Heftiger Gegenwind gegen den Lückenschluss der B 523 kommt in den Villinger Wohngebieten Haslach und Wöschhalde auf. Jetzt geht die Bürgerinitiative Nordzubringer Nein Danke verstärkt an die Öffentlichkeit.
„Unser Wohngebiet wäre vom Nordzubringer komplett eingekesselt“, bringt Melanie Olfert ihren Unmut über den geplanten Lückenschluss der B 523 auf den Punkt. Ihren Ärger teilen unzählige Anwohner in den Villinger Wohngebieten Haslach und Wöschhalde. Liege die geplante Straße doch je nach Trassenverlauf keine 200 Meter hinter den bisher am Waldrand liegenden Häusern.
Sie setzt sich mit den weiteren Mitgliedern der Bürgerinitiative (BI) „Nordzubringer Nein danke“ gegen den Lückenschluss zur Wehr. Manche kämpfen seit Jahrzehnten gegen das umstrittene Bauprojekt, neue sind dazugestoßen. Der Widerstand vereine alle Generationen aus den Wohngebieten mit mehr als 6000 Menschen, betont Toni Karle.
Weitreichende Konsequenzen für die Umwelt
Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht nur Lärm vor der Haustüre befürchten, sondern weitreichende Konsequenzen für die Umwelt, und deshalb den Sinn des Projekts in Frage stellen. Als Wohngebiet ohne Ortschaftsrat wie Weilersbach oder Obereschach fühlen sie sich übergangen. Immerhin hätten diese Gremien für sich einiges erreicht. Das Regierungspräsidium favorisiert inzwischen die Variante, bei der es von der B 33 von St. Georgen und Mönchweiler her auf die B 523 geht. Die Kosten alleine für den Knotenpunkt mit Brücke bezifferten die Planer beim Informationsabend im Dezember mit 46 Millionen Euro.
„Neue Straße zieht immer auch weiteren Verkehr an“
„Zig Millionen Euro“ in solch ein Projekt zu stecken, hält Thomas Schumacher mit Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis für sinnlos. Zumal die Investitionen angesichts der geforderten Verkehrswende in die Bahninfrastruktur fließen müssten. Und laut den Prognosen sollen täglich 12 000 Fahrzeuge auf dem Lückenschluss unterwegs sein. „Aber eine neue Straße zieht immer auch weiteren Verkehr an“, erklärt er. Also ebenso das falsche Signal in Zeiten des Klimawandels, in denen andere Formen der Mobilität gefragt seien, unterstreicht Melanie Olfert.
Sie und ihre Mitstreiter sind überzeugt, dass auch mit dem Lückenschluss 20 000 Autos durch den Ort fahren und die Entlastung weitaus geringer ausfallen würde als angegeben. Sind die heiß diskutierten Anschlüsse bei Nordstetten und der Alten Ziegelei doch gestrichen – so gebe es keinen Anschluss ans Gewerbegebiet Vockenhausen mit Continental.
BI die Zeitersparnis durch die Umfahrung
Überhaupt bestreitet die BI die Zeitersparnis durch die Umfahrung. Bis zu 15 Minuten hätten die Befürworter ins Feld geführt, während die Gegner nach eigenen Erfahrungen von rund acht Minuten ausgehen. Falls gar ein Lastwagen mit über 7,5 Tonnen die Verbindung nutze, dürfe er nur mit Tempo 60 unterwegs sein und bremse alle anderen aus, sieht Elisabeth Pflüger ein Hindernis.
Mit ihren Einwänden geht die BI jetzt an die Öffentlichkeit. Geplant ist, sich mit anderen zu vernetzen, beispielsweise mit der Aktionsgruppe aus Weilersbach. Eine Unterschriftenliste und eine Petition im Internet sind auf den Weg gebracht, ein Flyer ist zusammengestellt und ein Informationsabend in Planung. Locker lassen wollen sie nicht mit ihrem Widerstand gegen den Lückenschluss, kündigen sie an – notfalls mit einer Klage.
