Im ganzen Land gehen Windkraftgegner gegen geplante Windparks vor. Foto: Ruckaberle, Sebastian

Referenten von Vernunftkraft treten regelmäßig bei Bürgerinitiativen in Baden-Württemberg auf. Der Anti-Windkraft-Verein ist höchst umstritten. Das werfen ihm Kritiker vor.

Noch nie hat es in Baden-Württemberg so viele Bürgerentscheide gegen Windenergieprojekte gegeben wie im Jahr 2025. In 16 Kommunen stimmten Bürgerinnen und Bürger 2025 darüber ab, ob in ihrer Gemeinde Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Was für die einen ein notwendiger Beitrag zur Energiewende ist, gilt für andere als Sinnbild einer verfehlten Energiepolitik oder gar als Gesundheitsrisiko.

 

In den meisten Fällen wurden die Bürgerentscheide von lokalen Bürgerinitiativen angestoßen. Unsere Recherche zeigt, dass viele Bürgerinitiativen Verbindungen zu Vernunftkraft haben – einem bundesweit aktiven Lobbyverband. Er lehnt den Ausbau der Windenergie grundsätzlich ab. Kritiker werfen ihm vor, falsche Informationen zu verbreiten und Debatten vor Ort zu radikalisieren.

Fritz Reusswig, Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, sagt, Vernunftkraft habe einen sehr selektiven Umgang mit wissenschaftliche Fakten. Eine Greenpeace-Recherche wirft Vernunftkraft zudem vor, Industrieinteressen hinter Bürgerinitiativen zu tarnen und bezeichnet Vernunftkraft als „trojanisches Pferd der Industrie“. Auch pflege Vernunftkraft Verbindungen zu rechtspopulistischen Netzwerken, so Lobby Control.

Auf Anfrage führt Vernunftkraft eine Stellungnahme gegen die Lobby Control-Darstellung an und wehrt sich gegen die Vorwürfe. Lobby Control gebe Vernunftkraft nicht „neutral“ wieder und stelle „verkürzte, unbelegte oder irreführende Behauptungen“ auf, heißt es darin. Auch wehrt sich der Verein gegen die Anschuldigung Unterstützung von der Kohle- oder sonstigen Energiewirtschaft zu bekommen.

Das Netzwerk Vernunftkraft

Bürgerinitiativen wie „Windvernunft Wolf Kinzig“, „Bürgerinitiative Wildberg“ oder „Windkraftfrei Calw“ verweisen auf ihren Homepages auf die Bundesinitiative Vernunftkraft. Der Verein mit Sitz in Berlin bietet lokalen Bürgerinitiativen vorgefertigte Argumentationsmuster, Flyer und Plakatvorlagen.

Nach Einschätzung von Lobby Control, einem Recherchenetzwerk zum Thema Lobbyismus, ähneln die Argumentationslinien von Vernunftkraft denen von Leugnern des menschengemachten Klimawandels. So heißt es dort etwa, der Ausbau der Windenergie habe keinen messbaren Einfluss auf das Klima, zudem wird vor angeblichen Gesundheitsgefahren durch Infraschall gewarnt.

Darüber hinaus vermittelt Vernunftkraft Referenten für Informationsveranstaltungen. Unsere Recherche zeigt: Viele Redner, die in den vergangenen Jahren bei Anti-Windkraft-Veranstaltungen in Baden-Württemberg auftraten, haben enge Verbindungen zu dem Verein.

Die Referenten hinter Vernunftkraft: Fritz Vahrenholt, Detlef Ahlborn, Michael Thorwart, Christoph Canne. Foto: Illustration: KI/Sebastian Ruckaberle

„Klima-Sarrazin“: Fritz Vahrenholt

Als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Umfeld von Vernunftkraft gilt der Diplom-Chemiker Fritz Vahrenholt. Auf der Website des Vereins wird er unter der Rubrik „Menschen“ an erster Stelle genannt. Allein im Jahr 2025 hielt er neun Vorträge in Baden-Württemberg. In fünf der Orte fanden im selben Jahr Bürgerentscheide zu Windenergieprojekten statt. Auf Anfrage teilte er mit, kein Geld erhalten zu haben. Er wolle das Anliegen unterstützen, „Windkraftanlagen im Wald zu verhindern“.

