Im Gedenken an diejenigen, die dem Dritten Reich zum Opfer gefallen sind, wurden bereits 81 Stolpersteine in Lahr verlegt. Schüler der Friedrichschule haben diese gesäubert und die Geschichte der Menschen erzählt, die auf den Steinen verewigt wurden.
Unter dem Motto „„Minorities matter“ – zu Deutsch: Minderheiten zählen – hat die Friedrichschule Lahr die Geschichte rund um den Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Behutsam und direkt begegnen die Lehrer dem Thema, das schließlich darin gipfelte, dass die Schüler in Gruppen aufgeteilt, die Stolpersteine in der Innenstadt auf Hochglanz putzten. „Eingebettet ist diese Aktion in das Erasmus-Projekt unserer Schule“, erklärt Schulleiter Stephan Seizinger.
„Es ist wichtig, dass wir diese Arbeit machen“, betont Noor Abdulahad im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Achtklässlerin kommt selbst aus dem Irak und weiß, was es heißt, seine Heimat verlassen zu müssen. Dass die Juden damals auf bestialische Art und Weise getötet wurden, hinterlässt heute auch bei Bawan Hama großes Entsetzen.
Schüler legen weiße Nelken nieder
In den Händen halten die Jugendlichen weiße Nelken, die sie im stillen Gedenken an den geputzten Stolpersteinen niederlegen. „Schließlich wurden all diese Menschen aus ihren Häusern und ihrem Umfeld brutal herausgerissen“, betont Bawan Hama. Auch er wisse, was es heißt, Freunde und lieb gewonnene Menschen im Nordirak zurückzulassen.
Kein Murren und kein Klagen, mit der größten Behutsamkeit und Selbstverständlichkeit haben sich die Jugendlichen den Steinen und deren Geschichte genähert. Dafür haben sich die Jugendlichen aus der siebten bis neunten Klasse mit ihren Lehrern auf die Knie begeben. Geputzt wurden so gut wie alle Stolpersteine, die sich im inneren Stadtgebiet befinden. Bevor die Jugendlichen jedoch mit Zitronen und Salz ans Putzen gingen, wurde eine Kurzbiografie der Menschen von den Schülern verlesen. Fundierte Informationen über die Menschen und deren Geschichte erhielten die Jugendlichen von Stadtarchivar Thorsten Mietzner und Stadthistorikerin Elise Voerkel.
Im Grunde erfahren Kinder aus allen Schulklassen etwas über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands. „Für uns als Schule ist das ein sehr wichtiges Thema“, erklärt Schulleiter Stephan Seizinger. Ein Stolperstein liegt auch direkt vor dem Portal der Friedrichschule für Katharina Vieser. Kurz heißt es darauf: Katharina Vieser, JG. 1898 ermordet in Grafeneck, 26. November 1940. Die Schüler standen auch um diesen Stein herum. Mara putzte ihn und legte eine weiße Nelke nieder.
In ihrer Biografie wird die gebürtige Lahrerin auf der Webseite „Gedenkstätten Südlicher Oberrhein“ als ein fröhliches Kind aus der Stefanienstraße, das im landwirtschaftlichen Anwesen ihrer Eltern aufwächst, beschrieben. Von 1904 bis 1912 besuchte sie die Friedrichschule in Lahr, weshalb dort auch der Stolperstein für die Schule am richtigen Platz liegt. Infolge von Depressionen – vermutlich nach der ersten und zweiten Schwangerschaft – blieb sie in psychiatrischer Behandlung und gerät in die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten. Am 26. November 1940 wurde sie in der Gaskammer von Grafeneck ermordet.
Nicht nur in Lahr hat man sich mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt: Auch in den Partnerschulen in Rumänien und Spanien wurden ähnliche Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte veranstaltet.
Info – „Schule mit Courage“
Seit dem Schuljahr 2015/16 ist die Friedrichschule eine Gemeinschaftsschule. Aktuell besuchen mehr als 370 Schüler die Einrichtung und werden dabei von 40 Lehrkräften sowie weiteren pädagogischen Mitarbeitern unterstützt. Die Friedrichschule ist bundesweit eine von 4000 Schulen mit dem Siegel „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“. Seit dem 1. Januar 2022 nimmt die Friedrichschule an dem von der Europäischen Union geförderten Erasmus-Projekt „Be the Change“ teil. Dabei setzen sich die teilnehmenden Schüler mit den Themen Respekt, Toleranz, soziale Empathie und Selbstkritik auseinander. Aktuell heißt das Thema: „Minorities matter“. Es besteht eine Kooperation mit einer Schule in Rumänien und der Türkei.