Die Sopranistin Ingala Fortagne (Mitte) schlüpfte in der ehemaligen Synagoge in die Rolle der Louise Hartung. Foto: Schillinger-Teschner

Das historische Gebäude bot eine Bühne für das Musikstück „Louises Traum oder Where the fuck is Kurt Weill“. Auf unkonventionelle Weise wurde so das Leben des Ausnahmekomponisten mit Wurzeln in Kippenheim beleuchtet.

Wo zum Kuckuck ist Kurt Weill? Diese Frage stellt sich die Sängerin Louise Hartung im in der ehemaligen Synagoge aufgeführten Stück. Kurz vor ihrem Auftritt träumt sie, mit dem Komponisten Kurt Weill, zum Vorsingen für dessen Stück „Der Silbersee“ verabredet zu sein, kann diesen jedoch im Theater nicht finden. Ihr Traum führt sie nach Dessau, in Kurt Weills Villa in Kleinmachnow, nach Paris, wohin Weill 1933 vor dem Nazi-Regime geflohen war und schließlich nach New York, wo Kurt Weill im Alter von nur 50 Jahren im Brook House verstorben ist.

 

Jede Station ihrer Traum-Reise auf der Suche nach Weill führt Louise, gespielt und gesungen von Ingala Fortagne, in prägnante Stationen im Leben des Komponisten, welche durch Melodien aus dessen Werken unterstrichen werden. Dabei schlüpft die Sopranistin in verschiedene Rollen, wie Weills Mutter an einem Shabbat-Abend in Dessau oder Weills große Liebe und Ehefrau Lotte Lenya. Als letztere lassen der ergreifende Gesang sowie das Schauspieltalent von Fortagne die Zuhörer alle Höhen und Tiefen der Beziehung miterleben. Fortagne setzte ihre Stimme nuanciert, kraftvoll oder zerbrechlich ein und nahm die Bühne gepaart mit ihrer Präsenz für sich ein.

Der Soundartist Marquis McGee dreht in Louises Traum im wahrsten Sinn des Wortes am Rad der Zeit. Akustisch gab er mit einer Ratsche die Einsätze zum nächsten Zeitsprung. Mit Hilfe einer Wärmflasche intonierte McGee eine Ruderpartie auf dem Machnower See. Gleichzeitig fungiert der Musiker als Standesbeamter, der die Trauung von Weill und Lenya vollzieht und brillierte als Broadway-Saxophonist mit einem einfühlsamen Solo.

Situationskomik begeisterte das Publikum

Komplettiert wurde das Terzett durch die Pianistin Nadia Belneeva – auch sie in verschiedenen Rollen. Als Haushälterin Erika, hält sie Weills Schäferhunde in Zaum, da sich Louise bei ihrem geträumten Besuch vor diesen fürchtet. Mit ihrer Situationskomik verstand die schauspielernde Pianistin das Publikum für sich zu gewinnen.

Schlussendlich erwacht Louise durch einen Telefonanruf. Die Suche nach Kurt Weill hat ein Ende und sie wird in wenigen Minuten für die Titelrolle in „Marie Galante“ in der Carnegie Hall in New York auf der Bühne stehen.

Werke wurden Opfer der Bücherverbrennungen

„Louises Traum“ verbindet als Hommage an Kurt Weill Einblicke in sein bewegtes Leben. Weill entstammte einem jüdischen Elternhaus. Sein Vater Albert kam aus Kippenheim, wo das Haus der Familie, der ehemalige „Rindfuß“ immer noch das Ortsbild prägt. Geboren wurde Weill 1900 in der jüdischen Gemeinde Dessau, wo sein Vater Kantor war. Bereits mit fünf Jahren begann er mit dem Klavierspiel und nahm 1918 das Studium der Musik an der Hochschule Berlin auf. 1926 heiratete Weill Lotte Lenya, eine Schauspielerin und Chansonsängerin, die später Interpretin seiner Werke werden sollte. „Der Silbersee – Ein Wintermärchen“ wurde kurz vor der Machtergreifung durch das Naziregime noch einige Male aufgeführt, aber im März 1933 abgesetzt. Weills Werke fielen der Bücherverbrennung zum Opfer.

Er floh nach Frankreich, wo „Die sieben Todsünden“ in Paris uraufgeführt wurden. Das Ehepaar Weill reichte die Scheidung ein, emigrierte 1935 jedoch gemeinsam in die USA und gab sich, nun in Sicherheit, vor dem Standesamt in North Castle erneut das Ja-Wort.

Die 1940er Jahre bescherten Weill mit Stücken wie „Lady in the Dark“ große Erfolge am New Yorker Broadway. 1943 nahmen Weill und Lenya die amerikanische Staatsbürgerschaft an und Weill vertonte Ben Hechts Stück „We will never die“, das sich mit der Shoa auseinandersetzt. In einem Artikel des Life-Magazin im Jahr 1947 wurde Weill als deutscher Komponist bezeichnet. „Obgleich ich in Deutschland geboren bin, bezeichne ich mich nicht als ‚deutschen Komponisten‘. Die Nazis haben mich eindeutig nicht als solchen bezeichnet, und ich verließ ihr Land 1933“ konterte er und bat um Richtigstellung.

Belege für Weills vielseitige Musiksprache die es verstand, sich den jeweiligen Lebensräumen anzupassen. Französischer Tango oder Jazz-Standards geben den Kompositionen eine signifikante länderspezifische Prägung. Am 3. April 1950 verstarb Weill in New York.

„Modern time production“ aus Basel ist mit „Louises Traum oder Where the fuck is Kurt Weill“ ein unkonventionell, mitreißender Einblick in das Schaffenswerk und das Gefühlsleben des Komponisten und Menschen Kurt Weill gelungen. Regisseur Georg Darvas hat die Musikstücke ins Licht gesetzt und die Darsteller so erstrahlen lassen. Jügen Stude vom Förderverein Ehemalige Synagoge zeigte sich besonders erfreut, dass das Stück nun auch in Kippenheim zur Aufführung gekommen ist, da die Familie Weill hier ihre Wurzeln hatte. „Es ist nicht bekannt, ob Kurt Weill jemals in Kippenheim im Haus seines Großvaters gewesen ist – aber wenn er heute hier gewesen wäre, hätte ihn diese rundum gelungene, mitreißende Aufführung sehr erfreut.“ fasste Stude die Empfindungen der Anwesenden zusammen.

Die Dreigroschenoper

Aus der Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht entstand 1928 die „Dreigroschenoper“, das wohl bekannteste Werk von Kurt Weill. Über die Zusammenarbeit mit Brecht äußerte sich Weill: „Brecht ist ein Genie, aber für die Musik in unseren gemeinsamen Werken, dafür trage ich allein die Verantwortung.“