Zwei Pioniere der mRNA-Technik erhalten den Medizinnobelpreis. Auch die Tübinger Firma Curevac setzt auf diese Methode und investiert trotz hoher Verluste kräftig. Vorstandschef Alexander Zehnder erklärt, warum er diese Strategie für richtig hält.
Curevac macht Verluste in dreistelliger Millionenhöhe. Der seit April amtierende Firmenchef Alexander Zehnder sieht dennoch gute Zukunftschancen für das Biotechunternehmen.
Herr Zehnder, Curevac schreibt dicke rote Zahlen und hat bis jetzt kein Produkt am Markt. Machen Ihre Investoren das noch lange mit?
Davon gehe ich aus. Die wissen, dass man in der Biotechbranche zunächst sehr viel in Entwicklung und klinische Studien investieren muss. Dafür winken hohe Renditen. Wir haben Anfang des Jahres noch mal eine Kapitalerhöhung von 250 Millionen Dollar gemacht, an der sich vor allem neue Investoren beteiligt haben – darunter spezialisierte Biotechfonds aus den USA. Das zeigt, dass es weiterhin Interesse an unserer Technologie und unserer Produktpipeline gibt.
Auch ohne Produktverkäufe erzielt Curevac Umsätze im zweistelligen Millionenbereich. Woher kommen die?
Ein großer Teil stammt aus sogenannten Meilensteinzahlungen. Die bekommen wir von Partnern wie Glaxo Smith Kline (GSK), wenn wir in der Entwicklung eines Wirkstoffs einen Schritt weiterkommen. Das kann die Zertifizierung einer Produktionsanlage sein oder der Beginn der nächsten klinischen Testphase.
In welchem Bereich erwarten Sie zuerst ein marktreifes Produkt?
Am Weitesten sind wir bei den mRNA-Impfstoffen gegen Corona und Influenza, die wir zusammen mit GSK entwickeln, einem der führenden Unternehmen in diesem Bereich. Hier erwarten wir die Resultate aus den klinischen Tests der Phase 2 Anfang nächsten Jahres. Danach folgt Phase 3 mit größeren Probandenzahlen. Wenn die Ergebnisse gut sind, könnten wir die Vakzine 2026 auf den Markt bringen. Neben mRNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten haben wir zwei weitere Standbeine.
Nämlich?
Das zweite Standbein sind mRNA-Therapien gegen verschiedene Krebsarten, das dritte sind molekulare Therapien – beispielsweise zur Behandlung seltener Erkrankungen mit genetischen Ursachen.
Der Markt für Corona-Impfstoffe ist weitgehend verteilt – ist da noch Platz für ein Coronavakzin von Curevac?
Das Virus wird nicht verschwinden. Zudem können neue Varianten auftauchen, die aggressiver sind. Aber ja, wir erwarten bei den Corona-Impfstoffen keine Milliardenumsätze wie in den Hochphasen der Pandemie mehr. Wir sehen diese Vakzine in erster Linie als Zwischenschritt, um unsere Technologie weiterzuentwickeln. In der nächsten Generation von Impfstoffen werden kombinierte Vakzine eine größere Rolle spielen – etwa für die gleichzeitige Impfung gegen Corona und Influenza. Und da sehe ich dank der mRNA-Technik durchaus Chancen für Curevac.
Anfangs hieß es, mRNA-Impfstoffe könnten in wenigen Wochen an neue Virusvarianten angepasst werden. Tatsächlich hat es jeweils etliche Monate gedauert. Wurde da zu viel versprochen?
Mag sein, dass es nicht ganz so schnell geht wie ursprünglich gedacht – das ist aber nicht nur eine Frage der Herstellung, sondern auch der Zulassungsprozeduren. Aber verglichen mit den bisherigen Methoden der Impfstoffproduktion, sind wir mit mRNA immer noch mindestens doppelt so schnell.
Trotz hoher Verluste erweitern Sie Ihre Produktionskapazitäten und stellen weiter Leute ein.
Das stimmt. Wir haben eine neue Fabrik gebaut, die derzeit zertifiziert und Anfang 2024 einsatzbereit sein wird. Das Investitionsvolumen liegt zwischen 100 und 150 Millionen Euro. Das wird eine der modernsten Anlagen weltweit sein, die ausschließlich für die mRNA-Technik gebaut wurde. Die Fabrik steht auch in Zusammenhang mit dem Vertrag zur Pandemievorsorge, den wir mit der Bundesregierung geschlossen haben.
Und der besagt?
Die Coronakrise hat gezeigt, wie abhängig wir von Lieferungen aus dem Ausland sind – auch im Pharmasektor. Deshalb sollten die inländischen Kapazitäten ausgebaut werden. Der Vertrag sieht vor, dass wir eine sogenannte warme Fabrik vorhalten, die schnell hochgefahren werden kann. Dafür bekommen wir vom Bund eine Bereitstellungsgebühr. Im Falle einer neuen Pandemie – durch einen Erreger, den wir vielleicht noch gar nicht kennen – könnten dann in kürzester Zeit sehr viele Impfdosen produziert werden.
Und ansonsten steht die Fabrik still?
Nein, wir werden sie auch für die Herstellung von Impfstoffen für eigene klinische Studien nutzen. Denkbar ist auch, dass wir im Auftrag anderer Unternehmen produzieren. Mittelfristig hoffen wir aber, dass wir die Kapazitäten vor allem für eigene Produkte einsetzen können.
Wie viele neue Stellen entstehen durch die neue Fabrik?
Ungefähr 100. Aktuell haben wir weltweit gut 1100 Beschäftigte – rund 950 davon in Tübingen. Hinzu kommen weltweit fünf weitere Standorte.
Sie sind der dritte Curevac-Chef innerhalb von fünf Jahren. Kommt nun etwas mehr Kontinuität in die Führung?
Darüber habe nicht ich zu entscheiden. Ich bin jetzt seit April hier und habe den Plan, auch hier zu bleiben, um die Firma auf die nächste Ebene zu bringen.
War es ein Fehler, zunächst keinen großen Partner zu haben wie ihre Konkurrent Biontech mit Pfizer?
Das könnte schon ein Faktor gewesen sein. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber wir haben jetzt mit Glaxo Smith Kline (GSK) einen international führenden Partner, der sehr viel Erfahrung hat. Das hilft uns sehr, wenn es zum Beispiel darum geht, große klinische Studien mit Teilnehmern aus der ganzen Welt durchzuführen. Für eine kleine Firma wie uns wäre das viel zu teuer. Wir haben auch nicht die nötige Infrastruktur. Wir konzentrieren uns lieber auf die Forschung und die frühen Entwicklungsphasen.
Sie bauen zusammen mit einer Tochterfirma von Tesla einen mRNA-Printer. Welche Rolle spielt der für Curevac?
Er ist schnell und hochautomatisiert und damit ideal, um kleinere Mengen von mRNA zu produzieren. Das ist zum Beispiel interessant für personalisierte Krebstherapien. Für die Massenproduktion von Impfdosen ist der Printer nicht so gut geeignet, aber dafür haben wir ja unsere Fabrik.
Was schätzen Sie am hiesigen Standort?
Wir sind in der Region Tübingen und im Land stark verwurzelt. Curevac ist ein Spin-off der Universität Tübingen. Und wir haben weiter enge Verbindungen dorthin. Das hilft uns bei der Suche nach neuen Talenten. Wir suchen aber auch weltweit nach guten Leuten.