Ruth Gronmayer, die Behindertenbeauftragte der Stadt, vor einem abgesenkten Bordstein in der Hochbrücktorstraße. Ohne diesen lässt sich die Straße mit Rollstuhl nur sehr beschwerlich über­queren. Foto: Alt

Rottweils Behindertenbeauftragte Ruth Gronmayer spricht im Interview über Fortschritte, Baustellen und warum die Landesgartenschau für alle ein Gewinn ist.

Warum profitieren auch Menschen mit Behinderung von der Landesgartenschau? Wo hat die Stadt in Sachen Barrierefreiheit und Teilhabe noch Baustellen? Und wie reagiert man eigentlich am besten, wenn ein Kind diskriminierende Ausdrücke aus der Schule mitbringt? Darüber hat die Behindertenbeauftragte der Stadt, Ruth Gronmayer, mit uns anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung gesprochen.

 

Wie gut kommt man als Mensch mit Behinderung in Rottweil zurecht?

Das ist schwierig zu beantworten. Fragen Sie zehn Menschen mit Behinderung und sie bekommen zehn Antworten. Es hat sich in den vergangen Jahren viel getan, es ist viel gelungen. Aber es gibt auch viel zu tun. Und in Rottweil ist das immer auch der besonderen Topographie geschuldet.

Gibt es in Rottweil genügend Angebote?

Ja und Nein. Die Träger der Behindertenhilfe – wie etwa die Lebenshilfe, die Stiftung St. Franziskus, das Solifer – sind sehr aktiv und tun sehr viel für die Inklusion. Aber auch andere Vereine öffnen sich. Ein gutes Beispiel ist der Volksbanklauf. Der TSV hat den Inklusionslauf für Rollstuhlfahrer geöffnet, das ist eine tolle Sache. Auf der anderen Seite ist zum Beispiel das Rottweiler Kino immer noch nicht barrierefrei. Obwohl hier schon viele Gespräche geführt wurden.

Wie groß ist die Nachfrage nach Ihrer Expertise als Behindertenbeauftragte? Und was hat sich seit Ihrem Amtsantritt verändert?

Ich bin seit zehn Jahren Behindertenbeauftragte der Stadt und die Nachfrage nach meiner Expertise ist kontinuierlich groß - das liegt auch an der Landesgartenschau, wo jede Baumaßnahme mit mir abgestimmt werden muss. Mein Bekanntheitsgrad sorgt dafür, dass sich viele Leute bei mir eine Beratung holen. Und dann gibt es noch die Netzwerkarbeit, die einen großen Teil einnimmt. Das ist deutlich mehr geworden. Ich freue mich, dass ich an der einen oder anderen Stelle etwas bewirken kann.

Sie wirken auch an innerstädtischen Projekten, wie etwa der Umgestaltung des Münsterplatzes, mit. Wie tief muss man sich in der baurechtlichen Materie auskennen?

Ich habe mich in die Bauprojekte eingearbeitet. Bei der Begleitung solcher Projekte als Behindertenbeauftragte habe ich immer die Brille Barrierefreiheit auf. Ich weiß, wo ich nachschauen muss, wenn es um die Einhaltung bestimmter Normen geht und habe natürlich auch Menschen mit Hör- oder Sehbehinderungen im Hintergrund, mit denen ich mich austauschen kann, wenn es um deren Belange geht. Natürlich muss das alles auch immer für Rottweil passen. Aber ich denke, wir haben da gute Lösungen bislang gefunden.

Und wo sehen Sie Baustellen?

Baustellen wird es immer geben. Aber im Moment tut sich natürlich sehr viel. Die Landesgartenschau wird auch dafür sorgen, dass sich in Sachen Barrierefreiheit viel tut. Die Gartenschau-Brücke und der Aufzug werden es auch Rollstuhlfahrern ermöglichen, über den Stadtgraben und den Neckar auf das Gartenschaugelände zu kommen. Das ist toll. Noch ist Barrierefreiheit in vielen Köpfen ein „Nice to have“ – daran muss man arbeiten.

Eine andere „Baustelle“ ist Diskriminierung im Alltag – wo findet diese aus Ihrer Sicht vor allem statt? Und wo gelingt Teilhabe besonders gut?

Diskriminierung ist sehr subjektiv. Ich persönlich ärgere mich zum Beispiel darüber, dass ich eine Treppe nicht hoch komme, empfinde das aber nicht als Diskriminierung. Andere schon. Die UN-Behindertenrechtskonvention sagt, Veranstaltungsorte und öffentliche Stellen müssen jedem zugänglich sein. Wenn wir auf die Teilhabe schauen, ist diese dort möglich, wo sich zum Beispiel Vereine öffnen. Da sind der TSV und der Volksbanklauf ein tolles Beispiel. Aber es zeigt auch, dass Inklusion viel Arbeit ist. Man braucht Menschen, die begleiten, unterstützen und vorbereiten. Man muss Begegnungen ermöglichen und die Leute zusammenbringen, um Berührungsängste abzubauen.

Und wie spricht man mit Kindern am besten über dieses Thema? Etwa, wenn sie aus dem Kindergarten oder der Schule behindertenfeindliche Ausdrücke mitbringen?

Kinder sind eigentlich sehr offen und interessiert gegenüber Menschen mit Behinderung. Meistens plappern sie ja irgendetwas nach, von dem sie gar nicht verstehen, was es bedeutet, oder dass es gar verletzend oder diskriminierend ist. Dann sind wir Erwachsenen und die Eltern natürlich gefordert, zu erklären, warum dieses Wort jemand anderen verletzt. Man muss lernen, auf seine Worte zu achten. Eigentlich sind Kinder ein gutes Vorbild, weil sie offen und neugierig sind.

Welche Bedeutung hat der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen für Sie persönlich?

Ich halte von diesen Gedenktagen nicht viel, weil ich denke, dass das, was an diesen Tagen gefordert wird, eigentlich jeden Tag so sein müsste. Auf der anderen Seite, führen Sie und ich dieses Gespräch und sorgen dafür, dass Menschen mit Behinderungen stärker in den Fokus rücken.

Können Sie einen Ausblick geben – wo sehen Sie Rottweil in fünf Jahren in Bezug auf Barrierefreiheit und Inklusion?

Ich hoffe, dass wir den Weg, den wir eingeschlagen haben, auch in Zukunft weitergehen können. Im Moment habe ich bedenken. Die Kassen sind leer und die Befürchtung ist da, dass die Schwächsten der Gesellschaft das zu spüren bekommen. Die Fachstelle Integration wird eingespart, die Zuschüsse für den Mitmachzirkus des Solifer fallen weg, die Kürzung für die Wärmestube konnten nochmal abgewendet werden ... Ich sehe es schon als Aufgabe der Stadt, da weiter am Ball zu bleiben. Es wird noch mehr meine Aufgabe sein zu sagen „so geht es nicht“.