Genug der schwäbischen Bescheidenheit: In seiner neuen Ausstellung rückt das Museum im Steinhaus sich selbst ins Rampenlicht. Wohlverdient: Schließlich handelt es sich um Nagolds ältestes Wohnhaus. Da gibt es viel zu erzählen.
Vom Wasserschloss zum Maierhof, dann bürgerliches Wohnhaus, Waschhaus, Schreinerei, Mosterei und Weinhandlung. Selbst Hühner lebten schon auf dem Dachboden.
Nagolds Steinhaus, seit 1989 stolzes städtisches Museum, ist nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort. Es hat auch jede Menge Geschichten zu erzählen. Vor allem aus dem 20. Jahrhundert sind so manche Anekdoten Nagolder Familien eng mit dem Gebäude verbunden. Doch die Baugeschichte des Steinhauses setzte schon viel früher ein.
Das Museum im Steinhaus beschäftigt sich in einer neuen Ausstellung mit der eigenen reichen Bau- und Nutzungsgeschichte. Diese Sonderausstellung läuft noch bis zum 9. Juni.
Die Ausstellung
„Ein außergewöhnliches Haus kann meist außergewöhnliche Geschichten erzählen. In Nagold gehört das Steinhaus sicherlich zu diesen Bauten“, weiß Lena Hauser zu berichten. Sie ist seit zwei Jahren als Museumsleitung die Chefin im Haus. Und zusammen mit Heike Roller hat sie die neue Ausstellung konzipiert und umgesetzt.
Die Ausstellung erzählt vom Umbau des vormaligen Wohnhauses zum Museum, zeigt zeitgenössische Fotografien und rekonstruierte Grundrisspläne. Staunen kann der Besucher zum Beispiel über ein ungefähr drei Quadratmeter kleines Kinderzimmer, in dem einst drei Personen geschlafen haben – eine von vielen Nutzungs-Geschichten, die das Steinhaus zu erzählen hat.
Von „Detektivarbeit“ spricht Lena Hauser. Sie und ihre Kollegin führten sogar Gespräche mit Personen, die noch im Steinhaus gelebt haben, sie wühlten sich durch Akten und sichteten alte Fotografien. Heike Roller griff bei der Rekonstruktion der Grundrisspläne häufig zum Radiergummi, weil eine neue Information die Raumaufteilung völlig veränderte. „Die Treppen waren anders positioniert und steiler, was wiederum die Zugänge zu den einzelnen Zimmern beeinflusste“, erzählt sie.
Lena Hauser freut sich besonders über die Gesprächsbereitschaft der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen: „Ihre Anekdoten, was sie im Steinhaus erlebt haben, erfüllt das Gebäude erst so richtig mit Leben.“ Die ein oder andere Geschichte lässt sich in der Ausstellung nachlesen. Etwa die einer Henne, die Enteneier ausbrütete und gar nicht glauben konnte, dass ihr Nachwuchs so gerne in der Nagold schwamm.
Lena Hauser aber ist überzeugt: „Ein Highlight für Alteingesessene stellt die Übersichtsliste über alle Hausbesitzer seit 1663 dar.“ So bestehe die Möglichkeit, die eigenen Vorfahren wiederzufinden und womöglich die eigene Geschichte mit der Geschichte des Steinhauses zu verknüpfen.
Bei all der fleißigen Recherche kam natürlich einiges an Stoff für die Ausstellung zusammen. Und doch, gibt es noch viele Rätsel und Mutmaßungen um das Gebäude, vor allem, wenn es um die Anfänge geht.
Das Steinhaus als Wasserschloss
Auffällig am Steinhaus, das heute am Longwyplatz liegt, ist dass es wie eine kleine Burg aussieht. Das Gebäude ist wehrhaft, hat dicke Außenmauern. „Der untere Teil des Gebäudes stammt aus dem 13. Jahrhundert – die Sandsteinmauern sind über ein Meter dick“, berichtet Hauser. Diesen massiven Steinmauern hat das Gebäude auch seinen Namen zu verdanken – denn in der Nagolder Altstadt war so ein massiver Steinbau dann doch eine Besonderheit.
