Die gebürtige Karlsruherin Natascha Sagorski hat den Mutterschutz nach Fehlgeburten politisch durchgesetzt. Was plant sie als nächstes? Und was erwartet sie von der künftigen Regierung?
Als der Bundestag kürzlich den gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten ab der 13. Schwangerschaftswoche beschloss, war das vor allem ein Verdienst der gebürtigen Karlsruherin Natascha Sagorski, die das Thema mit einer Petition auf die politische Agenda gebracht hatte. Was sie als nächstes plant, und warum viele Familien von der Politik enttäuscht sind, erklärt sie im Interview.
Frau Sagorski, als Sie vom vorzeitigen Aus der Ampel erfuhren: Haben Sie noch daran geglaubt, dass der gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten kommt?
Geglaubt habe ich immer dran, sonst hätte ich gar nicht die Kraft aufgebracht, drei Jahre lang dafür zu kämpfen. Natürlich hatte ich Befürchtungen, aber als der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich in der Bundestagsdebatte dazu sagte „Wir machen noch wichtige Sachen, zum Beispiel den Mutterschutz“, wusste ich: das kommt.
Wie war das Gefühl nach dem Beschluss?
Unbeschreiblich. Als ich vor drei Jahren die Petition zum gestaffelten Mutterschutz startete, dachte ich: „Wenn ich nur ein paar hundert Unterschriften zusammen bekomme, ist es ja auch schon ein Zeichen!“ Nun erreichen mich seit Tagen hunderte Nachrichten von Frauen, die mir danken. Das ist so berührend!
Andere familienpolitische Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag blieben hingegen auf der Strecke. Was enttäuscht Sie besonders?
Ich hoffe, dass der Mutterschutz für Selbstständige in der nächsten Legislaturperiode kommt. Auch die Familienstartzeit, also der zweiwöchige Partnerurlaub nach der Geburt, wäre so ein wichtiges Signal für Familien. Und Elternschaft muss als Diskriminierungsmerkmal ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, sonst haben vor allem Mütter weiterhin berufliche Nachteile. Die Zahl der Kinderkrankentage wurde erhöht, aber Eltern trauen sich teilweise nicht, sie zu nehmen, weil sie Nachteile im Beruf befürchten. Die Politik muss endlich verstehen: Familienpolitik ist auch Wirtschaftspolitik. Sie hat zu wenig Priorität bislang.
Woran machen Sie das fest?
Es gibt viele gute Ansätze, auch in den Wahlprogrammen der Parteien. Zum Beispiel, dass sich das Elterngeld und die Anzahl der Elterngeldmonate erhöhen muss. Aber diese Ideen werden nicht in die Tat umgesetzt, kommen nicht auf die Agenda des Bundestages. Beim gestaffelten Mutterschutz habe ich das erlebt: Ich hatte Politikerinnen vieler Parteien auf meiner Seite. Aber das Thema in die Fraktionen, auf die Tagesordnung der Ausschüsse und ins Plenum zu bekommen, war schwierig. Ich höre oft: „Sie machen ja nur Familienpolitik!“ Familien spüren das und fühlen sich allein gelassen. Das ist gefährlich und treibt sie extremen Parteien zu.
Sie wollen weiterhin politisch arbeiten. Was haben Sie vor?
Ich habe die Organisation „Familie sind alle“ gegründet und will einen großen Familiengipfel ausrichten. Dort sollen sich Politikerinnen, Unternehmen, Aktivisten und Interessenvertreterinnen austauschen und Initiativen für die Politik ausarbeiten. Außerdem ist das Thema Fehlgeburten politisch noch nicht abgeschlossen. Wir brauchen einen Mutterschutz, wenn die Fehlgeburt im ersten Trimester der Schwangerschaft stattfindet. Außerdem mehr Aufklärung der Frauen über medizinische Möglichkeiten und ihre Rechte. Aber ich will auch Familien ermutigen, sich politisch zu engagieren.
Weg ins Politische
Autorin
Natascha Sagorski (40) wächst in Karlsruhe auf. Sie studiert Politik- und Kommunikationswissenschaft und arbeitet im Anschluss als Kolumnistin und Moderatorin für verschiedene Magazine. Heute lebt sie mit Mann und zwei Kindern in München. Zum Thema Fehlgeburten kam sie, weil sie selbst eine erlebte.
Bücher
Zum Thema Fehlgeburt hat Sagorski 2022 das Buch „Jede 3. Frau“ (Komplett-Media, 18 Euro) veröffentlicht, in dem Frauen von ihren Erfahrungen erzählen. Im April 2025 erscheint ihr Buch „Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen: Politisches Empowerment für Familien“ (Beltz Verlag, 18 Euro.