Die Stammheimer Gemeindehalle ist bei der Infoveranstaltung zum Calwer Krankenhaus voll. Foto: Felix Biermayer

Bei der Infoveranstaltung zum Calwer Krankenhaus wurden die bekannten Positionen ausgetauscht und sich gegenseitig attackiert. Am Schluss stand der Beginn eines Kompromisses – auch wenn weder Bürgerinitiative noch Klinikverbund eine Lösung für das Hauptproblem präsentierten.

Zumindest, dass es am Freitagabend in der Gemeindehalle eine gemeinsame Informationsveranstaltung des Klinikverbunds Südwest (KVSW) und der Bürgerinitiative (BI) Gesundheitsversorgung Kreis Calw zum Medizinkonzept 2023 gab, kann man als Erfolg werten. Das war bei allen Zwistigkeiten im Vorfeld keine Selbstverständlichkeit. Aber auf viel mehr konnten sich die zwei Parteien in Stammheim nicht einigen.

 

Die Sympathien der knapp 1000 Besucher schienen akustisch klar verteilt. Für die Klinikverbund-Seite – das waren Landrat Helmut Riegger, sein Böblinger Amtskollege Roland Bernhard, Geschäftsführer Alexander Schmidtke und der Gutachter Jens Peukert vom Büro Lohfert und Lohfert – gab es öfters Buh-Rufe. Die BI-Seite – vertreten von Bernd Neufang, Friedrich Hezel und Günter Oettling – wurde teilweise frenetisch beklatscht.

Das sagte der Klinikverbund Der Stein des Anstoßes ist das Medizinkonzept 2030, das Peukert in einem Gutachten für den KVSW erstellt hat. Dieses sieht vor, dass die Geburtshilfen aus Herrenberg und Calw in Nagold zusammengeführt werden. Außerdem soll die Neurologie mit Stroke-Unit und die Kardiologie inklusive Herzkatheter von Calw nach Nagold kommen. In Calw werde dafür die Geriatrie gestärkt.

Laut Gutachter steht wirtschaftlicher Aspekt nicht im Vordergrund

Peukert verteidigte dieses Konzept. Es sichere den Standort in Calw und mache das Krankenhaus hier für Mitarbeiter attraktiver. Der wirtschaftliche Aspekt stehe bei dem Konzept nicht im Vordergrund. Aber auch die Finanzen machen dem KVSW Sorgen. Auf „70 Millionen prognostizierter Verlust“, bezifferte es Schmidtke. Riegger erklärte, dass das die Landkreise nicht mehr stemmen können. Deshalb müsse man über das neue Konzept nachdenken. „Das Krankenhaus wird weiter bestehen. 365 Tage, rund um die Uhr“, versicherte er den Calwern. Peukert, Riegger und Schmidtke sprachen zudem alle vom Fachkräftemangel.

So argumentierte die BI Neufang zog das Gutachten grundsätzlich in Zweifel und griff Peukert wiederholt persönlich an. Es handele sich um ein „Gutachten im Elfenbeinturm“. Er fragte sich auch, wo die hohen Verluste eigentlich herkommen. Der Mediziner Hezel verwies auf lange Anfahrtszeiten bei Herzinfarkten nach Nagold. Genau aus diesem Grund habe man sich vor Jahren für Herzkatheter in beiden Kliniken entschieden. Der Gutachter setze die Calwer der Gefahr des „Herztodes“ aus. Und die Stroke-Unit in Calw sei „hoch effektiv“.

Arzt sieht Anfahrtswege als Problem

Auch der Arzt Oettling sah die Anfahrtswege als Problem. Mit dem Kreißsaal in Nagold drohten 34 zusätzliche Geburten auf Landstraßen pro Jahr. Rund 25 000 Menschen erreichten so nämlich keine Geburtsklinik innerhalb von 30 Minuten. Unterstützung bekam die BI vom Calwer Oberbürgermeister Florian Kling. Er mahnte, erst einmal die Umsetzung der Krankenhausreform abzuwarten, bevor man ein neues Konzept erstelle. Sowohl Geburtshilfe als auch Neurologie müssten in Calw verbleiben, forderte er.

Fachkräftemangel als Problem Die Bürger durften ebenfalls Fragen stellen. Manche befürchteten, dass Calw als Stadt für junge Familien an Attraktivität verliert, sollte die Geburtshilfe abwandern. „Der Gutachter ist nachher weg. Welcher Landrat verantwortet, dass Menschen sterben?“, fragte einer dramatisch. Der Calwer Kardiologe und Kreisrat Bernhard Plappert (CDU) meinte, dass der Herzkathter in Calw gute Ergebnisse erziele und erinnerte daran, dass das auf dem Campus in Calw befindliche Zentrum für Psychiatrie die Neurologie dort brauche.

Das Zauberwort lautet „Umsetzungskonzeption“

Sowohl Peukert als auch Schmidkte wiesen wiederholt auf den Personal- sowie Fachkräftemangel jetzt und zukünftig in den Klinken hin. Man könne die Gynäkologie wegen dieses Problems in Calw ab Februar 2024 nicht mehr „rechtssicher“ betreiben, machte Schmidtke deutlich. Man könne gar nicht alles überall anbieten, selbst wenn man es wollte, so der Tenor der beiden – eben weil die Leute fehlen.

Riegger und Neufang bewegten sich zum Schluss noch etwas aufeinander zu. Das Zauberwort war: „Umsetzungskonzeption.“ Denn die Umsetzung des Medizinkonzepts dauere drei bis fünf Jahre, so Riegger. Ob die Neurologie und der Herzkatheter solange in Calw bleibe, fragte Neufang. „Ich kann’s mir vorstellen“, meinte Riegger. Als „Hoffnungsschimmer“ sah dies Neufang. Er hoffte dadurch auf eine neue Evaluierung der Situation in Calw.

Und jetzt? Transparenz und Versachlichung sollte der Abend bringen, planten zumindest die Organisatoren. Die Besucher waren geteilter Meinung. Aber sowohl BI, als auch KVSW präsentierten keine Lösung für das grundlegende Problem: den Fachkräftemangel. Der KVSW will den zwar durch Zentralisierung an einzelnen Standorten verringern. Hier muss aber erstmal die Belegschaft mitmachen. Mehr werden die Fachkräfte dadurch jedenfalls nicht. Und um es einfach zu sagen: Gibt es insgesamt zu wenige Hebammen, ist egal, ob der Kreißsaal in Herrenberg, Calw oder Nagold steht. Dann bleibt er zu – egal wo.