Das Altenheim St. Michael in der Donaueschinger Prinz-Fritzi-Allee. Auch wenn sonst überall Masken und Testen weggefallen sind: In den Heimen sind sie weiterhin Pflicht. Foto: Guy Simon

Einige Pflegekräfte in Donaueschinger Heimen sind trotz der einrichtungsbezogenen Impfpflicht nicht geimpft. Die Leiter sorgen sich, wie das Gesundheitsamt nun reagieren wird, und raten dringend von Sanktionen ab.

Donaueschingen – Die Alten- und Pflegeheime haben keine leichte Zeit. Besonders seit der Corona-Pandemie ist das der Fall. Hatte man schon zuvor mit Fachkräftemangel zu kämpfen, hat sich das Problem unter der Corona-Wucht weiter verschlimmert.

 

Und dann kam auch noch die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Sie gilt seit dem 15. März und hat zur Folge, dass jeder, der in einem Alten- oder Pflegeheim arbeiten möchte, gegen das Coronavirus geimpft sein muss. Wer das nicht möchte, der wurde von seinem Arbeitgeber an das Landratsamt gemeldet. Das geschah im Frühjahr. Aber wie ist jetzt Stand der Dinge, mussten inzwischen Mitarbeiter wegen der fehlenden Impfung tatsächlich das Heim verlassen?

Reger Postwechsel zwischen St. Michael und dem Landratsamt

Im Donaueschinger Altenheim St. Michael ist das bislang nicht der Fall. Heimleiter Markus Bonserio berichtet von einem regen Postwechsel zwischen St. Michael und dem Landratsamt. Als die Impfpflicht kam, gab es auch noch etliche Ungeimpfte, die selbst infiziert waren und den Genesenenstatus hatten: "Bei wem das mittlerweile nicht mehr der Fall ist, muss ich dem Amt erklären, warum der jeweilige Mitarbeiter für uns wichtig ist", sagt Bonserio. Für ihn eine paradoxe Situation. "Wir haben keine unwichtigen Mitarbeiter", erläutert er. "Wenn in der Küche jemand fehlt, leidet die Nahrungsversorgung, wenn die Haustechnik unterbesetzt ist, funktioniert die Heizung nicht – und wenn Pflegende fehlen, dann können wir unsere Bewohner nicht mehr versorgen."

Man sei aktuell in einer Situation, in der alle abwarten, was nun passiere. Seine Hoffnungen kann Bonserio klar formulieren: "Wir hoffen, dass die Vernunft regiert." Unverständnis herrsche im Altenheim ob der gesellschaftlichen Entwicklung: "50 000 dürfen ins Stadion, manche Mitarbeiter hier jedoch nicht mehr arbeiten."

Bei vielen hat schließlich der Druck gesiegt

Dabei ist der Leiter von St. Michael durchaus für die Impfpflicht, ist selbst gar schon vier Mal geimpft: "Mir macht das nichts aus." Allerdings lehnt er es ab, die Menschen dazu zu zwingen: "Wir leben in einer Demokratie, das geht nicht." Im Heim habe man noch eine Handvoll, die nicht geimpft sei: "Ich werde sie nicht zwingen, sie haben ihre Gründe."

Bei vielen anderen habe schließlich der Druck gesiegt: "Mit dem Wissen im Hinterkopf, dann nicht mehr arbeiten zu dürfen und den Lebensunterhalt nicht mehr aufbringen zu können."

"Ich kämpfe gegen Windmühlen"

Ein wesentlicher Faktor dabei sei auch die Fairness, findet Bonserio: "Alten- und Pflegeheime sollen die Welt retten, aber niemand interessiert sich mehr dafür." Dabei habe es zu Beginn der Pandemie noch Beifall für das medizinische Personal gegeben. So bewege man sich in St. Michael weiter mit Maske, es werde weiter auf Corona getestet. "Andere müssen das nicht." Es gebe im Heim zudem ungeimpfte Bewohner, doch selbst ungeimpfte Ärzte beträten die Einrichtung. "Ich habe einfach Angst, was da kommt", sagt Bonserio. Wenn bei Mitarbeitern schließlich ein Betretungsverbot komme – das ist es nämlich, was in diesem Fall vom Amt erteilt wird – "dann weiß ich nicht weiter. Ich kämpfe gegen Windmühlen".

