Jürgen Ludi (von links), Gabriele Jansen und Sabine Ludi mit ihrem Buch „Blindfisch“. Foto: Schneider

Sabine Ludi will sehenden Menschen die Unsicherheit im Umgang mit Blinden nehmen. Dazu hat die Sulzerin ein Buch herausgebracht, in dem sie ihr Leben beschreibt. Doch auch städtebaulich sollten sich einige Dinge ändern, wünscht sie sich.

Sabine Ludi hat eine Mission. „Ich will die Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Handicap abbauen“, erzählt die 56-Jährige.

 

Und um ihren Mitmenschen zu erklären, wie das Leben als blinde Person so ist, hat sie das Buch „Mein Leben als Blindfisch“ geschrieben. „Ich wollte schon immer etwas über mein Leben schreiben“, sagt sie.

Menschen die Unsicherheit nehmen

Der erste Corona-Lockdown sei dann der Anstoß gewesen, ihre Kindheit, die Schulzeit in der Blindenschule und ihre Ausbildung in Worte zu fassen.

„Damit möchte ich Menschen ohne Handicap die Unsicherheit nehmen und für ein entspannteres Verhältnis sorgen“, erläutert sie.

Enthalten sind neben zahlreichen lustigen Alltagsbegebenheiten auch, wie sie ihren Mann kennenlernte und beide nach Sulz zogen. „Wir Blinde haben einen ausgesprochen schwarzen Humor“, meint sie schmunzelnd.

99 Prozent sind „wunderbar“

Und ist damit schon bei einem Punkt, den sie sehenden Menschen gerne mitgeben möchte. „Geht einfach ganz normal auf uns zu“, bittet sie. Statt krampfhaft zu versuchen, Begriffe wie „sehen“ oder auch verschiedene Farben zu vermeiden, solle man reden, wie mit anderen auch.

„Meine Blindheit ist nur ein kleiner Teil von mir, die restlichen 99 Prozent sind wunderbar intakt“, verdeutlicht Ludi es.

Lesung zum Mitmachen

Und um anderen nahezubringen, wie das Leben als „Blindfisch“ denn so ist, gibt sie in der Halle 16 am 2. Juli und 24. August jeweils um 18 Uhr eine Lesung. „Ich wünsche mir, dass ganz viele Leute kommen“, sagt sie.

Denn schließlich gäbe es mit ihrem Duft-, Tast- und Geschmack-Koffer etwas, mit dem man seine Sinne ganz anders erleben könne. „Für kurze Zeit sind die Menschen dann blind und können so die Welt anders wahrnehmen“, verrät sie.

Ampel oder Kreisverkehr?

Auch könne man ihren Langstock nehmen und sich damit in der Halle zurechtfinden. „Ich bin immer da und führe“, versichert Ludi. Anfangs sei solch eine Situation wohl immer eine große Vertrauensfrage.

Etwas, wo ihr Vertrauen jedoch schwindet, ist der der Umbau der Kreuzung am Lidl zu einem Kreisverkehr. „Bei einer Ampel höre ich immer das Summen und kann auf dieses Geräusch zugehen“, beschreibt sie das Überqueren einer Straße.

Leitstreifen sind nötig

Gibt es hingegen einen Kreisverkehr ohne Geräuschsignal oder einen Zebrastreifen, laufe sie stets in die Gefahr, von der Richtung abzukommen. „Ich weiß ja nicht, ob die Autofahrer auch wirklich anhalten“, spricht sie über ihre Ängste.

Deshalb seien Leitstreifen auf der Straße notwendig, die rechts und links eine ertastbare Begrenzung darstellten. „Da spüre ich, wenn ich nach einer Seite hin abdrifte“, erklärt Ludi.

Das zweite Buch kommt

Solche baulichen Maßnahmen könnten einfache Maßnahmen sein, um Inklusion zu ermöglichen. „Das beschränkt sich nicht nur auf die Schule“, sagt sie. Der gesamte Alltag müsse für alle Menschen barrierefrei gestaltet werden.

Denn am besten funktioniere es doch zusammen. Das hat sie auch wieder beim Schreiben des Buches gemerkt. „Ohne die Leute, die Bilder rausgesucht, sich Überschriften überlegt oder Förderanträge stellt haben, wäre das gar nicht möglich gewesen“, ist Ludi überzeugt.

Ein zweites Buch ist schon in Planung. Darin wird es um ihr elektrisches Senioren-Mobil gehen oder die Frage, wie blinde Menschen denn träumen.

„Auch dann sind alle wieder herzlich eingeladen“, blickt Ludi in die Zukunft.