Die Württembergische Philharmonie Reutlingen beeindruckte die Nagolder Zuhörer einmal mehr mächtig. Im Programm spielten auch familiäre Bande eine Rolle.
„Scherzo fantastique“ von Josef Suk und die 7. Sinfonie d-Moll von Antonin Dvořak umrahmten die Uraufführung des Klavierkonzerts von Eric Tanguy, dem „Composer in Residence“ (sozusagen Haus-Komponist) der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der Tscheche Suk war Schwiegersohn von Dvořak, und der Franzose Tanguy ist mit der ungarischen Pianistin des Abends, Suzana Bartal, verheiratet. Die in Paris geborene, charmante (und verwandtschaftlich neutrale) Chefdirigentin Ariane Matiakh erwies sich als eine wahre Busenfreundin der Partitur und eine begnadete Interpretin, die ihre Musiker zu beflügeln vermag.
Unter ihrer Leitung bekam das böhmisch-romantische Scherzo eine leuchtende Ausdruckskraft, die an die Leichtfüßigkeit eines Mendelssohn oder Smetana denken ließ. Aus Farbenspielen, dezentem Humor und einer geradezu märchenhaft gestalteten Dynamik zauberte das Orchester ein vitales, mit Emotionen getränktes Klangbild.
In einem ganz anderen, dunkleren bis düsteren Licht erschien die Musik von Dvořak. Der dramatischsten unter allen seinen neun Sinfonien verliehen die Musiker eine aufwühlende Intensität, die den Klangkörper in einen symbiotischen Hochspannung-Organismus aus Gefühlen, Farben und Stimmungen verwandelte. Eine Spitzenleistung.
Obwohl die offizielle Uraufführung des Klavierkonzerts von Tanguy erst zwei Tage später in Reutlingen stattfand, erlebte das Werk seine Weltpremiere vorher in Nagold. Der Komponist verfasste das Stück in klassischer Drei-Satz-Form (mit Kadenzen) und band das Orchester als einen ebenbürtigen Partner des Soloparts ein, den er für seine Frau Suzana Bartal im Vertrauen auf „ihre Musikalität, ihre Virtuosität und ihre technische Solidität“ komponierte, wie er in einem Interview erklärte.
Sanfte Lyrik und explosive Dramatik
Die moderne, individuelle und hochgradig expressive Tonsprache von Tanguy bewegt sich zwischen sanfter Lyrik und explosiver Dramatik, wobei die eigenwilligen Strukturen der Harmonie ab und an die Grenzen der Tonalität touchieren. Seine neueste Komposition stellte ein Konglomerat aus künstlerischer Eingebung, tiefen Empfindungen und erlesener Klangästhetik dar.
Während die Klaviersolistin Bartal die Flügeltasten zart liebkoste, diese dann in virtuosen Läufen, mächtigen Zusammenklängen oder perlenden Tremoli der Anforderungen der Musik unterwarf, verstärkte das Orchester die Ausdruckskraft durch präzise Einsätze und ein kompromissloses Engagement aller Instrumentalisten.
Mit frenetischen und lang anhaltenden Applaus bedankte sich das Nagolder Publikum für den eindrucksvollen Abend im Rahmen der Nagolder Konzertreihe 2025/26, zu dem auch der Komponist Tanguy anreiste und den Erfolg auf der Bühne mitfeierte.