Die Museumsmacherinnen erörtern, dass das Steinhaus ursprünglich ein Wasserschloss war – dabei ist zu beachten, dass der Fluss ja bis zur Nagold-Korrektur im Jahr 1928 direkt an dem Gebäude verlief. Das Haus stand übrigens früher frei. Zwischen der alten Stadtmauer von 1274, die noch heute an der westlichen Außenwand zu sehen ist, und dem Haus verlief ein schmaler Gang zwischen der Festungsanlage und dem Steinhaus, der um 1570 geschlossen wurde.
Von hoher Bedeutung
Das Steinhaus war in Nagold schon immer ein bedeutender Ort. Es stand in Beziehung zur Burg Hohennagold und diente wahrscheinlich auch zur Sicherung einer flachen Furt, an der das Gewässer durchquert werden konnte. Es ging also um die wichtige Wegekontrolle und Sicherung zwischen Nagold, der Rohrdorfer Steige und der Burg. „Wer hier wohnte hatte eine herausragende soziale Stellung inne“, ist man sich im Museum sicher. Weniger sicher ist, wer das genau war. Gehandelt wird unter anderem ein Ritter Heinrich von Nagold, der als „Heinricus miles de Nagilta“ urkundlich erwähnt wird, und seiner Frau Adelheid 1245 mehrere Güter in Nagold überschrieb. Zudem gibt es die Vermutung, dass das Steinhaus der Sitz im Tal des Burgvogts zu Hohennagold war. Sicher ist wiederum, dass das Steinhaus mit seinen über 750 Jahren das älteste noch stehende Wohnhaus in Nagold ist.
Der Maierhof
Ab dem 14. Jahrhundert bis ins 17. Jahrhundert bildete das Steinhaus den Mittelpunkt des Maierhofs. Die Maierei war Eigentum der Herrschaft (also der Württemberger). Äcker, Wiesen, Wälder und eine Bierbrauhütte gehörten zum Besitz. Ein „Maier“ war der Verwalter solch eines Hofs und er hatte die Hälfte der Erträge an seine Herren abzugeben. Alle Bürger von Nagold, aber auch aus Iselshausen, Mindersbach, Emmingen, Rohrdorf, Oberschwandorf und Unterjettingen waren dem Nagolder Maier fronpflichtig – was meist Arbeiten in der Landwirtschaft waren. Nach den Verheerungen des 30-Jährigen Krieges verlor der Maier seine Obrigkeitsstellung, Frondienste konnten nicht mehr geleistet werden. Der Niedergang führte 1693 zur Auflösung der Maierei. Nun ging das Steinhaus in Privatbesitz über.
Im 20. Jahrhundert
Besonders umfangreich sind die Forschungen und Erinnerungen zum 20. Jahrhundert im Steinhaus. Auch dank Zeitzeugen. Das Haus war in Wohn- und Geschäftsräume unterteilt und gehörte zwei Familien. Es war also einiges los in dem Gebäude. Hühner und Angora-Hasen wurden auf dem Dachboden gehalten. Kuh und Ziege lebten im Stall. In der Ausstellung werden Erinnerungen geweckt an Küferei und Weinhandlung, ein Geschäfts rund um die Imkerei gab es, und nicht zuletzt die Bootsvermietung. Von 1928 bis 1988 betrieb das Ehepaar Hammann die Bootsvermietung an der Nagold. Diese Aufgabe hatten sie vom Adler-Wirt Stockinger übernommen. Als gelernter Schreiner stellte Wilhelm Hammann die Boote übrigens selbst her. So eine Bootspartie auf der Nagold war beliebt. Am Gasthaus Schiff gab es früher sogar einen weiteren Bootsverleih.
Der Weg zum Museum
Das Museum eröffnete im April vor 35 Jahren. Doch bereits 1972 hatte sich ein Verein gegründet, der unter anderem den Aufbau eines Heimatmuseums zum Ziel hatte. Aus diesem Verein ging der heutige Verein für Heimatgeschichte Nagold hervor. 1979 erwarb die Stadt das Steinhaus aus Privatbesitz und wies es ab 1983 als Museum aus. Von 1986 bis 1988 folgte der Umbau und die Sanierung des Gebäudes – natürlich in enger Begleitung des Denkmalschutzes. Ein Jahr später war dann die Eröffnung.
Im Sommer des Eröffnungsjahres kam die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Herma Klar als Leiterin ins Steinhaus und baute das Museum in der Folgezeit auf. 1990 war die Sanierung offiziell beendet. Seit 2022 hat die Kunsthistorikerin Lena Hauser die Leitung inne.