Das Rüstungsgeschäft (hier eine Produktion bei Rheinmetall) hat eine große Normalität bekommen, kann der Industrie derzeit aber nur bedingt aus ihrem Tal helfen. Foto: AFP

Immer mehr Unternehmen im Südwesten wollen auch für militärische Zwecke produzieren. Der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Nils Schmid, warnt vor überhöhten Erwartungen.

Am 20. November richtet die Landesregierung den nächsten Runden Tisch aus, um die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu stärken. Für die Sicherheitswirtschaft bestehen günstige Aussichten.

 

Welches Potenzial hat die Rüstung? Die Aussichten sind, wirtschaftlich betrachtet, glänzend: „Ohne Zweifel wird es ein wachsender Markt sein“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Nils Schmid. „Wir haben sehr stabile Rahmenbedingungen, was selten ist für eine Industriebranche.“ Infolge der Grundgesetzänderung kann die Bundeswehr über mehrere Wahlperioden hinweg für viele Milliarden Euro Rüstungsgüter beschaffen. Und es gibt einen breiten und wohl über viele Jahre tragfähigen politischen Konsens, dass es notwendig ist, zur Landes- und Bündnisverteidigung mehr Geld auszugeben. Bei den erneuerbaren Energien zum Beispiel sei der Weg parteipolitisch deutlich umstrittener.

Staatssekretär Nils Schmid Foto: imago images/Future Image/Frederic Kern

Die Struktur des Rüstungsmarkts hat sich völlig verschoben: „In der Vergangenheit hatten wir wenig Geld und viel Zeit“, sagt der Sozialdemokrat. Kleine Stückzahlen wurden im Manufakturbetrieb hergestellt, um sich zumindest die Fertigkeiten zu bewahren. „Jetzt haben wir viel Geld, wenig Zeit und müssen in die Massenproduktion gehen.“ Mit der Aussicht auf deutlich größere Stückzahlen haben die Unternehmen viel mehr Planungssicherheit. Allein für die Drohnenabwehr sind Schmid zufolge für die nächsten zehn Jahre zehn Milliarden Euro im Haushalt quasi reserviert, für neue Weltraumtechnik sogar 35 Milliarden Euro. Folglich spürt das Verteidigungsministerium nicht nur in der Industrie und beim Mittelstand, sondern auch vonseiten der privaten Investoren oder der Kreditwirtschaft ein stark gestiegenes Interesse.

Wie entwickelt sich die Beschäftigung? Bundesweit werden 105 000 Beschäftigte dem Kern der Rüstungsbranche zugerechnet – inklusive der Zulieferer etwa 150 000. Das ist deutlich weniger, als der Automobilbereich allein in Baden-Württemberg beschäftigt. Bezogen auf die Unternehmen böten sich bedeutende Chancen, und im Einzelfall kann der Wechsel in die Rüstungsproduktion auch für Beschäftigte interessant sein, weil das Qualifikationsprofil ähnlich ist. „Aber selbst wenn wir hohe Zuwächse haben, wird der Arbeitsmarkt nicht über die Verteidigungsindustrie gerettet werden“, warnt Schmid vor allzu großen Hoffnungen auf eine Kompensation des Rückgangs bei Automotive. „Da darf man keine überhöhten Erwartungen wecken – vom Gesamteffekt her wird auch eine wachsende Rüstungsbranche deutlich kleiner bleiben als der Automobilbereich.“

Immer wichtiger wird auch der Dual-use-Bereich, also Produktion für die zivile sowie militärische Nutzung. „Maschinenbauer oder andere Zulieferer, die sich in einem hochkompetitiven Markt wie Automobil, Maschinenbau oder Weltraumtechnik bewegen, können das auch im Verteidigungssektor machen.“ Entsprechend wagen sich jetzt namhafte Mittelständler wie Trumpf, Heidelberger Druck und viele andere auf dieses Feld.

Mehr Auswahl an Anbietern ist auch nötig: Zwar wendet sich das Verteidigungsministerium bei der Beschaffung zunächst an die großen Systemhäuser, vergleichbar den Herstellern in der Automobilindustrie. Dabei sei aber erkennbar, so Schmid, „dass wir wegen des Zuwachses an Rüstungsinvestitionen ein deutlich breiteres Produktionsnetzwerk brauchen“. Auch die Rüstungshersteller seien aufgrund der begrenzten Kapazitäten daran interessiert, die Zulieferernetzwerke deutlich zu verbreitern, um die Aufträge ausführen zu können. Insofern sei es auch das Ziel der Bundesregierung, „mehr Resilienz in die Lieferketten zu bekommen, weil wir im Einzelfall gemerkt haben, dass entscheidende Komponenten auf einer nachgeordneten Zuliefererstufe dann nur noch bei einem Produzenten verfügbar sind“, sagt Schmid. Entsprechend werde versucht, über die Ausschreibungsbedingungen mehr Breite und Diversität in die Wertschöpfungsketten zu bringen.

