Wie fühlt sich die Krankheit an? Dieser Frage galt eine Veranstaltung des Pflegestützpunkts Offenburg.Teilnehmer konnten sich an 14 Stationen in Betroffene hineinversetzen.
Erna Müller ist an Demenz erkrankt. Ob Orientierung in gewohnter Umgebung oder das Zuknöpfen ihrer Kittelschürze – was früher eine Kleinigkeit war, geht heute schier über ihre Kräfte oder glückt gar nicht mehr. Sie schämt sich, fühlt sich hilflos – und wird in ihrer Verzweiflung manchmal wütend. Nicht selten reagiert ihr Umfeld mit Unverständnis und Ungeduld.
Erna Müller gibt es nicht, sie steht jedoch für Millionen von an Demenz erkrankten Deutschen. Ihr fiktiver Tagesablauf dient dazu, sich in die Situation von Erkrankten hineinversetzen zu können – und für deren Bedürfnisse und Situation zu sensibilisieren. Möglich machen sollen das spezielle „Demenz-Simulatoren“. Dazu diese auszuprobieren, haben der Pflegestützpunkt Ortenau und das Demenz-Netzwerk Offenburg eingeladen – unsere Redaktion hat sich darauf eingelassen.
Tagesablauf der fiktiven „Erna Müller“ wird erzählt
In den Räumen des Pflegestützpunkts am Offenburger Marktplatz stehen auf Tischen Spiegelboxen – es sind die „Demenz-Simulatoren“. Bevor es losgeht, gibt es eine kurze Einweisung. Es gibt 14 Stationen, um Einschränkungen zu simulieren. Bei der ersten Station geht es um Orientierung. Man schaut sich für eine kurze Zeit einen Plan an, auf dem ein Weg eingezeichnet ist. Diesen soll man sich merken und dann weglegen.
Nun wird ein Plan ohne eingezeichneten Weg in die Holzbox gelegt, in der in einer Innenseite ein Spiegel angebracht ist. Von oben ist die Box nicht einsehbar. Die Aufgabe lautet, den eingeprägten Weg in den Plan einzuzeichnen – allerdings darf man dabei nur in den Spiegel schauen.
Das stellt sich als echte Herausforderung dar. Der Versuch, eine Linie nach oben zu ziehen, resultiert in einer Bewegung nach unten im Spiegel. Möchte man nach links, geht die Hand nach rechts. Es entsteht ein unangenehmes Gefühl in Kopf und Magen. Vor lauter Frust ist die Hälfte des Weges bereits wieder vergessen.
Die Aufgaben sind herausfordernd
Hinz u kommt, dass Ansprechpartnerin Fabienne Steiner vom Demenz-Netzwerk an den Stationen bewusst die Rolle der wenig verständnisvollen Angehörigen spielt und so die Teilnehmer mit kurzen, kritischen Kommentaren zusätzlich unter Druck setzt.
Kaum einer der Teilnehmer schafft es, die Aufgabe zu bewältigen. Zum Abschluss jeder Alltagssituation gibt es kurze Informationen zu den Symptomen einer Demenz.
Weiter geht es zur nächsten Station. Wieder liegt ein Blatt mit einem Straßenplan in einer Spiegelbox. Die Aufgabe dieses Mal: zwei Spielzeugautos zu ihren Zielen zu fahren. Die Orientierung verschwimmt, das Auto lenkt in die falsche Richtung. Die Hand macht nicht, was sie soll. Nur mit Mühe und Not bekommt man die Autos ans Ziel.
Ein teilnehmendes Ehepaar bricht nach der dritten Station ab
Ein Ehepaar beschließt, nach der dritten Station nach Hause zu gehen – die Aufgaben überfordern sie. Viele Teilnehmer berichteten von Gefühlen der Frustration.
Auch drei Frauen der Nachbarschaftshilfe Schutterwald haben die Simulatoren getestet. „Wir bieten Fortbildungen an und möchten künftig auch die Simulatoren einsetzen. Deshalb haben wir sie vorab selbst getestet“, sagte Einsatzleiterin Elke Bierreth. „Es war sehr anstrengend und gleichzeitig unglaublich aufschlussreich. Ich denke jetzt anders über Demenz, weil ich mich durch die Übungen viel besser hineinversetzen konnte und realisiert habe, wie schlimm das ist.“
Martina Bregler, Ärztin aus Offenburg, ergänzt: „Ich unterrichte medizinische Fachangestellte zum Thema Demenz. Durch die Simulation bekommt man ein Gefühl für die betroffenen Menschen. Es ist spannend, aber auch belastend - besonders, weil der Übergang der Demenz schleichend ist und die Persönlichkeit eines Menschen nach und nach verschwindet.“
Für Arno Knee aus Altenheim, dessen Vater seit zwei Jahren an Demenz erkrankt ist, war die Erfahrung frustrierend: „Ich habe versagt, alles war so schwierig zu bewältigen. Es war wirklich sehr ernüchternd. Die Aufgaben hat mir gezeigt, wie viel Geduld man im Umgang mit Demenzkranken braucht.“
Auch Monika Brockmann nimmt wertvolle Eindrücke mit: „Die zwei Stunden waren für mich zu kurz, um alles auszuprobieren. Es war unglaublich anstrengend, ich bin völlig erschöpft. Aber ich kann meine Schwester, die an Demenz erkrankt ist, jetzt besser verstehen.“
„Demenz-Simulatoren“
Die Stadt Offenburg hat die Simulatoren für öffentliche Veranstaltungen angeschafft.Insgesamt sind es 13 Kisten, die auch ausgeliehen werden können – von Privatpersonen, Vereinen, Schulklassen oder anderen Gruppen. Zweimal im Jahr findet die Aktion statt, das nächste Mal am Weltalzheimertag, 21. September.