Ingo Dachwitz klärt über die Hintergründe des Erfolgs von Künstlicher Intelligenz auf. (Symbolfoto) Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Der Journalist und Autor Ingo Dachwitz stellt in einer Lesung an der Uni Freiburg sein neues Werk „Digitaler Kolonialismus“ vor.

Die Welt ist im KI- und Digitalisierungsrausch. Spätestens seit der Vorstellung der Künstlichen Intelligenz „ChatGPT“ im Herbst 2022 scheint den lebensverändernden Möglichkeiten der Computerwissenschaft keine Grenze mehr gesetzt. Über Risiken wird hingegen weniger gesprochen. Der Journalist Ingo Dachwitz und der Jurist Sven Hilbig haben für ihr Buch „Digitaler Kolonialismus“ hinter die Kulissen geschaut. Was sie dabei entdeckten, brachte ihnen 2025 eine Auszeichnung als „Wissensbuch des Jahres“ des Magazins Bild der Wissenschaft ein. Am Donnerstag stellt Dachwitz das Werk an der Uni Freiburg vor.

 

Herr Dachwitz, in Ihrem Buch befassen Sie sich mit einer neuen Art des Kolonialismus. Was muss man sich unter „Digitalem Kolonialismus“ vorstellen?

Der digitale Kolonialismus beschreibt die Macht- und Ausbeutungsverhältnisse, die hinter dem digitalen Fortschritt stehen, von dem wir alle profitieren. Also: Hinter den digitalen Diensten und Geräten, die wir nutzen können. Aber eben auch hinter dem Aufstieg einer neuen Klasse von Herrschern in Form von Tech-Milliardären, die sich an die Spitze der Weltwirtschaft setzen und politisch Einfluss nehmen. Wir beschreiben in unserem Buch, wie sehr der Aufstieg der Digitalkonzerne auch auf Ausbeutung beruht und damit gewissermaßen Kolonialismus fortschreibt.

Ingo Dachwitz ist zu Gast an der Uni Freiburg. Foto: Darja Preuss

Erläutern Sie das bitte etwas näher, auch im Hinblick auf das Thema KI.

Die Heilsversprechen der Künstlichen Intelligenz, vom Ende des Klimawandels über Wachstum und Effizienz bis hin zur Beseitigung des Hungers in der Welt, haben den Mythos geschaffen, dass KI wie eine magische Maschine arbeitet. Für unser Buch haben wir in den Maschinenraum geschaut und untersucht, wie viel menschliche Arbeit notwendig ist, damit die KI-Maschine funktioniert. Nehmen wir ChatGPT als Beispiel: Ein Teil des Erfolgs liegt nicht nur darin, was die KI sagen kann, sondern auch darin, was sie nicht sagt. Man wird von ihr zum Beispiel nicht mit gewalttätigen oder sexualisierten Inhalten konfrontiert. Warum ist das so? Vereinfacht gesprochen, weil in Ländern wie Kenia unzählige junge Digitalarbeiterinnen und -arbeiter die schlimmsten Inhalte des Netzes sichten und als ungeeignet markieren. Das sind traumatisierende Tätigkeiten. Für weniger als zwei Dollar pro Stunde, ohne psychologische Betreuung, Krankenversicherung oder Altersvorsorge. Wirklich ausbeuterische Arbeitsverhältnisse also, die essenziell für den Erfolg digitaler Dienste sind. Ähnliche Zustände herrschen in der Content-Moderation sozialer Medien.

Wie haben Sie das nachgewiesen?

Wir haben mit Menschen gesprochen, die solche Tätigkeiten ausüben oder ausgeübt haben, und mit Forscherinnen und Forschern, die entsprechende Verträge eingesehen haben. Das ist kein Geheimwissen, das wir aufgedeckt haben. Wir haben es lediglich so aufgeschrieben, dass es in Deutschland ankommt, denn hier weiß kaum jemand davon. Die Weltbank schätzt, dass bis zu 430 Millionen Menschen weltweit hinter den Kulissen der digitalen Welt arbeiten. Sie erledigen die Knochenarbeit, mit der andere Milliarden verdienen. Dieselben Tech-Milliardäre übrigens, die aus Geiz nicht genug gegen die schädlichen Auswirkungen ihrer Plattformen unternehmen, weshalb diese zu Brandbeschleunigern für Konflikte werden. Und die, wie Mark Zuckerberg in Vietnam, lieber mit Diktatoren kooperieren, als einen Markt zu verlieren. Ein weiterer Aspekt ist der ökologische Fußabdruck des digitalen Fortschritts: Der Strom- und Wasserverbrauch für den Betrieb digitaler Dienste entspricht bald dem eines ganzen Landes wie Frankreich. Die dadurch verursachten Klimaeffekte sind besonders im globalen Süden spürbar. Hinzu kommt der hohe Rohstoffbedarf für Akkus in Smartphones und E-Autos, der vielfach unter katastrophalen Arbeitsbedingungen abgebaut werden, etwa in Kobaltminen im Kongo..

Co- Autor ist der der Jurist Sven Hilbig . Foto: C. H. Beck

Was folgt daraus für uns Nutzer und für die Politik? Abschalten?

Ein Anfang ist gemacht, wenn wir uns von der trügerischen Erzählung lösen, dass KI unsere Probleme lösen wird. Wir müssen aber auch die gefährliche Machtkonzentration bei den großen Tech-Konzernen und Menschen wie Elon Musk aufbrechen, dem derzeit 60 Prozent der Satelliten in der Erdumlaufbahn gehören. Der digitale Kapitalismus ist ein entfesselter Kapitalismus, der mehr mit seinen kolonialen Wurzeln zu tun hat als mit dem, was wir in Deutschland unter sozialer Marktwirtschaft verstehen Am Ende landen wir bei Fragen, die uns alle angehen: Welche Digitalisierung wollen wir eigentlich, und welche digitalen Dienste wollen wir nutzen?

Der Vortrag an der Uni Freiburg

Zur Person
Ingo Dachwitz wurde 1987 in Bremen geboren, hat an der Freien Universität Berlin Medien- und Kommunikationswissenschaft studiert und arbeitet seit zehn Jahren beim Nachrichten- und Digitalportal netzpolitik.org. Zu seinen Schwerpunkten gehören Datenschutz und Datenhandel.

Der Vortrag
Am Donnerstag, 29. Januar, stellt Dachwitz sein aktuelles Buch „Digitaler Kolonialismus“ um 19 Uhr in der Reihe „Freiburger Horizonte“ des Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) im Hörsaal 1199 im Kollegiengebäude I vor. Der Vortrag ist öffentlich.