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Donaueschingen - Ende August kündigte der Donaueschinger Zahnradspezialist den Abbau von 140 Stellen an, aktuell sind auch noch einzelne Abteilung in Kurzarbeit. Doch Auftragsspitzen sorgen dafür, dass nun Zeitarbeiter gebraucht werden.

Derzeit führt ein anhalten­ der Mangel bei Halbleiter-Produkten zu Produktionsengpässen bei Autobauern und deren Zulieferern. Macht sich dieser Chip-Engpass auch bei IMS Gear bemerkbar?

Was unsere Produkte selbst anbelangt, sind wir von diesem Chip-Engpass nicht betroffen. Sollte der Mangel bei Halbleiter-Produkten dauerhaft anhalten und letztlich dazu führen, dass weniger Fahrzeuge produziert werden, wird sich das aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei uns bemerkbar machen.

Wie sieht die aktuelle Auftragslage aus?

Wir verzeichnen seit September letzten Jahres Auftragsspitzen, die wir flexibel abfedern müssen. Mit derartigen kurzfristig auftretenden und sehr ausgeprägten temporären Umsatzschwankungen müssen wir auch weiterhin verstärkt rechnen. Die Kundenabrufe können quasi über Nacht durch die Decke gehen, aber auch ebenso schnell auf ein Minimum absacken, um sich dann wieder auf einem normalen Level einzupendeln.

Worauf führen Sie diese Auftragsspitzen zurück?

Das sind zum einen nach wie vor Nachhol-Effekte. Nachdem, bedingt durch die Corona-Pandemie, in der Automobilindustrie zeitweise praktisch alle Werke stillstanden, ist die Produktion wieder hochgefahren worden und es werden Rückstände aufgeholt. Zum anderen stehen die deutschen OEMs/Automobilhersteller unter gewaltigem Druck, Elektrofahrzeuge kurzfristig in den Markt zu drücken, um Strafzahlungen wegen der Überschreitung der CO2-Flottengrenzwerte zu vermeiden.

Welche Konsequenzen haben die von Ihnen geschilderten "ausgeprägten temporären Umsatzschwankungen"?

Wir müssen in der Lage sein, auf derartige Abruf-Ausschläge ebenso schnell reagieren zu können. Flexibilität ist und bleibt also mehr denn je gefragt. Das schaffen wir, indem wir die Instrumente zur flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit weiter ausbauen und optimieren, etwa, was unsere Schichtmodelle anbelangt. In unserem Werk in Villingen-Schwenningen beispielsweise haben wir in den vergangenen Wochen Sonder- und Wochenendschichten gefahren. Auch Zeitarbeit wird in diesem Zusammenhang in begrenztem Umfang wieder ein Thema. Mit deren Auf- beziehungsweise Abbau, je nach Auftragslage, schaffen wir eine Flexibilitätsreserve.

Hat IMS Gear Zeitarbeit eingeführt – und wenn ja, in welchem Umfang?

Ja, wir greifen derzeit in sehr überschaubarem Maß und abgestimmt mit unserem Betriebsrat auf Zeitarbeit zurück. Aktuell sind an unseren deutschen Standorten in der Spitze rund 50 Zeitarbeiter im Einsatz.

Und wie sieht es derzeit mit Kurzarbeit aus?

Kurzarbeit haben wir derzeit nur im Formenbau, einem Teilbereich des Industrial Engineerings in unserem Technikzentrum in Donaueschingen, wiedereingeführt. Sollte sich die Auftragslage wesentlich ändern, stünde uns Kurzarbeit aber für alle Unternehmensbereiche als eine Möglichkeit zur Verfügung, flexibel zu reagieren.

Wie sehen Ihre Umsatzerwartungen für das Jahr 2021 aus?

