in Freiburg war die Entwicklung von Live-Video mit wenig Zusatzkosten verbunden.

Bisher nur in Mexiko und den USA im Einsatz

Technisch funktioniert Live-Video auf Android-Geräten ohne zusätzliche App, Installation oder Kosten für den Anrufer. Der Service ist bereits über das Betriebssystem auf dem Telefon der Nutzer. Bei einem Notruf kann der Mitarbeiter in der ILS entscheiden, ob eine Zuschaltung des Videos hilfreich ist und dem Anrufer eine entsprechende Aufforderung schicken. Der Anrufer muss nur noch diese Aufforderung in Form einer Push-Nachricht auf seinem Telefon bestätigen und schon wird das Bild vom Smartphone in die Leitstelle übertragen.

„Die Daten werden verschlüsselt an die ILS übermittelt. Das Bild wird als Livestream übertragen und nicht gespeichert“, erklärt Schmidtpott. Während der Testphase habe alles reibungslos funktioniert.

Bisher kommt die Anwendung nur vereinzelt in den USA und Mexiko zum Einsatz. Die Leitstelle in Freiburg ist die erste Leitstelle in Europa, die so die Videoübertragung beim Notruf nutzt. „Das ist ein riesiger Innovationsschritt“, sagt Christian Emrich, Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz. Durch Freiburgs Entwicklung könnten auch andere Leitstellen bald nachziehen.