Lobby Control bezeichnet Vahrenholt als Klimafakten-Leugner, der „Spiegel“ nennt ihn einen Klimawandel-Skeptiker, die „taz“ tituliert ihn als „Klima-Sarrazin“.

Denn auch Vahrenholt ist Mitglied der SPD und war in den 1990er-Jahren Umweltsenator in Hamburg. Später machte er Karriere bei Shell und saß im Vorstand der RWE-Tochter Innogy. Dort war er noch zuständig für erneuerbare Energien. Inzwischen relativiert er den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel.

Vahrenholt hält Kontakt zum Europäischen Institut für Klima und Energie, kurz EIKE. Was nach seriöser Wissenschaft klinge, sei in Wirklichkeit ein Verein mit engen Verbindungen zur US-amerikanischen Klimaleugner-Szene , so Lobby Control. Auf der EIKE-Website finden sich mehrere Artikel und Interviews mit Vahrenholt, zuletzt aus dem Mai 2025. Bereits im November 2021 trat er zudem bei einer Konferenz von EIKE auf. Dort präsentierte er in betont nüchternem Ton Zahlen und Grafiken zum Thema „Energiewende zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.

Auf Anfrage verweist Vahrenholt auf seine Website. Dort hebt er hervor, den Klimawandel nicht zu leugnen. Der renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wirft Vahrenholt jedoch in einem Blogeintrag vor, „leicht widerlegbare Klimaskeptiker-Märchen“ zu verbreiten. Eine von Vahrenholt aufgestellte Behauptung – nämlich dass die globale Durchschnittstemperatur seit 2000 leicht gesunken und erst im ersten Halbjahr 2010 wieder auf 14,2 Grad gestiegen sei – ist laut Rahmstorf „in mehrfacher Hinsicht falsch“. Er schreibt: „In keinem der wissenschaftlichen Klimadatensätze findet man diese mystische Abkühlung.“

Verlag zieht Studie von Detlef Ahlborn und Michael Thorwart zurück

Auch Detlef Ahlborn ist mehrfach bei Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen in Baden-Württemberg aufgetreten. Im Oktober vergangenen Jahres referierte er beispielsweise in Königsbach-Stein im Enzkreis über die vermeintlichen Grenzen der Energiewende. Vorgestellt wurde er als Maschinenbauingenieur, seine Funktion als stellvertretender Vorsitzender von Vernunftkraft blieb unerwähnt und wurde erst durch einen Hinweis auf seiner Präsentation sichtbar.

Ein weiterer Referent ist Michael Thorwart, der in den vergangenen drei Jahren bei sieben Veranstaltungen in Baden-Württemberg auftrat. Gemeinsam mit Ahlborn kritisierte er den von der Landesanstalt für Umwelt bereitgestellten „Windatlas“ und behauptete, die Ertragsprognosen seien um 20 bis 30 Prozent zu hoch angesetzt. Der entsprechende Artikel der beiden wurde im Juni 2023 in der Fachzeitschrift Forschung im Ingenieurwesen veröffentlicht, im November jedoch vom Verlag Springer Nature zurückgezogen. Begründet wurde dies mit methodischen Mängeln, Zweifeln an der Datengrundlage und möglichen Interessenkonflikten: Ahlborn ist Vorstandsmitglied von Vernunftkraft, Thorwart Mitglied der Bürgerinitiative Gegenwind Hohe.

Auf Anfrage verweist Thorwart auf eine Stellungnahme aus dem Jahr 2024. Darin weisen er und Ahlborn die Vorwürfe zurück. Ein Interessenkonflikt sei demnach „konstruiert und abstrus“, die Begründung für den Rückzug des Artikels zudem „nicht stichhaltig“. Weitere Fragen beantwortete Thorwart nicht und bezeichnete die Berichterstattung dieser Zeitung als „tendenziös“ sowie als „unseriöse Meinungsmache“. Eine Anfrage an Detlef Ahlborn blieb unbeantwortet.