Was treibt die Unternehmen an? Es ist nicht nur die Aussicht auf Marktanteile und Gewinne, die Unternehmen und Investoren anlockt. Schmid zufolge zeigt sich „bei vielen Unternehmen auch ein Bewusstsein, dass sie jetzt einen Beitrag zur Landesverteidigung leisten müssen“ – eine „gesunde patriotische Motivation, damit Deutschland in diesen Zeiten verteidigungsfähig ist und seinen Beitrag im Rahmen der Nato leisten kann“. Sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Entscheidung der Unternehmen würden „ethische Bedenken zurückgestellt“.

Somit nehmen sich auch Start-up-Investoren-Foren, die bisher etwa nur an Biomedizin oder KI interessiert waren, des militärischen Bereichs an. Er selbst, so Schmid, habe neulich auf einer Konferenz der Deutschen Bank in London über die starken staatlichen Investitionsanreize für Verteidigungsproduktion in Deutschland gesprochen. Inwieweit es beim privaten Kapital zu Verschiebungen kommt, lasse sich aber noch nicht sagen.

Wo liegen die Risiken? Die relativ wenigen Anbieter heute wissen um ihre Marktmacht: Gerade weil so viel Geld fließt, muss der Staat als Auftraggeber besonders genau hinschauen, „inwieweit jetzt eine Rüstungspreisinflation generiert wird“, wie Schmid sagt. Da wolle das Ministerium über die Gestaltung mehr Wettbewerb mit einer Vielzahl von Anbietern erzeugen. Gerade bei den neuen Technologien, also etwa Drohnen, gebe es eine große Zahl neuer Anbieter, die durch die Ausschreibungsbedingungen mit berücksichtigt werden sollen.

Die Frage sei auch, ob es angesichts der höheren Stückzahlen eine Art Mengenrabatt gewährt wird. „Wir haben für beides Anzeichen: Dass im Einzelfall relativ hohe Preise abgefordert werden und dass es bei den Verhandlungsergebnissen nach Ausschreibungen einen Skaleneffekt gibt.“

Wie kann der Südwesten profitieren? In Baden-Württemberg dürfte es vor allem um Erweiterungsinvestitionen gehen, weniger um neue Standorte. „Baden-Württemberg und Bayern haben mit ihrer starken industriellen Basis im Maschinenbau, mit Luftfahrt- und Weltraumtechnik einen Startvorteil“, sagt Schmid. Im Bereich neuer Technologien könnte etwa die Region Karlsruhe mit dem Informatik- und Software-Schwerpunkt besonders profitieren. Er wünsche sich , dass die Unternehmen im Land die Chance nutzen, „aber sie sind den gleichen Bedingungen unterworfen wie alle anderen auch“, so Schmid. „Entschieden wird nach fachlichen Kriterien, nicht nach Geografie.“

Wo sind die Besonderheiten? Zu beachten sind beim Markteintritt in die Verteidigungsindustrie zwei separate Hürden: Um als Lieferant in Frage zu kommen, müssen Unternehmen speziell zertifiziert werden – die Sicherheit der Soldaten muss in besonderem Maße gewährleistet sein. Ferner müssen die Mitarbeiter in Sicherheitsbereichen einer besonderen Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden, um Industriespionage zu unterbinden. An dieser Stelle kommt es immer wieder zu langen Bearbeitungszeiten aufseiten der Behörden.

Das heißt: „Ein Unternehmen kann nicht einfach mal umschwenken, um Verteidigungsaufträge reinzuholen – das muss dann auch eine strategische Entscheidung sein“, sagt der Staatssekretär. Für Automobilzulieferer kann die Hinwendung zum Rüstungsgeschäft somit keine schnelle Lösung sein. „Man muss da schon einen gewissen Anlauf nehmen.“ Generell sollte das Unternehmen auch bereit sein, die Innovationen der Sicherheitsindustrie mitzumachen und technologisch immer weiter voranzukommen.