Josef Kästle aus Killer: Die Online-Impfterminvergabe wurde zu einer Ochsentour und ist "nicht ohne". Foto: Kästle

Josef Kästle aus Killer landet für eine 82-jährige Verwandte im Telefon- und Online-Dickicht.

"Jeder Tag ohne Herdenimmunität kostet eine Menge Geld", sagt Josef Kästle aus Killer mit Blick auf den Lockdown und wundert sich. Der 63-jährige Daimler-Betriebsingenieur und Ortschaftsrat berichtete unserer Zeitung freimütig von den Schwierigkeiten, einen Impftermin zu bekommen.

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Burladingen/Bisingen - Kästle gehört aufgrund seines Alters schon zu den stärker gefährdeten Menschen. Aber wenn es um das Impfen gegen SARS-CoV-2 geht, ist er noch lange nicht dran. "Ich bin irgendwann in Gruppe drei am Zug", sagt er und winkt ab. Das scheint ihm noch lange hin.

Den Hürdenlauf durch die Telefon-Hotline und die Online-Terminvergabe hat er trotzdem schon hinter sich: Zusammen mit seinem Schwager versuchte er, für eine 82-jährige Verwandte aus Bisingen einen Impftermin zu bekommen. Es wurde eine wochenlange Odyssee.

Zuerst versuchte es der Schwager. Vier Tage lang rief er zu unterschiedlichen Zeiten mehrmals täglich immer wieder die Hotline an. Durchweg sehr freundlich seien sie am anderen Ende der Leitung immer gewesen. Gute Nachrichten hatten die Hotline-Mitarbeiter aber nicht: Nie war ein Termin frei, berichtet Kästle über das, was ihm sein Schwager berichtete. Irgendwann habe dann einer der Hotline-Mitarbeiter erzählt, dass er auch nur die Termine über die Online-Vergabeseite einbuchen könne und riet dem Anrufer dazu, es so doch selbst zu probieren.

Ab da erklärte sich Kästle bereit zu übernehmen. Denn er hat das, was viele über 80-jährige gar nicht haben: "Sie brauchen einen PC, eine E-Mail-Adresse und ein Smartphone und dann möglichst einen Drucker. Mal ehrlich, wie viel Senioren haben das?", fragt er.

Kästle hat die Ausstattung und kann damit umgehen. Und trotzdem brauchte er zehn weitere Tage bis er endlich einen Termin für die 82-jährige Cousine seiner Frau hatte. "Die Online-Variante ist nicht ohne", sagt er rückblickend. Auch, weil auf dem Land die Internet-Verbindungen nicht immer so schnell und stabil ist.

Über die Terminvergabeseite fand er jedenfalls heraus, dass für die Bisingerin das nächstgelegene Impfzentrum die Paul-Horn-Arena in Tübingen ist. Dann ging es zum Fragebogen mit dem herausgefunden werden soll, ob die Person, die da nach einem Impftermin fragt, überhaupt berechtigt ist, sprich zur Gruppe eins gehört, die derzeit am Zuge ist. Zeile um Zeile des Fragebogens gilt es auszufüllen und Fragen zu beantworten.

Nach dem Fragebogen kommt das Klicken

Wenn das geklappt hat, kann man weiterklicken. "Lange Zeit wußte ich gar nicht, ob ich alles richtig mache", räumt Kästle ein. Denn auf diese Rückmeldung warte man auf der Terminseite vergebens. Irgendwann aber kam er zur Zertifizierung und das heißt: Über eine SMS auf dem Smartphone bekam er einen PIN. "Da wußte ich wenigstens, ich bin auf dem richtigen Weg", sagt der Killertäler Kommunalpolitiker. Steinigblieb der Weg aber trotzdem. Denn der PIN ist ein zwölfstelliger Code aus Zahlen und Buchstaben, die in der richtigen Reihenfolge eingegeben werden müssen. Und er ist nur zehn Minuten gültig. Sich mehrfach zu vertippen, weil der Blick zwischen Smartphone und PC hin- und herwandern muss, könnte also zum Verfall des PIN führen. Eile und Korrektheit sind geboten. "Da könnte man fast verzweifeln", kommentiert Kästle. Aber er schaffte es und kam einen Schritt weiter.

Mit dem Berechtigungscode konnte er dann jeweils online nach Terminen fragen. Tagelang probierte er es. Mehrfach innerhalb von 24 Sunden, jeweils zu unterschiedlichen Zeiten. Ohne Erfolg. Es war nur zu lesen, es seien keine Termine in dieser Region verfügbar. Einmal poppte er dann auf, der lang gesuchte freie Impftermin. Der wäre schon am nächsten Tag verfügbar gewesen. "Da muss einer abgesagt haben", vermutet Josef Kästle. Aber: "Bis ich alles eingegeben hatte, war der Termin weg".

Irgendwann bekam Kästle einen Tipp: Er solle es am Besten in der Nacht probieren, denn gewöhnlich würden neue Termine ab Mitternacht ins Internet gestellt. Und mit dieser Methode hatte er endlich Erfolg: "Ich bin gar nicht erst ins Bett gegangen und habe es dann mitten in der Nacht probiert", erzählt der hilfsbereite 63-Jährige.

Schließlich klappen beide Termine in einem Rutsch

Ab da lief es rund. Der erste und auch der zweite Termin wurden in einem Rutsch online vergeben. Kästle druckte sie gleich aus und der Schwager übernahm als Begleitperson die Fahrt mit der alten Dame. Er durfte sie wegen ihres Knieleidens bis vor den Halleneingang fahren und sie auch begleiten. "Alle waren super freundlich, die Frau wurde ausführlich beraten und sehr aufmerksam behandelt", hörte der Killertäler über den heiß begehrten Termin mit dem Piks.

Den zweiten Impftermin hat seine Verwandte in wenigen Tagen und Kästle selbst weiß zwar jetzt wie es geht, einen Termin zu ergattern. Mit seinem eigenen muss er sich aber noch gedulden. Wie lange, dass weiß derzeit niemand.

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