Auch Christoph Canne, Pressesprecher von Vernunftkraft, war mehrfach als Referent in Baden-Württemberg aktiv. Obwohl er laut Angaben auf der Vernunftkraft-Website in Saarlouis lebt, wird er bei der Bürgerinitiative „Pro Heuchelberg“ im Kreis Heilbronn als energiepolitischer Sprecher geführt.

Auf Anfrage teilt er mit, dass er sich ohne regionale Präferenz engagiere. „Die Frage der Sinnhaftigkeit von Windkraftanlagen bzw. der deutschen Energiewende stellt sich in allen Bundesländern in gleicher Weise“, antwortet er. Geld von den Bürgerinitiativen bekomme er keines, sagt Canne. Auch der Verein betont, unabhängig und „vollständig ehrenamtlich“ tätig zu sein, wie es auf der Vernunftkraft-Homepage heißt.

Vernunftkraft radikalisiere die Debatte um erneuerbare Energien

Die Akteure und Referenten von Vernunftkraft bezeichnet Fritz Reusswig als „Überzeugungstäter“. Der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung forscht zu gesellschaftlichen Debatten über den Klimawandel und warnt: „Die Vernunftkraftrhetorik vergiftet die Debatte.“ Der lokale Widerstand richte sich meist nicht gegen die Energiewende insgesamt, sondern gegen konkrete Windkraft-Projekte im eigenen Ort.

Doch genau hier verändere sich der Ton. Bürgerinitiativen übernähmen Argumente, die Zweifel an Windkraft säen und wissenschaftliche Fakten infrage stellen. Aus der Sorge um Natur und Landschaft werde so Schritt für Schritt eine grundsätzliche Ablehnung von Windrädern – und am Ende der Energiewende selbst.

Die Einschätzung teilt auch Franziska Mey, die am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam zu Beteiligungsprozessen forscht. Sie beobachtet, dass Debatten von außen in die Kommunen getragen werden. „Entsprechend des aktuellen Trends scheint es in den Diskussionen zur Bewältigung des Klimawandels nicht mehr nur um das ‚Wie’ zu gehen, sondern immer häufiger steht auch das ‚Ob’ im Raum“, sagt sie.

Vernunftkraft – ein Scheinriese?

Laut dem Lobbyregister der Bundesregierung hat Vernunftkraft 646 Mitglieder. Eigenen Angaben zufolge sollen bundesweit rund 900 Bürgerinitiativen zum Vernunftkraft-Netzwerk zählen. Reusswig spricht jedoch von einem „Scheinriesen“. Viele Bürgerinitiativen seien nicht mehr aktiv, andere stünden nicht vollständig hinter den Zielen des Vereins.

Ein Beispiel dafür ist die Bürgerinitiative Gegenwind Bergstraße e.V. aus Schriesheim. Sie ist Mitglied bei Vernunftkraft und engagiert sich gegen den Bau von Windkraftanlagen im Odenwald. Im vergangenen Jahr lud die Vorsitzende Karin Reinhard die Vernunftkraft-Referenten Canne und Vahrenholt zu einem Vortrag vor Ort ein. Sie hält sie für glaubwürdige Wissenschaftler. Die Kritik an ihnen weist sie zurück: „Jeder, der sich gegen den Mainstream stemmt, wird doch mit Kritik konfrontiert.“

Infomaterial von Vernunftkraft habe sie nie übernommen. Reinhard sei nicht grundsätzlich gegen Windenergie, nur gegen Anlagen in den Wäldern Baden-Württembergs. Entsprechend wolle sie auch nicht pauschal gegen die Energiewende argumentieren. „Ich muss die Leute vor Ort abholen“, sagt sie.

Genutzt hat es nicht. Ein Bürgerentscheid in Schriesheim und Dossenheim fiel 2025 zugunsten der Befürworter aus. In Sulz am Neckar entschieden sich die Bürger dagegen im Februar 2025 gegen Windkraftanlagen. Auch hier hielten Vahrenholt, Ahlborn und Thorwart Vorträge. Eine Anfrage an die ansässige Bürgerinitiative „Gegenwind Kraftgruppe“ blieb allerdings unbeantwortet.