Vor allem die Corona-Impfungen halten die Ärzte im Kreis Calw derzeit sehr auf Trab. Foto: Willnow

Auffrischungs-Impfungen, Erstimpfungen, Corona-Tests – und nebenbei der ganz reguläre Praxisbetrieb: Viele Ärzte im Kreis Calw wissen derzeit nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Mitten in diese Dauerfeuer-Phase platzt nun auch noch ein Flyer, den Impfgegner in Briefkästen stecken. Die Ärzte wollen sich von diesem Störfeuer aber nicht beirren lassen.

Kreis Calw - Adrian Hettwer von der Kreisärzteschaft Calw nimmt kein Blatt vor den Mund: "Viele Ärzte und auch das Praxispersonal sind mit der Bewältigung dieser Mammutaufgabe an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt." Der Allgemeinmediziner, der eine Praxis in der Calwer Fußgängerzone betreibt, spricht von einer Vollauslastung, mit der die niedergelassenen Ärzte im Landkreis derzeit zu kämpfen hätten. Hettwer zählt auf: "Booster-Impfungen, Erst- und Zweitimpfungen gegen Corona, Antigen-Schnelltests, PCR-Tests, entsprechende Planung, Dokumentation und Attestierung sowie Grippeschutzimpfung und zusätzliche Hausbesuche – unter Corona-Bedingungen."

 

In seiner eigenen Praxis hat Hettwer – genau wie viele seiner Kollegen – zumindest die PCR-Tests ein Stück weit vom normalen Tagesgeschäft abkoppeln können. Sie werden immer am Ende der Sprechstunden gemacht, wenn die Praxis ansonsten leer ist. "Diese Vorgehensweise hat sich bewährt, hat aber natürlich personell und räumlich ihre Grenzen. Auch sollte die Behandlung der übrigen Patienten nicht darunter leiden", verdeutlicht das Vorstandsmitglied der Kreisärzteschaft.

Planung der Impfungen gestaltet sich schwierig

Wesentlich mehr auf Trab halten die Corona-Impfungen. Das Problem: "Da wir immer noch keine einzelnen Impfampullen beziehen können, ist eine umfangreiche Planung und Einbestellung der Patienten notwendig, um unverbrauchte Impfstoffe nicht verwerfen zu müssen. Dass wir bezüglich der Impfstoffe nun auch kontingentiert werden, macht die Planung noch schwieriger. Dieser ganze Ablauf erfordert eine komplexe Planung und Logistik, die sich nicht in kürzester Zeit umzusetzen lässt", kritisiert Hettwer. Aus seiner eigenen Praxis berichtet er: "Impftermine werden so zeitnah wie möglich vergeben, aber auch unser Terminkalender sieht Impfungen gegen Corona bis aktuell Februar vor. Die Sechsmonats-Folgeimpfempfehlung nach der zweiten Impfung gegen Corona werden wir nur schwer halten können."

Ausdrücklich begrüßt Hettwer daher das Einsetzen des Impfmobils des Landkreises und die Eröffnung von Impfstützpunkten, um die niedergelassenen Ärzte zu entlasten. "Auch würde ich es begrüßen, wenn die lokalen und bewährten Abstrichstellen zur PCR-Testung wieder ins Leben gerufen werden könnten", sagt der Calwer Allgemeinmediziner.

Ärger über Flyer von Gegnern

Umso mehr ärgert sich Hettwer über die Flyer von Impfgegnern, die derzeit im Landkreis die Runde machen. Auf vier Seiten wird dort die Wirksamkeit der Impfstoffe infrage gestellt und vor möglichen Nebenwirkungen gewarnt. Vor allem aber wird darauf hingewiesen, dass Ärzte persönlich in Haftung genommen werden würden, wenn – wie es heißt – Impfschäden auftreten.

Absender des Schreibens, das unter anderem auch im Briefkasten unserer Redaktion in Calw eingeworfen wurde, ist der Verein MWGFD mit Sitz in Passau. Das Kürzel steht für Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie. Hinter dem Verein stecken umstrittene Mediziner, die der "Querdenker"-Bewegung nahestehen sollen – darunter der emeritierte Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi, der Hals-Nasen-Ohrenarzt Bodo Schiffmann und ehemalige Amtsarzt Wolfgang Wodarg. Gegen Bhakdi, der bei der Bundestagswahl im September als Kandidat der Partei Die Basis angetreten war, nahm die Generalstaatsanwaltschaft Schleswig vergangene Woche Ermittlungen wegen mutmaßlich antisemitischer Äußerungen auf.

Bereits im Sommer hatten der Verein MWGFD Flugblätter verteilt und geht darauf auch in seinem neuesten Flyer ein. Darin heißt es: "In unserem vorherigen Schreiben vom Juni dieses Jahres haben wir dargelegt, dass diese Impfstoffe allesamt unnötig, unwirksam und gefährlich sind."

Das erneute Störfeuer des Vereins inmitten dieser angespannten Zeit, in der die Ärzte unter Dauerfeuer stehen, findet Hettwer nicht gut. "Natürlich stören uns Flyer, die unser Tun in Frage stellen", sagt das Vorstandsmitglied der Kreisärzteschaft und warnt: "Die Medizin ist eine Wissenschaft, die von der Forschung, Studien, aktuellen Erkenntnissen, Erfahrungen und Empirie lebt. Wer Aussagen und Schriftstücke zu Corona, die nicht wissenschaftlich fundiert und statistisch hinterlegt sind, verbreitet, tut seinen Mitmenschen und der Stimmung im Land keinen Gefallen." Dennoch macht Hettwer auch klar, dass man sich von dem Flyer nicht beirren lasse: "Wir halten uns an Fakten und gehen Fake News aus dem Weg. Auf diesem Niveau haben wir bisher auch unsere Gespräche zu Corona geführt und sind auch weiterhin gerne dazu bereit."