Blick in Stuttgarter Biotonne Quelle: Unbekannt

Von 2015 an soll jeder Stuttgarter Haushalt eine Biotonne haben. Stadt plant Vergärungsanlage.

Stuttgart - Von 2015 an soll in Stuttgart jeder der rund 300.000 Haushalte seine Küchen- und Gartenabfälle in der braunen Biomülltonne entsorgen. Die Stadtverwaltung sucht einen Standort für eine Vergärungsanlage. Er könnte in Zuffenhausen oder Stammheim liegen.

Neben der schwarzen Restmüll- und der grünen Altpapiertonne hat die braune Biotonne vor vielen Hauseingängen in der Landeshauptstadt ihren festen Platz. 1996, als das Kompostwerk in Kirchheim unter Teck in Betrieb ging, wurden die ersten Plastikbehälter in den Filderstadtteilen verteilt. Seit 1999 kann die Tonne im ganzen Stadtgebiet geordert werden. Der stadteigene Abfallwirtschaftsbetrieb (AWS) fährt den Inhalt im jahreszeitlichen Wechsel wöchentlich oder alle 14 Tage für 29,40Euro im Jahr (60 Liter) ab.

Anlagen "keine Stinker mehr"

15 Jahre nach dem Start soll die nächste Entwicklungsstufe in Sachen Biomüll gezündet werden. AWS-Geschäftsführer Thomas Heß, der am Bodensee Erfahrung mit Vergärungsanlagen sammelte, denkt schon länger über die Strom- und Heizwärmeerzeugung aus dem Biomüll nach. Das einst anrüchige Thema soll seinen Schrecken für die Anwohner verloren haben. Die Verrottungsanlage in Kirchheim repräsentiere schon länger nicht mehr als Stand der Technik.

"In der Ökotechnik ist inzwischen viel perfektioniert worden. Die Anlagen sind gekapselt, haben Filter, und sind damit keine Stinker mehr", wirbt der Abfall-Chef um Akzeptanz. Kommende Woche will er im Technikausschuss des Gemeinderates Ergebnisse eines Standort-Suchlaufs vorstellen. "Die Anlage muss gut erreichbar sein", nennt Heß ein Kriterium.

Parallel zur AWS haben sich auch die Mitarbeiter des Umweltamts über die Stadtkarte gebeugt. "Wir konnten zwei Standorte als gut oder sehr gut bewerten", sagt Amtsleiter Werner Flad. In der engeren Wahl steht damit ein Standort in Zuffenhausen, wo sich Stadtbad, Sporthalle, Silcher-, Haldenrain- und die Hauswirtschaftliche Schule als Wärmeabnehmer für die Anlage anbieten. Aber auch die Justizvollzugsanstalt in Stammheim könnte ein Kunde sein - wenn das Land mitspielt.

"Wir wollen den Kompost verkaufen"

"Die Standortsuche lief bei uns ausschließlich nach immissionsschutzrechtlichen Kriterien", erläutert Flad. Sie folgte also der Frage: Wo kann eine Anlage, die mindestens 10.000 Quadratmeter Baugrund braucht, genehmigt werden? Denn "Anlagen mit null Emissionen gibt es nicht", so Flad. Würde am ausgewählten Standort an der Ludwigsburger Straße gegenüber dem Häckselplatz gebaut, könne ein Abstand von 300 Meter zu Wohngebäuden in Zuffenhausen eingehalten werden. Bis Zazenhausen wären es 700 Meter.

"In der Schweiz stehen solche Anlagen mitten in der Stadt", sagt Heß. Er will in Stuttgart einen "Vorzeigebetrieb aufbauen", der ökologisch Maßstäbe setzt und erweitert werden kann. Aus den jährlich 15.000 Tonnen Biomüll, die heute noch per Lastwagen nach Kirchheim gefahren werden, sollen zunächst 17.500 werden. Die Beschränkung hat ihren Grund: Bis zu dieser Tonnage sind die Genehmigungsschwellen einfacher zu überwinden. Die Anlage könnte in der ersten Ausbaustufe Anfang 2014 in Betrieb gehen. Wird die Sammlung von 2015 an zur Pflicht, könnten aber bis zu 30.000 Tonnen verwertet werden.

Am Ende bleibt Flüssigdünger übrig

Mit der neuen Anlage, so verspricht es eine Vorlage für den Gemeinderat, sollen "Behandlungskosten" realisiert werden, "welche deutlich unter denen der heutigen Kompostierung liegen". Die Biomüllgebühr wurde 2011 um rund 20 Prozent gesenkt, womit aber im Winter ein für sechs Monate auf 14 Tage gestreckter Leerungsturnus einhergeht. Dagegen regt sich Widerstand. Verschiedene Fraktionen im Gemeinderat fordern, die Tonne wenigstens sieben oder acht Monate lang im wöchentlichen Turnus zu leeren. "Wir werden dazu eine Rechnung vorlegen", sagt Heß. "Die Räte müssen dann entscheiden, ob sie den Versuch mit der zweiwöchigen Leerung beerdigen wollen." Gelte der 14-Tage-Turnus für die 27.823 ausgegebenen Tonnen nur noch wenige Monate im Jahr, werde die Umstellung für den unter starkem Einspardruck stehenden AWS wirtschaftlich uninteressant.

Mit der neuen Anlage und der späteren Pflichttonne könnte die Biomüllgebühr billiger werden, weil sich Transportwege verkürzen und das ansonsten in die Atmosphäre entweichende Gas über einen Gasmotor und Generator zur Stromerzeugung genutzt wird. Der Strom kann ins Netz eingespeist werden und wird vergütet. "Nicht so hoch wie der aus Solaranlagen oder Windkraft", sagt Heß, aber immerhin. Die Abwärme würde zur Heizung genutzt.

Haben die Methanbakterien, die sich an welkem Gemüse, aber auch fetten Speiseresten laben, ihre Arbeit getan, bleibt am Ende Kompost und Flüssigdünger übrig. "Wir wollen den Kompost kontrollieren lassen und mit Gütesiegel verkaufen", beschreibt Heß die weitere Geschäftsidee. Für den, der sich schon heute gegen die Bund vorgesehene flächendeckende Einführung der Biotonne sträubt, hat Heß ein Beruhigungsbonbon parat: "Es wird Befreiungen geben", sagt er. Wer selbst kompostiere oder die Tonne wegen dichter Bebauung wie in der Innenstadt nicht mehr stellen könne, dürfe mit Nachsicht rechnen.

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