Die Historikerin Hertha Schwarz erläuterte die Infotafeln und führte über die alten Wege durch das ehemalige Lager Kehrhau bei Jettingen. Foto: Baum

Das Lager Kehrhau in Jettingen wurde von der Historikerin Hertha Schwarz erforscht. Parallel zu ihrem Buch wurde auch ein Informationspfad vor Ort im ehemaligen Lagergelände angelegt. Dieser wurde jetzt eingeweiht.

Im südwestlichen Winkel des Jettinger Gemeindewaldes Kehrhau entstand nach Ende des Zweiten Weltkrieges von 1946 bis 1951 das Staatliche Durchgangslager Unterjettingen. Die allgemein als Lager Kehrhau bekannte Einrichtung wurde danach in ein Wohnheim für heimatlose Ausländer umgewandelt. In dieser Form existierte das Lager bis zur Auflösung des Wohnheims im Jahr 1961/1962.

 

Ganz zu Anfang jedoch war das Gelände ein Munitionslager. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges plante die Wehrmacht die Errichtung einer Luftwaffenanlage im Kehrhau. Zu diesem Zweck mietete 1939 das Luftgaukommando VII von der Gemeinde die auf Unterjettinger Markung liegende Parzelle im Kehrhauer Wald.

Auf dem 18,4 Hektar großen Areal wurde dann ein Munitionslager errichtet. Etwas weiter südlich entstand auf Mötzinger Gemarkung ein Nacht-Scheinflughafen.

Vor Ort wurde ein Friedensbaum gepflanzt. Foto: Baum

Im November 1945 verpachtete die Gemeinde das ehemalige Munitionslager an die Flüchtlingsleitstelle des Landkreises Böblingen. Zum Jahreswechsel 1945 auf 1946 wurden 14 der ehemaligen Munitionsbaracken für die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen ertüchtigt. Zu Spitzenzeiten sollen dort mehr als 2000 Menschen täglich untergebracht gewesen sein.

Gemeinde lässt Tafeln erstellen

Die Historikerin Hertha Schwarz arbeitete nun kürzlich die spannende Geschichte des Lagers im Kehrhau auf. Die Gemeinde ließ etliche Infotafeln erstellen, die an verschiedenen Stationen die Geschichte des Lagers wie auf einer Zeitreise erlebbar machen.

Am Samstagvormittag nun wurde der neue Geschichtspfad im Kehrhau offiziell eingeweiht. Die Historikerin Hertha Schwarz war auch anwesend. Sie erklärte beim Rundgang über die alten Lagerwege, wie es wohl früher im Kehrhau ausgesehen hatte.

Auch Bürgermeister Hans Michael Burkhardt begrüßte an die 70 Interessierte zum Rundgang über den neuen Geschichtspfad und zur Pflanzung eines Friedensbaumes auf dem Gelände.

Mittel aus Leader-Programm

Der Geschichtspfad mit den Infotafeln wurde mit finanziellen Mitteln von Leader unterstützt, zudem unterstützte die Gemeinde Jettingen das Projekt. Es sei sehr viel und auch sehr spannend, was im Kehrhau-Wald passiert sei, betonte der Bürgermeister.

Doch der Wald sei nicht nur Naherholung und Geschichtspfad, sondern auch Rohstofflieferant. Daher habe man auch den Jettinger Revierförster Ulrich Alber mit ins Boot geholt, der die Naturverjüngung im Kehrhau erläuterte.

Primär ging es beim samstäglichen Rundgang jedoch um den Wald als Geschichtsort. Mehrfach wurde der Kehrhauwald plan gemacht für die Errichtung der Baracken und des Munitionslagers – daher ist der Wald jetzt noch nicht so alt.

Geschichtsexpertin Hertha Schwarz sprach vom „langen Schatten des Krieges“, der im Kehrhau auch heute noch sichtbar und erlebbar sei – hierzu tragen auch Fundamentreste bei, die noch sichtbar sind. Der Krieg habe als Folge „unsägliches Leid für die Menschen“ mit sich gebracht, erklärte Schwarz.

Menschen waren oft ausgebombt

Viele Menschen mussten fliehen und kamen als Kriegsvertriebene ins Kehrhaulager. „Die Menschen waren oftmals ausgebombt worden, hier im Kehrhau waren sie in Sicherheit – aber die Situation im Lager war auch schwierig“, betonte sie beim Rundgang.

Dass Frieden, wie man ihn heute kenne, das wichtigste Gut sei, wurde deutlich bei der Pflanzung der Friedenslinde in der zentralen Mitte des Kehrhau. „Man muss Konflikte anders lösen als mit Waffengewalt“, sagte Bürgermeister Burkhardt bei der Pflanzung der Linde.

Burkhardt und Schwarz sind sich einig, dass das Thema Kehrhaulager nicht nur in Jettingen und Umgebung die Menschen interessiert. Hertha Schwarz wies auf den Film zum Lager Kehrhau hin, in dem auch Zeitzeugengespräche eingearbeitet sind. Auch auf der Homepage der Gemeinde und des Landkreises Böblingen ist der Film eingestellt.

Hintergründig aufgearbeitet

Die Lagergeschichte ist mit den Infotafeln vor Ort professionell und hintergründig aufgearbeitet worden. Wo früher Bomben lagerten, zogen dann später Menschen ein und lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Normbaracken – mit einem großen Waschhaus, einer Krankenstation und einer Verpflegungsstelle mit Küche. Es gab auch eine Handwerkerbaracke mit Schreinerei sowie eine Kantinenbaracke.

„Manch einer dachte zunächst, er sei beim Kehrhau im KZ gelandet – da musste man wohl erst einmal die Betroffenen beruhigen“, hatte Hertha Schwarz recherchiert. Im August 1946 war die Hauptwelle der Vertriebenen – damals waren zeitgleich über 2000 Menschen auf dem Gelände.