Dazu ist zunächst festzuhalten: Anders als in den vergangenen Jahren lassen sich in der derzeitigen Gemengelage die Entwicklungen auf den Märkten, insbesondere im Automotive-Sektor als unserem Hauptmarkt, mittel- bis langfristig nur noch sehr eingeschränkt prognostizieren. Was sich aber abzeichnet und wovon wir ausgehen müssen: Anders als bei der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 wird sich eine nachhaltige konjunkturelle Entwicklung dieses Mal nur langsam einstellen. Fraglich ist zudem, ob und wann der Automobilmarkt wieder die Größenordnung erreicht, die er vor der Corona-Krise hatte.

Wir müssen demnach auch in den kommenden Jahren konservativ, vorsichtig planen. Vor diesem Hintergrund rechnen wir für das Jahr 2021 mit einem im Vergleich zum Vorjahr leicht gesteigerten Umsatz. Eine nachhaltige konjunkturelle Erholung auf dauerhaft höherem Level sehen wir derzeit noch nicht. Vielmehr müssen wir für den weiteren Jahresverlauf neben positiven auch mit negativen Umsatzschwankungen rechnen.

Ist der Ende August vergangenen Jahres angekündigte betriebsbedingte Abbau von rund 140 Stellen mittlerweile vollzogen?

Ja, diesen Stellenabbau haben wir in der angekündigten Größenordnung umgesetzt. Gesamthaft betrachtet, haben wir IMS Gear in eine Struktur überführt, die der veränderten Umsatzentwicklung entspricht. Das verschafft dem Unternehmen die Robustheit, auch Jahre mit schwachem oder leicht rückläufigem Wachstum zu bewältigen, ohne einen weiteren Stellenabbau in Angriff nehmen zu müssen.

Wie sieht es perspektivisch für IMS Gear aus?

Wir haben die Weichen dafür gestellt, in den Jahren ab 2021 wieder einen zunächst moderaten Wachstumskurs einzuschlagen. Die Automobilbranche bleibt ein Schwerpunkt für uns. Mittel- bis langfristig bietet uns dieser Markt weiterhin Wachstumschancen. Von Vorteil ist dabei, dass wir, was unsere Produktpalette anbelangt, weitestgehend unabhängig davon sind, ob ein Fahrzeug von Verbrennungsmotoren, per Hybrid-Technik oder rein elektrisch angetrieben wird. Zudem stärken wir unseren Non-Automotive-Bereich.

Im Bereich der Industrieanwendungen – dort sind wir bereits seit Jahrzehnten erfolgreich mit unseren Planetengetrieben unterwegs – gibt es Marktpotenzial, das wir erschließen wollen. Mittelfristig könnte sich der Anteil der Industrieanwendungen am Gesamtumsatz von heute rund zehn auf circa 30 Prozent erhöhen. Außerdem bewegen wir uns auf dem relativ jungen Gebiet der Mikromobilität. Darunter fallen beispielsweise Antriebslösungen für autonom fahrende Kleinfahrzeuge im Logistikbereich.

Um diese Wachstumspotenziale in bestehenden und neuen Geschäftsfeldern erschließen zu können, müssen wir unsere betrieblichen Prozesse optimieren. Deshalb setzen wir derzeit einen weiteren Baustein unseres langfristig verfolgten Flächenkonzepts um. Wir konzentrieren die Produktion von Planetengetrieben für Industrieanwendungen an unserem Standort in Villingen-Schwenningen. Gleichzeitig führen wir bislang ausgelagerte Bereiche in unserem Technologiezentrum in Donaueschingen umfasst, zusammen.

Zur Person:

Wolfgang Weber (62) ist zum 1. März 2011 in die IMS Gear-Geschäftsführung aufgerückt und gehört seit der Umfirmierung des Donaueschingers Unternehmens von einer GmbH in eine SE & Co. KGaA im Juni 2016 dem Vorstand an. Der Diplom-Ingenieur für Fahrzeugtechnik arbeitet seit dem Jahr 2006 bei IMS Gear, zunächst als Geschäftsbereichsleiter im Bereich Getriebe, dann als Vertriebsleiter. Davor war Weber bei BMW, UTA Gate und Johnson Electric in Hongkong und Shanghai tätig. Wolfgang Weber ist verheiratet und hat vier Töchter.

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