Inge Wößner hat schwere Jahre hinter sich. Doch die 61-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Foto: Cools

"Dass ich nur noch fünf Prozent Überlebenschance hatte, habe ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mitbekommen" – Inge Wößners Geschichte macht auf eine Gefahr aufmerksam, die in jedem Garten lauern kann.

Oberndorf - Auch heute noch fühlt sich Inge Wößner aus Oberndorf nicht sonderlich wohl in hohem Gras oder im Wald. "Die Angst ist geblieben", sagt die 61-Jährige. Im August 2013 wurde sie im Wald von einer Zecke gebissen. Was danach kam, hätte sie um Haaresbreite das Leben gekostet.

 

Dass sie gebissen wurde, entdeckte Wößner erst später. Sie entfernte die Zecke selbst und machte sich kaum Gedanken darüber. Das änderte sich, als ihr auffiel, dass der gerötete Hof um die Bissstelle herum immer größer wurde. Wößner ging ins Krankenhaus. Die Reaktion des Arztes, der an diesem Wochenende Notdienst hatte: Sie solle wegen eines Zeckenbisses nicht so ein Theater machen.

Fatal, denn vielleicht hätte man zu diesem Zeitpunkt noch etwas tun können, wenn man sofort mit der Antibiotika-Verabreichung begonnen hätte – so hätten ihr die Ärzte in Stuttgart gesagt, erinnert sich Wößner. So reiste die Oberndorferin aber für ein paar Tage nach Österreich und spürte von Tag zu Tag, wie es ihr schlechter ging. Sie fühlte sich schwach, hatte Fieber und verspürte Übelkeit.

Als sie nach der Heimkehr die Wäsche wusch, wurde ihr dann "ganz komisch", wie sie sich erinnert. "Ich wusste, irgendetwas stimmt mit mir nicht." Diesmal wurde sie im Krankenhaus stationär aufgenommen. Als das Ergebnis der Blutentnahme vorlag, war Wößner bereits in kritischem Zustand auf der Intensivstation. Ab da wird Wößners Erinnerung lückenhaft. "Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was um mich herum passiert", sagt sie.

Alles ist plötzlich schwer

Als sich die Lage weiter verschlechterte, wurde sie in ein Krankenhaus nach Stuttgart, das auf Neurologie spezialisiert ist, verlegt. Die Diagnose Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Hirnhautentzündung, bekam die Oberndorferin schon gar nicht mehr richtig mit. Auch nicht, dass ihr Leben auf der Kippe stand. Ihre Nieren hatten bereits versagt. Wößner bekam Dialyse. "Ich erinnere mich nur daran, dass es sehr heiß war."

Ihr Körper kämpfte in den folgenden Tagen ums Überleben und schaffte es. Doch mit erheblichen Folgen: "Ich konnte nichts mehr alleine", erinnert sich Wößner. Ihre Arme gehorchten den Befehlen des Gehirns nicht mehr. Sie konnte weder allein duschen, noch essen, noch schreiben, geschweige denn gehen.

Mitte September 2013 wurde sie in die Rehaklinik nach Gerlingen gebracht. Innerhalb mehrere Monate kämpfte sich die mehrfache Mutter ins Leben zurück. Dass jetzt beinahe wieder alles wie früher ist, hat Wößner ihrer Familie und ihren Freunden zu verdanken, wie sie sagt. "Sonst hätte ich, glaube ich, irgendwann resigniert."

Anfangs seien die Ärzte mit einem Brett hereingekommen, auf das man sie geschoben und dann aufgestellt habe, um sie wieder an das Gefühl des Stehens zu gewöhnen.

Zu Hause ging die Arbeit mit Physio- und Ergotherapeuten dann über Jahre weiter. "Anfangs war schon die Treppe vor meinem Haus eine riesige Herausforderung", sagt Wößner. Mit Mosaiksteinen trainierte die Oberndorferin mühsam ihre Feinmotorik – alles war plötzlich mühsam und unvorstellbar schwer.

Im Januar 2014 begann die medizinische Fußpflegerin wieder mit der Arbeit – Stück für Stück. Heute ist sie wieder relativ fit, doch ein paar körperliche "Macken" sind geblieben, wie sie sagt. Das Kämpfen und das neue Erlernen alltäglicher Dinge habe sie gefühlt um Jahre altern lassen.

Kürzlich war der SWR bei der Oberndorferin. Die Ausstrahlung des Beitrags zum verhängnisvollen Zeckenbiss ist im Laufe dieser Woche geplant.

Aktuell ist Wössner immun gegen FSME. Wie lange dieser Schutz anhält, ist jedoch unklar. Ihre Blutwerte werden regelmäßig kontrolliert. Neben den körperlichen Spätfolgen hat die Erkrankung auch psychische mit sich gebracht: Unbeschwert im Gras zu sitzen und die Natur zu genießen, ist für Inge Wößner nur noch schwer vorstellbar.