Zoltan Molnar referierte über den Schmerz – und darüber, wie unterschiedlich er sich bei Männern und Frauen äußert. Foto: Schweizer

Schmerz bei Frauen ist etwa anderes als bei Männern – und der Umgang damit auch. Wer Genaueres erfahren wollte, war in Zoltan Molnars "Impulse"-Vortrag richtig.

Albstadt-Tailfingen – Zoltan Molnar ist niedergelassener Facharzt für Anästhesiologie, Akupunktur und Spezielle Schmerztherapie; er praktiziert seit 30 Jahren in Ebingen – wenn einer in Albstadt sich in Sachen Schmerz theoretisch und praktisch auskennt, dann er. Molnar ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass Schmerz zur Conditio humana gehört: Seit der Vertreibung aus dem Paradies gebe es kein Leben ohne Schmerzen – Migräne etwa hätten auch schon die alten Ägypter im Jahr 1200 vor Christus gekannt.

Allerdings ist Mensch nicht gleich Mensch – der wichtigste Unterschied ist laut Molnar der zwischen Mann und Frau. "Frau zu sein tut einfach mehr weh." Geburtsschmerzen etwa müsse kein Mann ertragen. Im übrigen reagierten Frauen prinzipiell sensibler auf Schmerz; das bewiesen Studien. Im Gesicht etwa hätten sie durchschnittlich 34 Schmerzrezeptoren pro Quadratzentimeter, Männer dagegen nur 17 – entsprechend weniger Impulse gingen ein und müssten verarbeitet werden. Von großer Bedeutung sei auch das unterschiedliche Verhältnis zum eigenen Körper – "Die Frau lebt in ihm, der Mann mit ihm".

Die "zweite Schicht" geht an die Gesundheit

Zu den physiologischen Differenzen kommen kulturell bedingte hinzu, etwa ungleichgewichtige Rollenverteilung im Alltagsleben und die Doppelbelastung der Frauen durch Beruf, Familie und Haushalt – die "zweite Schicht" führe nicht selten zu Erschöpfungssyndromen, Stimmungsschwankungen, psychosomatischen Erkrankungen, funktionellen Störungen oder Organbeschwerden. Frauen litten doppelt so oft wie Männer an Reizblasen oder an Schmerzen des Bewegungsapparats. Hinzu kämen Schönheits- oder Schlankheitsideale: Viele Frauen nähmen für ihr Aussehen tägliche Schmerzen in Kauf, die viele Männer unzumutbar finden würden. High Heels zum Beispiel – "spätestens nach 30 Jahren treten die Spätschäden auf".

Piercing vernichtet Akupunkturpunkte

Auch Piercing – in Lippen, Nase, Nabel und sogar im Intimbereich – komme öfters bei Frauen vor, sei allerdings nicht aufs weibliche Geschlecht begrenzt. Dem Schmerztherapeuten Molnar ist dieses Phänomen überaus suspekt: In den Löchern siedelten sich nicht selten Bakterien an; durch Entzündungen würden potenzielle Akupunkturpunkte vernichtet. "Ich will behandeln und finde nur noch Narbengewebe vor." Ähnliches gelte auch für Tätowierungen, bei denen geschlechtsspezifische Unterschiede allerdings keine große Rolle spielten: Jeder fünfte Deutsche sei tätowiert – und die Lymphknoten, die unter der Haut lägen, unter Umständen genauso bunt wie die sichtbaren Körperstellen.

Es gibt "gute" und "böse" Schmerzen

"Warum spürt man Schmerzen?" Manche haben eine wichtige Warnfunktion, etwa im Fall der heißen Herdplatte oder des Dornengestrüpps, oder sind notwendige Begleiter der Genesung. Diesen "guten" Schmerzen stehen die "bösen" gegenüber, deren Ursache sich nicht aufklären lässt, oder die chronischen, die eine Schmerztherapie erforderlich machen. Früher, so Zoltan Molnar, habe es geheißen, man müsse mit chronischen Schmerzen leben. "Das stimmt heute nicht mehr. Man kann gegen Schmerzen immer etwas tun – nur ist das Ziel manchmal sehr weit entfernt."

Molnars Vortrag war die letzte Veranstaltung der diesjährigen Albstädter Vortragsreihe "Impulse", und ihr Schauplatz diesmal die Curamed Akutklinik in Tailfingen, bei deren Chefarzt Thorsten Heedt Molnar sich "Impulse"-Macherin Dorothee Hummel-Wagner zu Beginn für die Gastfreundschaft bedankte.