Nach der Verurteilung der aussichtsreichen rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidatin gehen ihre Anhänger und Gegner auf die Straße.
Ein blau-weiß-rotes Fahnenmeer wogte am Sonntag am Vauban-Platz im schicken 7. Stadtbezirk von Paris, gleich hinter dem Invalidendom mit dem Grab Napoleons. Tausende waren nicht für den Ex-Kaiser gekommen, sondern um für die Gründerin des Rassemblement National (RN) zu skandieren: „Marine, présidente!“
Darunter Mario, der das blaue T-Shirt der RN-Jugend trug und aus Rouen in der Normandie nach Paris gekommen war. „Es liegt nicht an den Richtern, zu entscheiden, wer bei den nächsten Präsidentschaftswahlen antreten darf“, meinte der Student zum jüngsten Veruntreuungs-Urteil, das Le Pen von einer Kandidatur in zwei Jahren ausschließen könnte.
In der Hauptstadt kein Großaufmarsch
Rund zehntausend Anhänger waren nach Paris geströmt – was nach Hauptstadt-Verhältnissen keinen Großaufmarsch bedeutete. Parteichef Jordan Bardella (29), der als Ersatzmann Le Pens gehandelt wird, sagte zu tosendem Applaus: „Sie wollten eine Stimme zum Schweigen bringen, aber sie haben ein Volk aufgeweckt.“ Der ambitionierte junge Mann rief loyal dazu auf, sich hinter Marine Le Pen zu scharen.
Le Pen attackierte in ihrer Rede nicht direkt die Richter, warf ihnen aber Parteilichkeit vor. „Das ist kein Gerichtsentscheid, es ist ein politischer Entscheid“, donnerte sie. Natürlich sei sie nicht aus Prinzip gegen die Justiz, nur gegen eine „parteiische“.
Viele Franzosen outen sich nicht
Einmal mehr präsentierte Le Pen sich als Opfer des Systems, um ihren Widerstand anzukündigen. „Wir werden niemals nachgeben, sondern alle legalen Mittel nutzen, um bei dieser Präsidentschaftswahl antreten zu können“, versprach sie ihren Fans. Der eher organisiert als spontan wirkende Auflauf zeigte auf, dass die Rechte nicht gewohnt ist, für ihre Belange auf die Straße zu gehen. Viele Franzosen, die an den Wahlurnen Le Pens Wahlzettel einlegen, würden sich nicht öffentlich outen. Eine Petition für die Kandidatur Le Pens sammelte dagegen in wenigen Tagen 500 000 Unterschriften; das RN verzeichnete 20 000 Parteieintritte.
Gegendemo der Linken
Die Linke wollte sich die Straße nicht nehmen lassen. An der Place de la République organisierte sie eine Gegenkundgebung. Vertreter der linkspopulistischen „Unbeugsamen“ warnten mit ihrem Chefs Jean-Luc Mélenchon vor der „Trumpisierung“ Frankreichs. Am Freitag hatte der US-Präsident eine „Hexenjagd“ gegen Le Pen kritisiert. Der RN-Ordnungsdienst sorgte dafür, dass von den Le Pen-Demonstranten niemand auf die Idee kam, zur einen Kilometer von der Place Vauban entfernten Nationalversammlung zu marschieren.
Sozialisten nehmen nicht an Demos teil
Die Sozialisten fehlten an der Place de la République. „Wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln, dass es ein politischer Kampf ist“, erklärte der Sozialist Nicolas Mayer-Rossignol zur Erklärung. Es gehe um ein „rein juristisches Urteil gegen Le Pen“.
Nördlich von Paris versammelten sich am Sonntag auch Politiker der Mitte aus dem Umfeld von Staatschef Emmanuel Macron, angeführt vom früheren Premierminister Gabriel Attal. Auch er versuchte sich als Kämpfer gegen die extreme Rechte zu präsentieren. Und auch ihm gelang es nicht, sein ganzes Lager hinter sich zu scharen: Ein anderer ehemaliger Macron-Premier, Edouard Philippe, dem noch bessere Chancen bei den Präsidentschaftswahlen eingeräumt werden, erklärte an die Adresse Attals, es genüge nicht, den politischen Gegner zu bekämpfen, wenn man keine politischen Pläne habe.