Was war da los am Donnerstag in der Hohenzollernhalle? Der Infoabend zu den Starkregengefahrenkarten der Gemeinde stieß trotz des Ereignisses vom 2. Mai nur auf wenig Interesse. Dabei hatte Referentin Hannah Mirold-Stroh viel Expertise im Gepäck.
Bürgermeister Roman Waizenegger wusste angesichts der spärlich gefüllten Hohenzollernhalle selbst nicht so recht, wie er die Gäste am Donnerstagabend willkommen heißen sollte. „Wir haben extra großzügig gestuhlt, da wir vermutet haben, dass das Interesse am Thema Starkregen nach dem 2. Mai groß ist.“
Daher habe man auch die Vorstellung der Starkregengefahrenkarten für die Kerngemeinde und die Ortsteile, die unabhängig vom Ereignis am 2. Mai in Auftrag gegeben wurden, größer aufgezogen. Dennoch sind am Donnerstagabend nur wenige Bisinger gekommen, was bei den wenigen Interessierten für Kopfschütteln sorgte. Nichtsdestotrotz: „Der 2. Mai wird uns noch weit bis ins kommende Jahr beschäftigen“, so Waizenegger.
Inhaltlich hatte Referentin Hannah Mirold-Stroh vom Ingenieurbüro WALD + CORBE Consulting GmbH aus Hügelsheim, welches die Starkregenkarten erarbeitet hat, eine Präsentation mit 119 Seiten an geballter Information zum Thema Starkregen, Hochwasser und möglichen Schutzmaßnahmen vorbereitet. Auszüge davon im Überblick:
Unterscheidung zwischen Hochwasser und Starkregen
Zunächst machte Mirold-Stroh deutlich, dass zwischen einem Hochwasser und einem Starkregenereignis unterschieden werden muss. Hochwasser trete durch eine Überflutung eines Gewässers infolge andauerndem Regen hervor. Überflutungen durch Starkregen wiederum aufgrund kurzer, intensiver Niederschläge. Letzteres trifft auf den 2. Mai in Bisingen zu, als binnen einer Stunde stellenweise über 60 Millimeter an Niederschlag über die Gemeinde hereinbrach. Mirold-Stroh warnt daher: „Überflutung durch Starkregen kann jeden betreffen. Dazu muss man nicht an einem Fluss wohnen.“ Daher müsste auch zwischen Starkregengefahrenkarten, Hochwassergefahrenkarten und Flussgebietsuntersuchungen unterschieden werden.
Ein Blick in die Hochwassergefahrenkarte
Im Gegensatz zur Starkregengefahrenkarte bildet für ausgewählte Abschnitte der Gewässer Klingenbach und Weidenbach eine Hochwassergefahrenkarte Problemstellen ab. Aber: „In der Hochwassergefahrenkarte sind viele Stellen, die am 2. Mai betroffen waren, nicht als gefährdet markiert“, so Stroh. Eine Bestätigung, warum zwischen Hochwasser und Starkregen unterschieden werden müsse. Die Hochwasserkarte habe zudem – im Gegensatz zur Starkregenkarte – rechtliche Auswirkungen. So ist im Wasserhaushaltsgesetz festgeschrieben, dass in Überschwemmungsgebieten nicht gebaut werden darf.
Unterschied zwischen Starkregengefahrenkarte (SRGK) und Hochwassergefahrenkarte (HWGK)
Die Erstellung einer Starkregengefahrenkarte ist eine Wissenschaft für sich. Grob gesagt: Ein Flugzeug überfliegt das Gemeindegebiet und erstellt damit ein 3D-Modell in einem 0,5 Meter auf 0,5 Meter-Raster des Geländes. Dann wird das 3D-Modell am Computer mit drei Starkregenszenarien (selten/außergewöhnlich/extrem) beregnet. Schließlich werden die daraus entstehenden Wassertiefen und Fließgeschwindigkeiten eingezeichnet. Mirold-Stroh erklärt zur Einordnung: „Das Extremereignis gleicht einer Naturkatastrophe und dient nicht für Schutzmaßnahmen, sondern zum Krisenmanagement.“ Wichtig dazu: Damit sich die HWGK und die SRGK nicht überschneiden, wird angenommen, dass die HWGK-Gewässer im Starkregenfall unendlich wasseraufnahmefähig sind. Grundsätzlich gilt bei der SRGK: Je dunkelblauer die Farbe, desto höher steht das Wasser.
Vergleich zum Ereignis am 2. Mai
Bei der Präsentation am Donnerstagabend wurde auch nochmals ein Blick auf die Starkregenzelle vom 2. Mai geworfen. Wie Bürgermeister Roman Waizenegger betonte, stehe inzwischen fest, dass der Bereich Thanheim, nördlich von der Landesstraße 360, die auf den „Stich“ führt, am stärksten betroffen war. Dort kamen an einer privaten Messstation über 70 Millimeter an Niederschlag zusammen – mehr als bei einem Jahrtausendhochwasser. Auch wenn Waizenegger von dieser Einordnung wenig hält: „Diese Jahresangaben lassen ein Gefühl der Sicherheit entstehen, die es nicht gibt.“ Nur weil Bisingen im Mai getroffen wurde, heißt es nicht, dass man nun für die nächste tausend Jahre verschont bleibe. Wegen des Klimawandels ohnehin nicht.
Passt die Starkregengefahrenkarte zum 2. Mai ?
Viele Bereiche, die am 2. Mai kritisch waren, sind auch in der SRGK markiert. So Im Brühl oder am Grenzbach in Thanheim. Auch am Angelbach oder Karlsbader Weg lag die Karte richtig. Es gibt aber auch Bereiche, die nicht betroffen waren, in der Karte aber eingezeichnet sind. Ein Beispiel hierfür stellt die Bahnhofsstraße dar.
Wie wird mit der SRGK weitergearbeitet?
Fest steht: Hochwasserschutzmaßnahmen sind teuer. Das Land fördert Maßnahmen mit bis zu 70 Prozent, die den Standard HQ100 bieten – sprich Schutz vor einem Hochwasser, das statistisch alle 100 Jahre auftritt. Die SRGK soll aber vor allem dem Risikomanagement dienen. Auch wenn ein Bürger betont: „Die Blaulichtfamilie hat am 2. Mai Schlimmeres verhindert.“ Auch Waizenegger lobt die Helfer. Doch: „Optimieren kann man immer“, erklärt er zur Gesamtstrategie. Anhand der Karten könne man aber auch kleine Maßnahmen angehen. Wie etwa einen Einlauf vergrößern.
Große bauliche Maßnahmen müssten laut Mirold-Stroh im Nutzen-Kosten-Verhältnis stehen. Gebaut wird wohl nur dort, wo die Kosten der Schutzmaßnahmen geringer sind, als die Schäden nach einem Starkregenereignis. Und bis wirklich gebaut werde, könnten mehrere Jahre ins Land ziehen.
Die Karten sind auf der Homepage der Gemeinde einsehbar.