Jürgen (von links) und Sabine Ludi zeigen gemeinsam mit Gabriele Jansen verschiedene Hilfsmittel für blinde Menschen, etwa eine „sprechende“ Tastatur und eine Küchenwaage. Foto: Schneider

Sabine Ludi bringt bei ihrer Lesung in der Halle 16 Menschen nahe, wie es sich als blinde Person lebt. Dabei erzählt sie mit viel Humor von besonderen Begebenheiten und beschreibt verschiedene Szenen anhand ihres Buches „Mein Leben als Blindfisch“.

Sie kennt fast alle persönlich. In der Halle 16 sagen alle Besucher ihre Namen, da Sabine Ludi sie schließlich nicht sehen kann.

 

Die 56-Jährige liest – per Brailleschrift – aus ihrem Buch „Mein Leben als Blindfisch“ und erzählt viel aus ihrem Leben. „Ich habe mich einmal fast zehn Minuten mit einem Schneehaufen unterhalten, weil ich dachte, da wäre eine Person“, gibt sie eine lustige Anekdote wieder.

Fahrradfahren und Rollschuhlaufen

Die gute Laune, die von ihr ausgeht, hat vielleicht auch etwas mit ihrem Elternhaus in Nordrhein-Westfalen zu tun. „Ich war immer mit dabei“, beschreibt sie das Leben mit vier Geschwistern und zahlreichen Cousinen.

Ihre Eltern hätten sich stets für sie eingesetzt, aber sie auch nie in Watte gepackt. So war das anfängliche Fahrradfahren oder Rollschuhlaufen für das geburtsblinde Mädchen geprägt von so manchen Stürzen und Schrammen.

Schule für Blinde

„Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten“, beschreibt Ludi das Motto, dank dem sie heutzutage mit beiden Beinen im Leben steht. Allerdings schafften es auch ihre Eltern nicht, dass in den 60er-Jahren ein Kindergarten ein blindes Kind aufnahm.

Besser wurde es in der Blindenschule in Düren, in die Ludi jeden Tag mit dem Taxi fahren konnte. „Wir hatten alle Fächer wie sehende Schüler auch, nur mit besonderen Unterrichtsmaterialien“, beschreibt sie die Zeit.

Die Entdeckung der Eisenbahn

Das Erforschen der Welt mit Händen, Ohren, Nase und Geschmack war ein Zugang, der manchmal zu kuriosen Situationen führte. „Ich hatte zu Hause eine Lokomotive, die richtig pfeifen konnte“, erzählt sie von einem Spielzeug. Als neugieriges Mädchen wollte sie aber wissen, wie der geräuschvolle Schornstein denn von innen „aussähe“ und steckte deshalb ihren Finger hinein – der dann aber feststeckte.

Ausbildung zur Bürokauffrau

Weniger gefahrenvoll gestalteten sich die Schulbesuche im Zoo. „Ich saß auf einem Elefanten, hatte eine Schlange auf dem Arm und ein Äffchen an der Hand“, erinnert sich Ludi an Ausflüge.

Nach der Mittleren Reife hätte sie gerne einen sozialen Beruf gewählt oder sogar studiert. Jedoch riet man ihr, wegen der schlechten Jobaussichten als blinde Person lieber eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu machen.

Spanienurlaub und Fernmeldeamt

Im Internat in Soest lebte sie mit drei anderen Blinden zusammen, mit denen sie auch einen Urlaub in Spanien verbrachte. „Wir fragten uns immer auf Englisch durch, das war ganz toll“.

Da blinde Bürokauffrauen jedoch nicht gefragt waren, arbeitete Ludi schließlich als Telefonistin beim Fernmeldeamt der Bundespost („ Das ging ganz ohne Buchführung“).

Liebe mit dem Telefon

Doch hatte diese Umorientieren auch einen Vorteil. „So lernte ich meinen Mann kennen – übers Telefon“, erzählt sie den Kontakt zu Jürgen, der auch bei dem Amt arbeitete, allerdings in Baden-Württemberg.

Einen Lehrgang zur Beamtin schloss Ludi – die einzige Blinde unter lauter sehenden Teilnehmern – mit der Note 1 ab. Die Privatisierung zur Telekom verhinderte jedoch die Verbeamtung. Stattdessen stand dann der Umzug nach Rottweil und später schließlich nach Sulz an, wo das Ehepaar mittlerweile seit 25 Jahren wohnt.

Gelebte Inklusion

Eine Neuerung erfolgte 2012, als Ludi sich einen Screenreader besorgte, der die Schrift des Laptopbildschirms in Sprache umsetzte. Da sie in Sachen Internet und Digitalisierung damals jedoch nicht so viel Ahnung hatte, suchte sie sich Hilfe – bei der 8. Klasse der Realschule.

„Die Schüler kamen zu mir nach Hause und zeigten mir den Umgang mit dem Computer“, erzählt sie. Im Gegenzug ging sie an die Schule und berichtete, wie das Leben als blinder Mensch so ist. „Nur so geht Inklusion“, beschreibt sie dieses Miteinander.

Halle 16

Tag der offenen Tür
Ein Rundgang, um die Barrierefreiheit von Sulz zu testen, findet am Samstag, 28. Juli, zwischen 11 und 18 Uhr gemeinsam mit der Inklusionsgruppe „Hand in Hand“ statt.

Lesung
Sabine Ludi liest am Samstag, 24. August, um 18 Uhr erneut aus ihrem Buch „Mein Leben als Blindfisch“.