So sieht der aktuelle Planungsstand für das Prüf- und Technologiezentrum Immendingen aus. Foto: Daimler AG

Geländeübergabe an Daimler besiegelt. Ab 2014 sollen Testfahrzeuge ihre Runden drehen.

Immendingen - In der Oberfeldwebel-Schreiner-Kaserne in Immendingen (Kreis Tuttlingen) herrscht Gefahrenstufe »Alpha« – zumindest steht das groß auf der Tafel am Eingang. Gefahrenstufe Alpha, das bedeutet: keine Gefahr. Und das, obwohl die Übernahme des Militärgeländes unmittelbar bevorsteht. Die großen Daimler SUVs und Shuttlebusse dürfen ohne Kontrolle die Wache passieren. Was bislang kaum denkbar war, ist zum Greifen nah: die gleichzeitige militärische und zivile Nutzung eines Bundeswehrstandorts.

Überhaupt läuft bei der Ansiedlung des Daimler-Konzerns im badischen Immendingen einiges anders als bei bisherigen Vorhaben dieser Art. Wo sonst gestritten und verbissen gekämpft wird, ziehen hier alle Beteiligten an einem Strang: Bürger, Umweltschützer, Politiker, Militär und Wirtschaft.

Die »Operation Sternetausch« – wie Christian Schmidt (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung, die Übernahme des Bundeswehrgeländes durch den Autobauer Daimler nennt – ist in vollem Gang. Wo heute noch mit Panzern die Minensuche geübt wird, sollen schon nächstes Jahr die ersten Daimler-Testfahrzeuge ihre Runden drehen. Und das alles andere als heimlich: »Wir wollen so schnell wie möglich Flagge zeigen und allen zeigen, dass wir hier sind«, betont Thomas Weber, Vorstand der Daimler AG für Konzernforschung und Entwicklung Mercedes-Benz Cars.

Gestern haben das Bundesministerium der Verteidigung und die Daimler AG eine Vereinbarung zur Übergabe des Bundeswehrstandortes geschlossen. Daimler plant, auf dem Gelände ein zukunftsorientiertes Prüf- und Technologiezentrum anzusiedeln und so den Automobilstandort Baden-Württemberg weiter zu stärken. Schmidt (»Die Bundeswehr hat schnell verstanden, dass der Slogan ›Ein Stern für Immendingen‹ nichts mit Gernerälen zu tun hat«) und Weber unterzeichneten die Vereinbarung stellvertretend für Ministerium und Unternehmen. Sie regelt die Übergabetermine für den Standortübungsplatz (ab Mitte 2014), die Oberfeldwebel-Schreiber-Kaserne (Mitte 2016) und die Sammelstandortschießanlage (Mitte 2017).

Außerdem wird darin festgehalten, dass die Nutzung einzelner Gebäude und Flächen schon vor der planmäßigen Übergabe möglich ist – vorausgesetzt es besteht beiderseitiges Einvernehmen und der militärische Betrieb ist gewährleistet. Glaubt man den Beteiligten, so dürfte aber auch das kein Hinderungsgrund mehr sein.

"Sehr gut geeignet für die besten Autos der Welt"

»Dieses Zukunftsprojekt lebt nicht zuletzt von der breiten Unterstützung durch die Politik in der Gemeinde, im Land und auf Bundesebene sowie durch die Bürger«, so Weber, und weiter: »Nur gemeinsam konnte es gelingen, den heutigen Planungsstand zu erreichen und damit die Voraussetzungen zu schaffen, dieses Projekt zügig umzusetzen. Immendingen ist auf dem Weg, künftig die Mobilität der Zukunft mitzugestalten.« Das Gelände selbst bezeichnet Weber gestern nach der Befahrung im Geländewagen als »sehr anspruchsvoll, aber sehr gut geeignet für die besten Autos der Welt«.

In Immendingen werde man künftig größte Anstrengungen unternehmen, Fahrzeuge emmissions- und unfallfrei zu machen. Dazu zählten modernste Assistenzsysteme, alternative Antriebe, aber auch die Optimierung des Verbrennungsmotors, der laut Weber noch lange nicht ausgedient hat.

Neben Immendingens Bürgermeister Markus Hugger (»Ein historischer Tag für Immendingen«) sind auch der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder sowie Landtagspräsident Guido Wolf (CDU), und Silke Krebs (Grüne), Ministerin im Staatsministerium Baden-Württemberg, vor Ort dabei. Sie alle sind voll des Lobes über das Zusammenspiel der Beteiligten. »Für die Landesregierung ist es von großer Bedeutung, dass der gewählte Standort in Baden-Württemberg liegt und dass die Chance ergriffen wurde, eine Konversionsfläche zu nutzen – ein starkes Signal für die Region und den ländlichen Raum insgesamt. Wir wollen als Automobilstandort bestehen«, so Krebs. »Das geht aber nur, wenn Autos auf Straßen fahren können und nicht auf Radwegen«, kann sich Kauder eine Spitze in Richtung Landesregierung dann doch nicht verkneifen.

»Wir rechnen für das Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen mit einem Investitionsvolumen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich«, so Daimler-Vorstand Weber. Hierin seien sowohl die Kosten für die Realisierung der innovativen Prüfmodule als auch für den Erwerb der Liegenschaft enthalten. Der entsprechende Verkaufspreis werde aber erst in einem komplexen Bewertungsverfahren ermittelt, das noch ausstehe. »Aber auch da werde man sich einig werden«, grinst Weber, wobei Schmidt – ebenfalls schmunzelnd – einwirft: »Zu verschenken haben wir nichts.«

Trotz dieses kleinen Scharmützels wird auch gestern wieder eindrucksvoll deutlich, dass bei diesem Projekt Profis an einem Tisch sitzen, die wissen, worauf es ankommt. Wen wundert es da, dass das Wort der »Win-win-Situation« nicht nur einmal in den Mund genommen wird.

Und in der Tat scheint es so, als ob dies alles andere als ein Lippenbekenntnis ist: Der Bundeswehrstandort erfährt als Konversionsfläche quasi übergangslos eine neue, zukunftsträchtige Nutzung, Daimler erhält ein Test- und Prüfzentrum wie es der Autobauer bis dato – im Vergleich zu Mitbewerbern wie BMW, Audi oder VW – noch nicht hatte, und in der Gemeinde Immendingen sollen mindestens 300 neue Arbeitsplätze entstehen.

Zudem ist davon auszugehen, dass die Daimler-Ansiedlung zahlreiche positive Impulse für das Gesamtgewerbe in der Region nach sich ziehen wird. Davon ist auch Dieter Teufel, Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg, überzeugt. Schon jetzt bemerke man eine regelrechte Aufbruchstimmung, so Teufel.

Ziel der Daimler AG war es von Beginn an, das Projekt des Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen im engen Dialog mit allen Beteiligten, dem Umwelt- und Naturschutz sowie den Bürgern vor Ort weiterzuentwickeln. Und während man bei potenziellen Standorten in Sulz, Empfingen, Nellingen oder Kirchentellinsfurt – »da haben wir viel gelernt«, lacht Projektleiter Reiner Imdahl – auf heftigen Widerstand gestoßen war, sei man in Immendingen mit den sprichwörtlichen offenen Armen empfangen worden. Das hält bis heute an: Bürgermeister Hugger verteilte eigens für den gestrigen Tag angefertigte Kugelschreiber mit dem Aufdruck: »Daimlers nächster Schritt, Immendingen zeichnet mit«. Alarmstufe Alpha eben.
 

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