Praktische Tipps im Corona-Lockdown. Projekte für die Zeit nach dem Lockdown. Berufliche Erfahrung im Marekting.
Die Auswirkungen des Lockdowns beschäftigen Innenstadtmanagerin Tamara Retzlaff an ihren ersten Tagen in Rottweil. Über ihren Dienstantritt in der Krise erzählt sie in unserem (SB+)Artikel.
Rottweil - An den ersten Tagen im Januar stand die Tür zum Büro der Innenstadtmanagerin Tamara Retzlaff nicht still. Zum Dienstantritt wollten sie nicht nur viele willkommen heißen – auch der Redebedarf zu ganz individuellen Problemen war groß.
Die Stationen in Tamara Retzlaffs Lebenslauf führen einmal quer durch Europa: Berlin, London, Griechenland – und nun also die Hohlengrabengasse 9 in Rottweil, wo der Gewerbe- und Handelsverein (GHV) die Räume für das Büro der neuen Innenstadtmanagerin angemietet hat. Schon das könnte als erste Erfolgsmeldung betrachtet werden, denn seit 1. Januar ist damit ein Leerstand in der historischen Innenstadt verschwunden.
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Indes: Als so gravierend wie das Thema Leerstände von manchen Rottweilern gesehen wird, erscheint es der 26-Jährigen, die aus Balingen stammt, gar nicht. Da kennt sie andere Städte mit größeren Problemen. Was Tamara Retzlaff hingegen durchaus sieht ist Potenzial für Entwicklungen.
Die anzustoßen, Kontakte herzustellen, Verbindungen zu knüpfen, Anstöße zu geben, zu vermitteln und zu vernetzen – darin sieht sie ihre Aufgaben. Derweil bestimmen natürlich die Corona-Pandemie und der Lockdown bisher ihren Arbeitsalltag. "Gerne hätte ich in den ersten Wochen alle Händler persönlich besucht", sagt die Innenstadtmanagerin. Trotzdem hat sie bereits viele Gespräche mit Händlern, Eigentümern und Gastronomen führen können – und dabei gleich erfahren, wo im Moment der Schuh drückt. Vor allem im Bereich der Digitalisierung seien intensive Beratung und Hilfestellung notwendig. Viele seien mit der Situation konfrontiert, dass sie eine Online-Lösung brauchen, um etwa Click & Collect anbieten zu können. Ganz praktische Tipps zur effizienten, kostengünstigen und schnellen Umsetzung sind da gefragt.
Berufliche Erfahrungen mit Online-Marketing
Erfahrung aus dem Online-Marketing bringt die gelernte Kauffrau für Büromanagement passenderweise mit, da sie sich nach dem Studium für Musikmanagement in London im Bereich Onlinevertrieb und Social Media selbstständig gemacht hatte. Sie kennt die Situation: "Wer ein Leben lang ein erfolgreicher Verkäufer oder Gastronom war, kann nicht plötzlich ein Online-Experte sein". Für Ines Gaehn, Abteilungsleiterin Wirtschaftsförderung, Tourismus und Stadtmarketing bei der Stadtverwaltung, steht fest: "Die Corona-Krise hat zu einem beschleunigten Strukturwandel geführt. Jetzt ist es unsere Aufgabe, einen passenden Weg für Rottweil zu finden".
Tamara Retzlaff ist keine Verfechterin davon, alles zu machen, was möglich ist. Doch: "Wichtig ist, im Blick zu haben, wie sich die anderen aufstellen." Passendes könne dann übernommen werden, anderes mag die Vorlage sein, sich bewusst gegenteilig dazu zu positionieren.
Klar müsse aber sein, dass der Lockdown eine Phase ist, in der man für seine Kunden weniger sichtbar ist. Von Werbeversprechen wie "Heute bestellt, morgen geliefert" brauche sich der Rottweiler Handel aber nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Heute bestellt, heute da, sei bei Click & Collect schließlich möglich.
Lieber ein schlechter Versuch als gar keiner
Es gelte, sich an der Schnelligkeit, Offenheit und Flexibilität der Konsumenten auszurichten, neue Formate auszuprobieren und Kunden da abzuholen, wo sie stehen. "Es geht uns darum, neue Formate ausprobieren. Auch mit dem Risiko des Scheiterns", macht Tamara Retzlaff deutlich: Mancher Versuch könne falsch sein, doch es nicht zu versuchen, wäre auf jeden Fall falsch.
