Die Solonummer hat keinen guten Ruf. Aber laut Sexualforscherinnen führt sie zu besserem Sex, und fit hält sie auch. Warum das so ist, und wie viel zu viel ist.
Im 18. Jahrhundert, ausgerechnet in der Zeit der Aufklärung, ging es mit dem Ruf der Selbstbefriedigung bergab. Da setzte John Marten ein 88-seitiges Pamphlet mit dem Titel „Onania“ in die Welt, in dem er vor „entsetzlichen Folgen“ der Selbstbefriedigung für Männer und Frauen warnte. Ärzte stiegen mit ein: Selbstbefriedigung wurde für Tuberkulose, Pocken, Wahnsinn und Gehirnerweichung verantwortlich gemacht oder gleich als Todesursache ausgemacht. Für Immanuel Kant war Selbstbefriedigung schlimmer als Selbstmord, weil der Mensch dabei ein willenloses Objekt seiner Begierde ist. So erklärte es der Wissenschaftler Thomas Laqueur, der sich mit der Geschichte der Selbstbefriedigung befasst hat, in der „Zeit“.
Zu viel gibt es eigentlich nicht
Heute befriedigen sich laut einer Yougov-Umfrage 70 Prozent der Männer und 46 Prozent der Frauen zumindest gelegentlich selbst. 32 Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen tun es mindestens mehrmals in der Woche. Und hätten nicht viele der Befragten eine Antwort verweigert, wären die Zahlen wahrscheinlich noch höher.
Nachfrage bei Sexualtherapeutin Julia Henchen: Wie viel Selbstbefriedigung ist eigentlich normal? „So viel, wie mir guttut“, sagt Henchen. Nur wenn man seinen Alltag wegen ständiger Selbstbefriedigung nicht mehr bewältigen könne, sei das ein Suchtanzeichen – und ein Fall für die Therapie. Oder wenn man beim Paarsex nichts mehr spüre. Das sei gelegentlich bei Männern der Fall, wenn sie beim Masturbieren zu viel Druck auf den Penis ausüben, sagt Henchen. Eigentlich spricht sie lieber von Solosex als von Selbstbefriedigung, weil es ihrer Ansicht nach auch Sex ist, eine von vielen möglichen Sexpraktiken eben. Eine, die gesund ist und zu besserem Paarsex führt. Warum das?
Solosex führt zu besserem Paarsex
Bei Männern sinkt etwa durch häufige Ejakulation die Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs zu erkranken, wie eine Studie der US-Universität Harvard ergab. Bei Frauen rege Solosex die Produktion des Geschlechtshormons Östrogen an, bei Männern von Testosteron – was Menschen fitter und jünger wirken lasse, heißt es im Wissenschaftsmagazin „Spektrum“. Dazu würden bei jedem Orgasmus die Botenstoffe Dopamin, Endorphin und Oxytocin ausgeschüttet, das baut Stress ab und soll gut für die Selbstliebe sein. Aber die Hauptvorteile liegen woanders.
Viele Frauen erleben solo den ersten Orgasmus
„Ich sage meinen Klienten immer: ‚Findet eure Lustpunkte‘“, erklärt Henchen. Wer beim Paarsex nicht zum Höhepunkt kommt, kann es vielleicht solo schaffen. „Viele Frauen, die zu mir in die Praxis kommen, erleben den ersten Orgasmus mit einem Satisfyer“, sagt Henchen. Ein Satisfyer ist ein Vibrator, der die Klitoris mit Druckwellen stimuliert. Aber auch Männern gibt Henchen in puncto Sex-Toys den Tipp: „Traut euch! Wenn ich selber weiß, was mir gefällt, kann ich das auch dem Partner sagen.“
Wo Solosex problematisch werden kann
„Menschen, die viel Solosex haben, führen meist auch ein aktiveres Sexleben“, sagt Julia Henchen. Und es sei eine Möglichkeit des Ausgleichs, wenn eine/einer in der Partnerschaft mehr Bedarf an Sex habe. Aber es gibt auch Studien, wonach häufige Masturbation bei Männern oft mit Unzufriedenheit beim Paarsex einhergeht – während Frauen die Solonummer eher als Ergänzung sehen. Therapeutin Henchen weiß aus ihrer Praxis, dass Selbstbefriedigung oft als Konkurrenz gesehen wird. Sex könne man auch alleine erleben, sagt Henchen. Sexualität setze aber Bindung und Liebe voraus – und dafür muss man mindestens zu zweit sein.