Die Bahn fährt oft zu spät oder auch mal gar nicht. Aber ist das wirklich ungewollt – und schlimm? Foto: AVG

Unsere Autorin hat erkannt: Hinter den Bahnverspätungen steht ein höheres Ziel.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das nun sage, aber: Liebe Bahn, ich muss mich bei dir entschuldigen – und dir von Herzen danken!

 

Eigentlich ging es ja um den Schienenersatzverkehr in meiner Presseanfrage. Doch du hast mir so viel mehr offenbart! Denn als deine freundliche Pressesprecherin mir mitteilte, dass sich die Antwort um zwei Stunden verzögert, wurde mir klar: Das ist kein Zufall.

Was habe ich all die Jahre über dich geschimpft, über dich und deine „Unzuverlässigkeit“. Aber jetzt hast du mir die Augen geöffnet. In unserer schnelllebigen Zeit, gepaart mit der Tugend der Pünktlichkeit stellst du dich den gesellschaftlichen Wellen entgegen und bleibst dir treu und unpünktlich. Und damit bist du mein verlässlicher Fels in der Brandung – ich habe es nur nie gesehen. Nicht nur im stressigen Alltag, sondern auch in meinem schnelllebigen Beruf als Journalistin lehrst du mich nun Geduld. Du zeigst mir jeden Tag aufs Neue, wie einfach ich mich von den Zwängen der Uhr lösen könnte – wäre ich nur so stark wie du. Ich entschuldige mich mit vollster Demut, dieses hehre Ziel stets verkannt zu haben.

Deshalb, liebe Bahn, bleib wie du bist! Denn wenn du anfängst, pünktlich zu werden – dann fällt eine der letzten Konstanten in unserem Leben. Und die allseits zuverlässig (!) akzeptierte Erklärung für die Verspätung bei Arbeit, Schule und Vorstellungsgesprächen.