Viele Mitarbeiter sind auf der Strecke geblieben

Schon auf dem Weg zur jetzigen Situation seien viele Mitarbeiter auf der Strecke geblieben. Und die Attraktivität leide ohnehin: "Keine geregelten Arbeitszeiten, ständig einspringen, geringer Verdienst." Während Corona seien viele in andere Branchen gewechselt – ohne Impfpflicht und mit geregelten Arbeitszeiten. "Bislang mussten wir noch keinen Mitarbeiter durchs Amt wegschicken. Die Angst ist aber weiter da", erklärt Bonserio. Er habe an entscheidenden Punkten Leute, deren Weggang mehr als nur ein Problem bedeuten könnte: "Ich habe auch das Gefühl, dass sich manche bewusst anstecken, damit sie ihren Job nicht verlieren. Sie riskieren damit ihre Gesundheit."

Leiter des Wohnpflegezentrums Donauresidenz kritisiert Politik

Auch Reiner Krummradt ist mit der Situation nicht zufrieden. Der Leiter des Wohnpflegezentrums Donauresidenz hat zwar in seiner Einrichtung eine andere Lage – lediglich drei Mitarbeiter sind ungeimpft –, er kritisiert dennoch die Politik: "Von dort kommen keine klaren Vorgaben. Man hat mit voller Kraft ein Beschäftigungsverbot angestrebt, jetzt sieht es wieder anders aus."

Die drei Mitarbeiter befinden sich aktuell im Genesenenstatus, "und wir steuern im Herbst auf die vierte Impfung zu". Es laufe bereits jetzt wieder in die Richtung, die Inzidenz steige bereits. "Bei der Beschäftigung hatten wir kein Problem. Nicht Geimpfte nicht einzustellen – damit hatten wir keine Berührungspunkte", so Krummradt weiter. Wie sich alles weiter entwickle, das sei schwierig zu sagen: "Man scheint politisch jetzt doch wieder von der Impfpflicht Abstand zu nehmen. Es ist peinlich, was auf politischer Ebene passiert. Ein falscher Ansatz."

E-Mail-Postfach füllt sich täglich mit immer neuen Sachen

Wie verlangt, habe die Donauresidenz die Meldung an das Gesundheitsamt gemacht: "Wir hoffen jetzt alle, dass es im Herbst mit den Vorgaben nicht so schwammig wird." Schon jetzt fülle sich das E-Mail-Postfach täglich wieder mit immer neuen Sachen: "Ich bin dankbar, dass wir eine kleine Einrichtung sind. Wir haben eine andere Marschroute." So kommen keine mobilen Impfteams dorthin, das werde von zwei Hausärzten übernommen.

"Wir wissen alle, dass es zu wenig Pflegekräfte gibt. Und in diesem Pflegenotstand nimmt man dann noch die guten Fachkräfte weg. Es würde mich nicht wundern, wenn die sich zusammenschließen und abwandern", stellt Krummradt fest. Abwandern dann allerdings in andere Branchen. Zudem spricht er von einem Vertrauensmissbrauch: "Man sagt uns ja, dass wir in dieser Situation nicht in der Lage sind, das zu regeln. Dabei haben wir alle Hände voll zu tun, alles einzuhalten, was gefordert wird. Und keiner hat ein Interesse daran, sich Corona ins Haus zu holen." Und was darauf folge? "Jede Einrichtung schottet sich ab, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können und schaut, dass man über die Runden kommt."

Info: Einrichtungsbezogene Impfpflicht

Der Bundestag beschloss vor einem halben Jahr die einrichtungsbezogene Impfpflicht: Wer in einem Gesundheitsberuf arbeitet – also zum Beispiel Altenpfleger – muss sich gegen Corona impfen lassen, sofern keine gesundheitlichen Gründe dagegenstehen. Damit sollen die besonders gefährdeten, pflegebedürftigen Menschen geschützt werden. Ungeimpften Pflegekräften drohen Bußgeld oder gar Betretungsverbote. Die Heime sind verpflichtet, dem Gesundheitsamt ungeimpfte Mitarbeiter zu melden. Im Gesundheitssektor gibt es viel Kritik an der Regelung, denn gerade in Pflegeheimen herrscht Fachkräftemangel.