Das sind die Argumente der BI gegen den Lückenschluss
Verkehrslärm: Der zu erwartende Verkehrslärm treibt die BI um. Je nach Trassenführung sei mit einer hohen oder sehr hohen Lärmbelastung zu rechnen, argumentiert Schumacher. Schon jetzt sei für viele Anwohner im Haslach die Geräuschkulisse der Obereschacher Straße allgegenwärtig.
Naherholungsgebiet: Die Wiesen und Wälder zwischen Haslach, Wöschhalde, Nordstetten und Obereschach sind ein Naherholungsgebiet für Menschen aus den Wohngebieten. An schönen Tagen reicht der Blick von den Wegen auf der Höhe bis in die Alpen. „Das wäre unwiederbringlich verloren“, betont Schumacher. Gerade in der Wöschhalde gebe es viele Wohnungen, die höchstens einen Balkon haben, so dass die Bewohner um so mehr auf grüne Flächen angewiesen seien.
Mehrkosten: Die BI geht von immensen Mehrkosten bei den Arbeiten rund um den ehemaligen städtischen Verbrennungsplatz Biswurm beim Mönchsee aus. Zu vermuten sei, dass im Untergrund etliche Tonnen an Schadstoffen lagern, erläutert Elisabeth Pflüger. Wenn Bagger das Erdreich aufwühlen, könnten Giftstoffe in die Umwelt gelangen. Weder die Entsorgung der Altlasten noch die Renaturierung des Geländes befinde sich in der Kostenschätzung.
Naturschutz: Es gelte, Flora und Fauna zu schützen. Beim Mönchsee drohe die Zerstörung wertvoller Feuchtflächen, es gebe seltene Tieren und Pflanzen. Landwirtschaftliche Flächen seien betroffen. Zudem zerschneide die Trasse einen Wald, der als CO2-Speicher und für das Trinkwasser eine wichtige Rolle spiele.
Flächenversiegelung: Die Flächenversiegelung ist der BI ein Dorn im Auge, auszugehen sei von einem Verbrauch von rund 20 Hektar. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr auf unter 30 Hektar pro Tag zu senken und strebt bis 2050 an, diesen Wert auf Netto-Null zu senken. „Welche anderen Straßen sollten denn dann aufgerissen werden, um das zu erreichen?“, wirft Schumacher ein.
Klimaschutzgesetz: Der Bau des Nordzubringer ist nach Einschätzung der BI nicht mit dem Klimaschutzgesetz des Bundes vereinbar. Laut dem Bund Naturschutz (BN) sind dessen Vorgaben nicht nur auf Emissionen durch Autos und Lastwagen bezogen, sondern auch auf die beim Bau und Betrieb neuer Straßen entstehenden Schadstoffe. Derzeit laufe eine Klimaschutzklage gegen eine Ortsumgehung um Dinkelsbühl, informiert Max Bammert. Falls diese Erfolg habe, ziehe das Konsequenzen für den Lückenschluss in Villingen-Schwenningen nach sich.
Vorschläge für neue Verkehrsführung
Kreisverkehr
Die Bürgerinitiative Nordzubringer Nein Danke bringt eigene Ideen für eine neue Verkehrsführung ohne den Lückenschluss der B 523 ein. Mit fünf neuen Kreiseln sei es möglich, den Verkehr auf dem Nordring und dem Außenring schneller voranzubringen, ohne die Landschaft zu zerstören, erläutert Max Bammert die Pläne. Als Standorte nennt er die Kreuzung Drachenloch/Nordzubringer beim Kulturzentrum Klosterhof, die Einmündungen von Nordring, Habsburgerring, Wieselsbergstraße und K570, an der Kreuzung der 5709 und dem Außenring bei Nordstetten, der Kreuzung Berliner Straße, Max-Planck-Straße und Gottlieb-Daimler-Straße beim Industriegebiet Vockenhausen und im weiteren Verlauf eine neue direkte Auffahrt von der rechten Fahrbahn in der Berliner Straße auf die B33, um die Ampel zu ersetzen. Für diese Umbauten müsse allerdings die Stadt beziehungsweise der Kreis aufkommen, während der Bund die Kosten für den Nordzubringer tragen müsse, nennt Bammert mögliche Bedenken.