Nisrin El-Said, Geschäftsführerin des Sozialwerks Hechingen und Umgebung, ist mit der personellen und wirtschaftlichen Situation zufrieden. Foto: Benjamin Roth

Das Sozialwerk Hechingen und Umgebung steht personell gut da und erweitert sein Versorgungsgebiet. Für Pflegekräfte wird ein Gehalt über Tarif und flexible Arbeitszeiten geboten. Wie ist das in Zeiten von Fachkräftemangel in der Pflege möglich?

In Zeiten des Fachkräftemangels in der Pflege kam die jüngste Pressemitteilung des Sozialwerks Hechingen und Umgebung für Außenstehende überraschend: Zusätzlich zum bisherigen Versorgungsgebiet (Hechingen, Rangendingen und Jungingen) bietet das Sozialwerk künftig seine Dienste auch in Bodelshausen, Haigerloch, Bisingen und Grosselfingen an.

 

In dieser Reihenfolge seien die Bürgermeister der jeweiligen Kommunen auf das Sozialwerk zugekommen und hätten um dessen Unterstützung gebeten, wie Geschäftsführerin Nisrin El-Said im Gespräch mit unserer Redaktion mitteilt. Das Personal dafür ist vorhanden: „Wir hätten unser Versorgungsgebiet sicher nicht erweitert, wenn wir die Ressourcen nicht hätten.“

In der Pflege sind 71 Mitarbeiter im Einsatz

Im Zeitraum von Mai 2023 bis Juli 2024 sei es dem Sozialwerk gelungen, zwölf Fachkräfte einzustellen. So sind derzeit im Bereich der ambulanten Pflege 44 Mitarbeiter, im Bereich der Tagespflege 19 Mitarbeiter und im Bereich der spezialisierten-ambulanten Palliativversorgung (SAPV) acht Mitarbeiterinnen tätig. In der Verwaltung kommen zehn weitere dazu. „Wir sind personell gut aufgestellt, auch wenn uns der Fachkräftemangel natürlich auch betrifft“, berichtet El-Said. So gebe es auch beim Sozialwerk Hechingen Nachwuchskräfte, die die Ausbildung abbrechen.

Dass aktiv Fachkräfte eingestellt wurden und auch weiter werden, liege auch am demografischen Wandel in der Belegschaft. Voraussichtlich gehen innerhalb der nächsten sieben Jahre insgesamt 13 Teilzeitkräfte, was 6,25 Vollzeitstellen entspricht, in den Ruhestand. Um für diese Personalabgänge gewappnet zu sein, will das Sozialwerk vorsorgen. Und weil nun eben genügend personelle Kapazitäten verfügbar seien, habe man beschlossen, das Versorgungsgebiet zu erweitern.

Flexible Arbeitszeiten und Zusatzvereinbarungen

Dass sich überhaupt so viele Pflege-Fachkräfte beim Sozialwerk bewerben, kann sich El-Said nur anhand der dortigen Arbeitsbedingungen erklären. „Wir möchten unseren Fachkräften die Arbeit so angenehm wie möglich gestalten.“ Heißt konkret: Das Sozialwerk bietet seinen Beschäftigten sehr flexible Arbeitszeiten. So wird es Müttern mit der Tourenplanung und Arbeitszeit ermöglicht, sich auch um den eigenen Nachwuchs zu kümmern.

Dazu gebe es individuelle Zusatzvereinbarungen mit Mitarbeitern, sodass diese nur an bestimmten Tagen Spätdienst oder nur eine gewisse Anzahl an Wochenenddiensten verrichten können. Diese Zusatzvereinbarungen werden mit dem Betriebsrat abgestimmt.

Gezahlt wird ein übertariflicher Lohn

Ist da nicht Neid unter den Mitarbeitern vorprogrammiert? „Natürlich können wir es nicht ausschließen, aber grundsätzlich haben wir eine hervorragende Teamdynamik“, erklärt El-Said. Dazu funktioniere das Ausfallmanagement gut: „Jeden Tag steht eine Person auf Abruf.“ Anrufe bei Pflegekräften in deren Freizeit, ob diese einspringen könnten, kämen daher so gut wie nicht vor. So bekomme das Sozialwerk Fachkräfte, die anderswo nicht arbeiten könnten.

Nicht zuletzt spiele auch die Bezahlung eine Rolle: Das Sozialwerk zahle übertariflich, Angestellte sind in der Entgeltgruppe P 8 – der Tarif würde aber die Entgeltgruppe P 7 vorsehen.

Ambulante Pflege und SAPV prägen das Betriebsergebnis

Auch wirtschaftlich laufe es beim Sozialwerk gut: Insbesondere mit den Bereichen ambulante Pflege und SAPV verdiene die Einrichtung Geld, bei der Tagespflege wiederum sei das Ziel, bei Null rauszukommen. Dazu kommen Spenden und Mitgliederbeiträge.

Koexistenz mit der Sozialstation St. Fidelis

In wirtschaftliche Schieflage wiederum geraten ist jüngst die Sozialstation St. Fidelis, die Insolvenz angemeldet hat. Dass nun das Sozialwerk in Gebiet der Sozialstation St. Fidelis Aufträge übernimmt, sei nicht als Konkurrenzangebot zu verstehen, heißt es von El-Said.

„Wir ergänzen das Angebot in Bisingen, Grosselfingen und Haigerloch lediglich. Alleine könnten wir den Bedarf dort gar nicht decken.“ Daher gebe es auch einen regelmäßigen Austausch zwischen der Sozialstation St. Fidelis, dem Sozialwerk und privaten Pflegediensten. Ohnehin habe sich das Sozialwerk bisher immer mit der Sozialstation St. Fidelis abgesprochen, wenn die Hechinger Einrichtung Klienten in deren Gebiet übernommen hat. El-Said betont weiter: „Auch uns ist daran gelegen, dass die Sozialstation St. Fidelis wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt.“

Und was ist, wenn sich Mitarbeiter von St. Fidelis beim Sozialwerk bewerben? Das hat es laut der Geschäftsführerin des Sozialwerks bisher noch nicht gegeben.

El-Said: „Wir werben niemand ab. Aber wenn sich jemand bei uns von St. Fidelis bewirbt, prüfen wir natürlich die Bewerbung und legen einer möglichen Anstellung auch keine Steine in den Weg.“

Auch Ehrenamtliche engagieren sich

Tagespflege
 Das Sozialwerk Hechingen und Umgebung baut auch auf Ehrenamtliche, insbesondere im Bereich der Tagespflege. Diese fungieren als Fahrer für den Hol- und Bringservice und unterstützen das Betreuungsangebot. Jüngst haben auch zwei Schüler, die ein Praktikum beim Sozialwerk absolviert hatten, ihr ehrenamtliches Engagement erweitert. „Das unterstützen wir natürlich“, erklärt Geschäftsführerin Nisrin El-Said. Den Senioren bereite es einfach Freude, wenn junge Menschen Zeit mit ihnen verbringen. Dazu könnten so auch potenzielle künftige Arbeitskräfte an den Beruf herangeführt werden. Derzeit suche das Sozialwerk wieder Ehrenamtliche. Es gibt auch eine Aufwandsentschädigung je nach geleisteter Stundenanzahl.

Ambulante Pflege
 Im Bereich der ambulanten Pflege sei es wiederum schwierig, Ehrenamtliche einzusetzen. Dort müssen Qualitätskriterien für einen Einsatz erfüllt sein.