Volker Damm ist leitender Arzt der Palliativstation im Zollernalb Klinikum und begleitet Menschen, die unheilbar krank sind.
Der Duft von Orange liegt in der Luft, im Hintergrund sind die zarten Klänge einer Harfe zu hören. Alles wirkt entspannt und friedlich. Eine Oase der Ruhe inmitten des trubeligen Alltags. Was hier beschrieben wird, ist nicht etwa der Ruhebereich in einem Wellnesshotel, sondern ein Zimmer auf der Palliativstation des Zollernalbklinikums. Wer hier liegt, hat zwangsläufig einen neuen Blick auf das Leben erhalten. Denn diese Menschen sind unheilbar krank.
„Zu uns kommen nicht nur Menschen, die im Sterben liegen“, sagt Palliativmediziner und leitender Stationsarzt Volker Damm. „Ich sage gerne: Wir sind die Feuerwehr für Schwerkranke, wir bekämpfen Symptome, um den Menschen so viel Lebensqualität wie möglich zu schenken.“
In Fürsorge gehüllt
Palliativ leitet sich vom lateinischen Wort pallium ab, der Mantel – Palliativpflege will ummanteln, umhüllen. 90 Prozent der Patientinnen und Patienten auf Station haben Krebs, oft einhergehend mit unschönen Nebenerscheinungen, wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit und starker Unruhe. Eine Pflegeeinrichtung ist die Station nicht, dafür gibt es andere Anlaufstellen.
„Wenn möglich, verlegen wir Menschen noch ins Hospiz, ins Pflegeheim oder schicken sie wieder stabilisiert nach Hause“, sagt Damm. Er ist Palliativmediziner mit Leidenschaft und arbeitet seit 25 Jahren in diesem Bereich. Schon früh war ihm klar, dass er Menschen beim Sterben begleiten möchte. „Das ist eine ganz besondere Arbeit. Kein Patient ist wie der andere.“
Die Palliativstation hat acht Einzelzimmer und ist für Erwachsene ab 18 Jahren. Wenn mal kein Zimmer frei ist, kommen die Menschen auf eine Warteliste. Das passiere aber eher selten. Fototapeten an den Wänden sollen die sterile Krankenhausatmosphäre auflockern. In einem Zimmer ist ein leuchtend weißes Blumenfeld zu sehen, in einem anderen thront die Burg Hohenzollern über einer saftig grünen Sommerwiese. „Wir wollen, dass sich unsere Patienten so wohl wie möglich fühlen“, sagt Damm. 90 Prozent seiner Arbeit bestehen aus Reden – mit den Patienten, genauso wie mit den Angehörigen. „Manche haben Angst, etwas falsch zu machen, und sind überfordert mit der Situation.“
Der Sterbeprozess kann sich über Tage hinziehen. Essen und Trinken spielen in diesem Stadium keine Rolle mehr und werden auch nicht künstlich herbeigeführt. Das ist für Angehörige oftmals schwer zu akzeptieren. „Manche Menschen entscheiden sich auch bewusst dafür, nichts mehr zu essen, um das Sterben zu beschleunigen“, sagt Damm. Dann gehört es zu seinen Aufgaben, mit den Angehörigen zu sprechen: „Ich sage zu meinen Patienten: Sie sind der Chef.“ Die Angehörigen können jederzeit auf der Station übernachten, auf Gästebetten, die extra dafür bereitstehen.
In Würde sterben
Wer im palliativen Bereich arbeiten möchte, braucht eine Weiterbildung. „Zu uns kommen die Menschen freiwillig. Die Arbeit mit Sterbenden ist nicht für jeden etwas“, sagt Damm. Er empfindet es als großes Privileg. „Du spürst, dass du etwas Sinnvolles tust“, betont er.
Die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten stehen immer im Mittelpunkt. Jeder Mensch soll in Würde sterben können. Aber was heißt das eigentlich? „Würde ist für jeden Menschen etwas anderes. Dafür gibt es keine allgemeine Definition“, erklärt Damm. Die Menschen, die in palliative Behandlung kommen, haben bereits einen Kampf hinter sich oder befinden sich mittendrin. Der von Krankheit geplagte Körper wird immer schwächer. Da reichen schon kleine Dinge, um das Wohlbefinden zu steigern: der Duft nach Lavendel, ein paar Minuten an der frischen Luft, die Wärme der Sonne.
