Martin Weiser kümmert sich gemeinsam mit einem Beirat um die Belange behinderter Menschen im Landkreis Calw.
Menschen mit Behinderungen sollen in einer Kommune genauso gut leben können wie Menschen ohne Behinderung. Sie sollen die gleichen Bedingungen vorfinden, wenn es um Wohnen, den Verkehr sowie das kulturelle Leben, Freizeit und Sport geht. Deutschland hat sich mit seiner Unterschrift unter die UN-Behindertenrechtskonvention ausdrücklich zu diesem Ziel bekannt.
Der durch Multiple Sklerose gehandicapte Cartoonist Phil Hubbe drückte es so aus: „Man muss nicht betroffen sein. Aber man sollte eine Ahnung haben. Nur dann kann es gut werden.“ Rainer Hellstern, der im Rollstuhl sitzt, Martin Weiser, Landkreis-Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Nicolai Stotz, Mitglied des Inklusionsbeirats im Landkreis, und Markus Brandl von der Stadt Calw versammelten sich vor dem Calwer Rathaus, um aufzuzeigen, dass sich im Landkreis Calw einiges tut, „damit es gut wird“. Doch es sei noch ein langer Weg zu gehen, um von einer gelungenen Inklusion sprechen zu können.
Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander
„Inklusion“ kommt aus der lateinischen Sprache. Es bedeutet „Einschließung“. „Niemand soll ausgeschlossen sein,“ klärt Martin Weiser auf. Die Gesellschaft soll sich an die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen, nicht umgekehrt. „Verschiedenheit ist normal.“ Man wolle in der Öffentlichkeit das Bewusstsein schärfen, „dass es noch viel zu tun gibt, um den Behinderten eine Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander zu ermöglichen“.
Gesellschaft nimmt Hindernisse nicht immer wahr
Beispiele für Hindernisse, die ein Mensch ohne Handicap gar nicht bewusst wahrnimmt, gibt es genügend. Sie liegen in Calw sprichwörtlich auf der Straße. „Da machen die schön anzuschauenden Pflastersteine auf dem Marktplatz das Befahren mit einem Rollstuhl zur Qual.“ Das positive Gegenbeispiel: Die Fußgängerzone in der Calwer Lederstraße. Dort ist ein Mittelstreifen rollstuhlgerecht in das Pflasterstein-Ensemble eingearbeitet. Hellstern würde sich so einen Streifen auch auf dem Marktplatz wünschen.
Skurril klingt die Schilderung von Markus Brandl über eine zum Stadtfest gelieferte Behindertentoilette. Die Spülung sollte mit den Füßen bedient werden, was nicht für alle möglich ist. Auch hier fand sich eine Lösung: Die Firma, die diese Toiletten liefert, hatte Exemplare mit Handbedienung parat. „Man musste es halt erst sagen.“
Hesse-Bahn als positives Beispiel
Rollstuhlfahrer Hellstern lobte die neue Hermann-Hesse-Bahn. „Ich war total glücklich, hatte schon fast Tränen in den Augen, als ich zum ersten Mal damit fuhr. Ich kann diese Bahn ohne fremde Hilfe benutzen.“ Denn in der Kulturbahn und den S-Bahnzügen ist er aufgrund der verschiedenen Bahnsteighöhen und -abstände immer auf fremde Hilfe angewiesen. „Somit kommt zum körperlichen Nachteil noch das Gefühl der Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit dazu.“
Nicolai Stotz erwähnte die Kabelbrücken, die bei Großveranstaltungen zwar Stromkabel verdecken, jedoch für Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen ein großes Hindernis, sogar eine Gefahr darstellen. Beim Calwer Weihnachtsmarkt hat man Stände der Aussteller und die dazugehörigen Anschlüsse so geplant, dass keine Kabelbrücken quer verlegt werden mussten. Genau hier wird deutlich, was Martin Weiser beschreibt: „Eine Inklusionsmaßnahme ist erst dann gelungen, wenn man sie gar nicht mehr sieht.“
Markus Brandl blickte nach vorne. Beim Festival „Rock am Brühl“ werden Rollstuhlfahrer auf einer Rampe den exklusiven Hör- und Sehgenuss erleben. Das holprige Wiesengelände als Zugang wird kein Hindernis mehr sein.
Probleme erkennen und ernstnehmen
Man ist sich einig: Alles in allem sind Menschen mit Behinderungen, aber auch Alte und Gehbehinderte sowie Menschen, die mit Kinderwagen unterwegs sind, darauf angewiesen, dass Probleme erkannt, gehört und ernstgenommen werden. Dazu gibt es beim Landkreis Calw die zentrale Stelle mit Martin Weiser. Zudem schuf man einen Beirat, größtenteils mit Betroffenen besetzt, der derzeit aus acht Personen besteht.
Der Beirat setzt sich für eine barrierefreie Gestaltung des Landkreises und für die Förderung der Inklusion ein. Rainer Hellstern sieht die Schaffung des Beirats als „echten Durchbruch zum Erreichen von Verbesserungen.“ Nicolai Stotz: „Mit den bislang erzielten Erfolgen haben wir eine Blaupause für die Zukunft geschaffen.“
Martin Weiser möchte jeden, insbesondere die Kommunen im Landkreis ermutigen, sich mit Fragen und Anregungen direkt an ihn zu wenden. Er sieht sich als Multiplikator bereits erfolgreich umgesetzter Ideen, Ansprechpartner und Begleiter. Die Kontaktdaten des Ansprechpartners für Kommunen und Einzelpersonen: Martin Weiser, Landratsamt Calw, Telefon 0152/25 62 13 23 oder Mail an Martin.Weiser@kreis-calw.de.