In den ganz praktischen und individuellen Fragen unterstützt die 26-Jährige die Händler im Bereich des Sanierungsgebiets Innenstadt aktiv mit Beratungsgesprächen, einem Social-Media-Guide und Online-Schulungen. Und sobald es die Pandemie-Bedingungen zulassen, möchte Retzlaff auch in ihrem Büro für alle Innenstadt-Belange ansprechbar sein. Dafür werde donnerstags von 15 bis 18 Uhr eine Sprechstunde eingerichtet.
Die Situation mit Corona habe in der Stadt für Offenheit gegenüber neuen Konzepten gesorgt. Und die Krise habe jedem "die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit bewusst gemacht", kann die Innenstadtmanagerin aus ihren bisherigen Gesprächen bereits berichten. Das Wir-Gefühl sei deutlich gestärkt. Nun müssten sich die passenden Partner finden, verweist Retzlaff auf ihre Aufgabe, die Leute zusammenzubringen.
Als Einzelkämpferin ist die Innenstadtmanagerin dabei nicht unterwegs. Sie ist die Schnittstelle zwischen GHV, Stadtverwaltung und allen weiteren Akteuren in Sachen Innenstadt. Die Finanzierung der Stelle teilen sich Stadtverwaltung, der Gewerbe- und Handelsverein und das Land. In der Lenkungsgruppe Innenstadt sind zudem Ines Gaehn, Vertreter des GHV und des Gemeinderats sowie der Industrie- und Handelskammer (IHK) unter Vorsitz von Bürgermeister Christian Ruf beteiligt, um flexibel auf den beschleunigten Strukturwandel zu reagieren. Mögliche Konzepte und Ideen stellten Gaehn und Retzlaff jüngst Henriette Stanley, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Schwarzwald-Baar-Heuberg, vor.
Zum richtigen Zeitpunkt
Rückendeckung kommt auch vom GHV-Vorsitzenden Detlev Maier: "Der Zusammenhalt unter Händler und Gastronomen ist groß, gerade angesichts der Krise. Wir wissen alle: Das schaffen wir am besten gemeinsam." Die Unterstützung durch Tamara Retzlaff komme zum richtigen Zeitpunkt: "Sie bringt sehr viel Erfahrung im Online-Marketing mit und gerade hier benötigen wir jetzt neue Impulse und Unterstützung, um uns in Zeiten des Lockdowns aber auch für die Zeit nach Corona aufzustellen."
Bei der Suche nach passenden Konzepten für die neuen Herausforderungen stellt sich für Gaehn die Frage: "Wofür stehen wir in Rottweil? Was macht uns aus? Was können wir vielleicht besser und was machen wir daraus?" Beim Vorhaben, diesen Wandel aktiv gemeinsam zu begleiten, gelte es, die Vorteile der Stadt in den Fokus zu rücken mit vielen alteingesessenen Unternehmen. Platz für Ketten oder Franchise-Unternehmen sei hier eher weniger. Somit müsse das Ziel "Qualität" und "Exklusivität" sein, um fortbestehen zu können.
Neben dem aktuellen Tagesgeschäft, das bei Tamara Retzlaff derzeit hauptsächlich mit dem Lockdown zu tun hat, arbeitet sie erste Projekte aus. Eine Frühlingsaktion des GHV soll in den Startlöchern stehen, wenn es wieder die Gelegenheit gibt, mit Aktionen in der Innenstadt auf sich aufmerksam zu machen. Und möglichst sollen dabei die Gastronomen eingebunden sein.
Längerfristig ist in diesem Jahr zudem ein Förderwettbewerb angedacht – bei dem es dann doch um das Leerstandsmanagement geht. Die Idee: Für drei leerstehende Innenstadtimmobilien können sich Gewerbetreibende, die langfristig zu Rottweil passen, bewerben und über Vorentscheid und Casting mit ihren Konzepten durchsetzen. Die Stärkung des Online-Auftritts der Geschäfte und eine Professionalisierung des "Rottweiler Talers" sind weitere Aufgaben, die Retzlaff mit der Lenkungsgruppe Innenstadt vereinbart hat.
"Der Zeitpunkt für den Start als Innstadtmanagerin könnte angesichts der Corona-Krise herausfordernder nicht sein", betont Bürgermeister Ruf, blickt dabei aber optimistisch in die Zukunft: "Tamara Retzlaff hat jede Menge gute Ideen im Gepäck."