Viele Menschen meiden das Thema Sterben, weil sie Angst haben. Nicht so eine 86-jährige Patientin, die anonym bleiben möchte und hier Rosemarie genannt wird. Rosemarie liegt seit einigen Tagen auf der Palliativstation. Sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und bekommt immer wieder Chemotherapie. „In dieser Zeit bin ich unglaublich müde. Mir fehlt die Kraft für alles“, sagt sie. Sie hat sich aus dem Bett aufgerafft, um im Gemeinschaftsraum ein wenig zu lesen. „Ich wollte mir die Palliativstation eigentlich anschauen, ehe ich das erste Mal hier liege.“ Es gab Komplikationen, weswegen Rosemarie früher als geplant auf die Station kam.
„Die Menschen, die hier arbeiten, sind alle sehr aufmerksam und fürsorglich“, sagt Rosemarie. Einen Besichtigungstermin für das Hospiz in Sigmaringen hat sie auch schon ausgemacht. Sie möchte wissen, was auf sie zukommt. Bisher kämpft sie. „Als ich meine Diagnose bekommen habe, gaben mir die Ärzte noch ein Vierteljahr“, erzählt sie. Das war vor dreizehn Monaten.
Seitdem musste sie viel verarbeiten. Kann sie auch etwas Schönes aus dieser Zeit mitnehmen? „Die Beziehung zu meiner Tochter ist seit der Diagnose viel tiefer geworden.“
Akzeptieren und loslassen
Menschen, die mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert sind, müssen mentale Höchstleistungen vollbringen. Plötzlich verändert sich der Fokus im Leben, die wesentlichen Dinge rücken ins Zentrum. „Menschen, die das Gefühl haben, wichtige Punkte in ihrem Leben nicht mehr geklärt zu haben, sterben teilweise sehr unruhig“, sagt Damm. Für die Angehörigen sei das oftmals schwer zu ertragen. „Je besser Menschen ihr Schicksal akzeptieren und loslassen können, desto ruhiger sterben sie.“
Das Team auf der Palliativstation ist interdisziplinär. Aus verschiedenen Bereichen kommen Fachkräfte zusammen, um die Patienten umfänglich zu betreuen. Einen Teil der Leistungen übernimmt die Krankenkasse, darunter Physiotherapie, Ernährungsberatung und Seelsorge. Andere Leistungen sind über Spenden finanziert: „Wir bieten Kunst- und Musiktherapie an“, sagt Damm. Bald wird es auch eine tiergestützte Therapie geben.
Noch eine letzte Zigarette
Volker Damm hat schon viele Menschen beim Sterben begleitet. Immer wieder fallen ihm Geschichten ein – etwa die der Ente Angie, benannt nach einer Patientin, die bereits schwer krank war. Eines Tages beschloss sie frühmorgens, noch eine letzte Zigarette zu rauchen und dann zu sterben. Weil es ihr so schlecht ging, fantasierte sie manchmal vor sich hin.
An diesem Morgen erzählte sie von einer Ente, die auf ihrer Terrasse brütete. Das Personal hielt die Geschichte für eine weitere Fantasterei. Nach ihrer letzten Zigarette legte sie sich ins Bett und starb wenige Tage später.
Zurück blieb eine brütende Ente, gut versteckt im Blumenkübel. Im Aufenthaltsraum hängen nun zwei Bilder an der Wand: Auf einem ist die Entenmama zu sehen, auf dem anderen ihre neun Küken.
Rosemarie ist erleichtert. Sie habe sich die Palliativstation düsterer vorgestellt. Die 86-Jährige hat sich mit ihrem Schicksal auseinandergesetzt und gelernt, es zu akzeptieren. Ziele hat sie immer noch: Im Frühjahr möchte sie eine Städtereise nach Basel machen und eine Kunstausstellung anschauen. Ihren Geburtstag im Sommer würde sie gerne noch feiern. „Drücken Sie mir die Daumen“, sagt sie mit einem Lächeln.