Viele aus Überzeugung ungeimpfte Mitarbeiter von Pflegeheimen, Krankenhäusern und Co. sorgen sich laut des Netzwerks "Medizinisches Personal Ortenau", wegen der "einrichtungsbezogenen Impfpflicht" ab Mitte März ihren Job zu verlieren. Laut eigener Angaben sind rund 500 Mitarbeiter betroffener Betriebe Mitglied der Initiative. Foto: Murat

Sorge wegen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht: Das Netzwerk "Medizinisches Personal Ortenau" sieht einen regelrechten Aderlass an dringend benötigten Fachkräften auf die Region zukommen – und fordert "mildere Maßnahmen".

Ortenau - Ohne den Gedanken an Existenznöte und Jobverlust, frei über die Corona-Impfung entscheiden zu können – das fordern die Gründer des Netzwerks "Medizinisches Personal Ortenau". Darüber hinaus sehen sie mit der "einrichtungsbezogenen Impfpflicht" aber auch ein großes Problem auf das Gesundheitswesen als Ganzes zukommen: Viele Fachkräfte würden sich derzeit ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, sich vorsorglich einen anderen Job zu suchen – aus Angst ab Mitte März vor dem beruflichen Aus zu stehen. Einige hätten sich für März sogar schon arbeitslos gemeldet. Rund 500 Mitglieder hat das Netzwerk laut eigenen Angaben.

Impfpflicht betrifft mehr als nur Pfleger und Mediziner

"Weder in den Arztpraxen noch in den Kliniken können wir es uns leisten, auf hoch qualifiziertes und motiviertes Personal zu verzichten!", ist sich Mit-Initiator Tom Starke im Gespräch mit unserer Zeitung sicher. Betroffen sei nicht nur der medizinische Bereich – hinzu kämen auch Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Geburtshelfer, Heilpraktiker, Masseure, Krankengymnasten, medizinische Bademeister, Rettungsdienstmitarbeiter, Alten-, Kinder-, Kranken- und Heilerziehungspfleger. "Genauso wenig können wir auf das nicht-medizinische Personal in den Krankenhäusern verzichten", so Starke und zählt zu den bereits Genannten noch Mitarbeiter der Verwaltungen und der Labore sowie Techniker, Gebäudereiniger, Bürokräfte, Pförtner, Küchenpersonal, Ernährungsberater, Betreuer, Lehrkräfte und Erzieher auf.

Ähnlich breit aufgestellt zeigt sich auch die Gruppe der Initiatoren hinter "Medizinisches Personal Ortenau": "Wir sind ein siebenköpfiges Team aus unterschiedlichen Bereichen – Medizin, Pflege, Verwaltung, Heilpraktiker, pädagogischer Dienst –, welche alle von der ›einrichtungsbezogenen Impfpflicht‹ betroffen sind", erklärt Starke.

Starke selbst war bis 2012 als Pfleger tätig, sattelte dann aber um. "Mit unserer neuen Plattform wollen wir zur Vernetzung von betroffenem Personal in der Ortenau beitragen sowie einen Informationsaustausch ermöglichen."

Netzwerk fordert zunächst "mildere Maßnahmen"

Ihre Hauptkritikpunkte fasst das Ortenauer Netzwerk wie folgt zusammen: Die Corona-Impfung helfe zwar vor schweren Verläufen, aber die Wirkung und die Wirkdauer seien nicht so wie anfangs erhofft. Sie reduziere die Gefahr der Übertragung von Viren nicht im erwarteten Ausmaß – da Geimpfte nach wie vor andere Menschen anstecken können. Zudem handele es sich um ein "bedingt zugelassenes Medikament", dem die Datenlage für eine normale Zulassung noch fehle. "Keine Frage, diese Infektionskrankheit muss so gut es geht mit wirksamen Mitteln und Maßnahmen behandelt und bekämpft werden", so Starke. Die Impfpflicht gehöre jedoch nicht dazu. "Wir sind der Ansicht, dass bevor es zu derartigen Eingriffen in die Grundrechte der von der einrichtungsbezogenen Impfpflicht betroffenen Personen kommt, erst mildere Maßnahmen, welche zweckmäßig sind, getroffen – und konsequent umgesetzt – werden müssen."

Zu den "milderen Maßnahmen" zählt das Netzwerk unter anderem bessere Hygienekonzepte in alltäglichen Lebensbereichen, die Ausweitung der Testpflicht auf Geimpfte und Genesene, die Verlängerung des Genesenen-Status sowie verstärkt auf die medikamentöse Behandlung von Patienten mit schweren Verläufe zu setzen.

Landratsamt kann Betretungsverbot aussprechen

Doch was bedeutet die "einrichtungsbezogene Impfpflicht" eigentlich genau? Sie legt fest, dass Beschäftigte in Pflegeheimen, Kliniken und Co. bis zum 15. März Nachweise als Geimpfte oder Genesene vorlegen müssen – oder alternativ ein Attest, nicht geimpft werden zu können. Geschieht das nicht, müssen die Arbeitgeber das Gesundheitsamt darüber informieren. Die Behörde kann dann ein Betretungsverbot aussprechen. Das Landratsamt kündigt an, nicht genau definierte Ermessensspielräume bei der Umsetzung "mit Augenmaß und unter angemessener Berücksichtigung der Belange der betroffenen Personen und Einrichtungen" zu nutzen.

Trotzdem blickt Starke mit Sorge in die Zukunft: "Wir haben unser ganzes Leben in einem helfenden Beruf gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung dafür sind bekannt. Ab März werden wir nun fallen gelassen. Nicht zu Unrecht haben nun viele Betroffene Existenzängste."

Info: »Geht nicht um politische Lager«

Die Demonstration von rund 300 Menschen gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht am Dienstag in Offenburg (wir berichteten) hat   das Netzwerk »Medizinisches Personal Ortenau« nach eigenen Angaben unterstützt. Angemeldet hatte die Veranstaltung ein Mitglied   als »Privatmann«. Dort kam es    zu einer ungewohnten Kombination: Unter den Teilnehmern waren sowohl AfD-Mitglieder – etwa der Bundestagsabgeordnete Thomas Seitz – als auch  Mitglieder der Linken Liste Ortenau. Beide Seiten hätten versucht, die Veranstaltung für die eigene Agenda zu nutzen, berichtet Tom Starke im Gespräch mit unserer Zeitung – und zeigt sich wenig begeistert davon. Es sei schön, wenn es parteiübergreifendes Interesse gebe. Aber: »Uns geht es überhaupt nicht um politische Lager«, stellt er klar.