Das Thema Inklusion beschäftigt auch die Stadt Lörrach. Mit einem Pilotprojekt soll jetzt schon im Vorschulalter das Miteinander von Kindern ohne und mit sehr hohem Förderbedarf vorangetrieben werden (Symbolfoto). Foto: Alexandra Günzschel

In Lörrach soll bald ein Pilotprojekt zur Inklusion an Kindergärten starten. Es handelt sich dabei um einen Vorschlag der im Januar neu gegründeten AG Inklusion.

Es ist ein Schritt in Richtung Inklusion schon im Vorschulalter: In Lörrach sollen weitere Kinder mit einem hohen Förderbedarf in verschiedenen Kindertageseinrichtungen aufgenommen werden. In den jeweiligen Gruppen entfällt dafür ein regulärer Kindergartenplatz. Der Hauptausschuss des Gemeinderats stimmte dem Vorhaben nach einigen Rückfragen geschlossen zu.

 

Es geht um Kinder mitsehr hohem Förderbedarf

Anja Renkert, Teamleiterin Kitaplanung bei der Stadt, berichtete in der Sitzung von einer Überforderung der Einrichtungen durch Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. Einigen Eltern sei der Platz aus diesem Grund bereits gekündigt worden. Konkret geht es um Kinder mit einem bereits festgestellten „sehr hohen“ Förderbedarf, aber auch um solche, die davon bedroht sind. Krippenkinder sind von dieser Regelung nicht betroffen.

Der Stadt entgehen durch diese Maßnahme im kommenden Jahr bis zu 35 600 Euro an Elterngebühren. Diese Mindereinnahmen werden in den kommenden Jahren sukzessive noch etwas ansteigen. Für die Ermittlung der Mindereinnahmen wurden 20 wegfallende Plätze bei einem durchschnittlichen Elternbeitrag angesetzt. Der Elternbeitragsverlust durch eine solche Platzreduzierung wird externen Trägern auf Nachweis im Rahmen der Betriebskostenabrechnung durch die Stadt voll ersetzt.

Bei der Platzreduktion wird von der jeweiligen möglichen Höchstgruppenstärke in Abhängigkeit von der Betriebserlaubnis ausgegangen. Das Prinzip kann auch auf die so genannten FIB-Gruppen (Förderung inklusiver Betreuung) in jenen Lörracher Kindergärten angewandt werden, die ohnehin schon als inklusive Einrichtungen gefördert werden. Diese Gruppen sind auf 20 Plätze begrenzt.

Der Förderbedarf eines Kindes soll nach einem eigens entwickelten Einschätzungsbogen bestimmt werden. Kommen die jährlichen Überprüfungen zu dem Ergebnis einer sehr positiven Entwicklung, ist die Aufnahme eines weiteren Kindes in der jeweiligen Gruppe wieder möglich. Das Konzept wurde jüngst bei der Auftaktveranstaltung „Wir leben Inklusion – inklusiver Landkreis Lörrach“ vorgestellt. Die Pilotphase soll mit dem Jahreswechsel starten. Nach einem Jahr wird eine erste Bilanz gezogen.

Lob und Rückfragen aus dem Gemeinderat

Elisabeth Weiß-Sinn (Grüne) lobte die klaren und transparenten Kriterien des Konzepts sowie die Planungssicherheit über drei Jahre hinweg. „Die Inklusion muss früh beginnen, wenn sie funktionieren soll“, betonte Yvonne Sommer (CDU). Dieser Meinung schlossen sich viele ihrer Ratskollegen an. Doch es gab auch Rückfragen: „Wer füllt den Bewertungsbogen aus?“ „Wie können die dadurch wegfallenden Plätze ersetzt werden?“ Und: „Müsste bei der Finanzierung nicht eigentlich das Land einspringen?“

Stadträtin Ulrike Krämer antwortete in ihrer Funktion als Kreisbehindertenbeauftragte. Sie versicherte, dass bei diesem Vorgehen eine Diagnose vorliegen müsse. Die Einschätzungsbögen würden im Austausch von Eltern, Erzieherinnen und Fachleuten des Landkreises ausgefüllt, ergänzte Renkert. Wie Krämer geht auch sie von einem steigenden Bedarf aus. Eine Landesförderung sei vorerst nicht in Sicht, wie zu erfahren war. Allen war klar, dass gerade im Zuge dieser Maßnahme mit wegfallenden Plätzen der Ausbau der Kindertageseinrichtungen weiter vorangetrieben werden muss.

Barrieren sollen abgebaut werden

Mit einem solchen Verfahren schon im Kindesalter könne es gelingen, dass Barrieren abgebaut werden und jedes Kind gesehen, gehört und individuell gefördert wird, erklärt Ilona Oswald, Fachbereichsleiterin Bildung/Soziales/Sport, die Hintergründe. „Wenn Kinder lernen, ohne Überforderung miteinander zu leben und voneinander zu lernen, unabhängig von individuellen Voraussetzungen, entsteht ein Fundament für ein solidarisches Miteinander.“