Menschen fliehen oft vor Gewalt. Auf der Flucht erleben sie häufig ebenfalls Gewalt. Refugio ist ein gemeinnütziger Verein, der traumatisierte Geflüchtete betreut – unter anderem im Zolllernalbkreis. Doch die Hürden dabei sind vielfältig.
Wenn Geflüchtete in Deutschland ankommen, haben sie oft eine Zeit hinter sich, die von Gewalt und enormen Belastungen geprägt war. Nicht nur eventuelle politische Verfolgung oder Bürgerkrieg in ihrem Herkunftsland spielen dabei eine Rolle, sondern auch die Flucht selbst.
Bei der Gewalt, die Flüchtende erfahren, spielen immer wieder auch rechtlich umstrittene Praktiken wie die sogenannten Push-Backs eine Rolle, bei denen Geflüchtete kollektiv und häufig gewaltsam durch die jeweilige Grenzpolizei oder sogar durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex zurückgedrängt werden.
Das Border Violence Monitoring Network – ein internationaler Zusammenschluss mehrerer in der Flüchtlingshilfe tätiger Organisationen – sammelt Berichte, in denen Flüchtende im Rahmen von „Push-Backs“ vor allem in der Balkanregion von Schlägen, Diebstahl, Beleidigung, Zerstörung des Reisepasses, dem Zwang, sich auszuziehen und Schüssen durch Polizeikräfte erzählen.
Wie gut sind Geflüchtete, die im Zollernalbkreis ankommen und solche Erfahrungen machen mussten, versorgt? Wir haben Ulrike Schneck von Refugio Stuttgart, Alexandra Tietz, von der Regionalstelle Tübingen und ihr Team gefragt.
Wie viele Geflüchtete aus dem Zollernalbkreis suchen Refugio auf?
In den vergangenen Jahren wandten sich jährlich zwischen 8 und 13 Klientinnen und Klienten (13 in 2022) aus dem Zolllernalbkreis an Refugio Stuttgart. Diese werden in der Regionalstelle Tübingen beraten und behandelt.
Wie viele Geflüchtete wendeten sich aus anderen Landkreisen an Refugio?
Die Regionalstelle Tübingen hatte in den vergangenen Jahren jährlich um die 100 Klienten in Behandlung und Beratung (in 2022 waren es 97). Die meisten Klienten der Regionalstelle, die vor allem die Landkreise Tübingen, Reutlingen und Zollernalb abdeckt, kommen aus dem Raum Tübingen.
In der Hauptstelle Stuttgart mit einem großen Einzugsgebiet werden zum Beispiel auch aus Landkreisen wie Böblingen oder dem Rems-Murr-Kreis ähnliche Anmeldezahlen wie aus dem Zollernalbkreis erreicht.
Gibt es im Zollernalbkreis weitere therapeutische oder psychosoziale Angebote für Geflüchtete?
„Unseres Wissens gibt es im Regelsystem Bestrebungen, die Angebote auch für Geflüchtete zu öffnen und Zugänge zu erleichtern“, sagen Schneck und ihr Team von Refugio. Ein Pressesprecher des Landratsamts Zollernalbkreis betont die unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten für ukrainische Geflüchtete und solche aus anderen Ländern: „Für ukrainische Kriegsvertriebene gibt es im Zollernalbkreis spezielle Angebote. Sowohl eine ukrainische als auch eine polnische Psychologin bieten gemeinsam in Albstadt, Balingen und Hechingen Beratung traumatisierter ukrainischer Flüchtlingen an.
Der Kontakt wird über den Verein für gemeindenahe Psychiatrie hergestellt. Der Zugang zur Traumabehandlung für Asylsuchende gestaltet sich schwieriger.“ Neben der Refugiostelle in Tübingen, die „das einzige psychosoziale Zentrum in der Region für traumatisierte Geflüchtete und Folteropfer“ sei, arbeite der Zollernalbkreis bei der Behandlung für Asylsuchende mit dem Diasporahaus Bietenhausen zusammen.
Das Diasporahaus biete im Rahmen des Projekts „Integration vor Ort“ in der Bahnhofstraße 7 in Hechingen eine Beratung für traumatisierte Geflüchtete an. Hierbei gehe es darum, die Betroffenen in vorhandene Netzwerke einzubinden und Perspektiven zu schaffen.
Wie finden Geflüchtete aus dem Zollernalbkreis ihren Weg zu Refugio?
Viele der Klienten werden über Fachkräfte aus den Unterkünften oder über Ehrenamtliche angemeldet, manchmal auch über Ärzte, Rechtsanwälte oder Angehörige.
Wie kommen traumatisierte Geflüchtete aus dem Zollernalbkreis zur Refugio-Stelle in Tübingen?
Die Anreise ist für die Klienten in der Regel nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich und daher häufig lang. Fahrtkosten werden von Refugio Stuttgart aus Spendengeldern übernommen, sofern keine andere Finanzierung besteht oder sie nicht selbst getragen werden können. Der weite Weg ist für viele jedoch eine große Hürde, da aufgrund der psychischen Probleme die Zugfahrt eine zusätzliche Belastung darstellt.
Wie bewertet Ulrike Schneck die Lage für traumatisierte Geflüchtete im Zollernalbkreis?
„Es gibt im ländlichen Raum deutliche Nachteile, gerade für traumatisierte und psychisch kranke Geflüchtete, da die Angebotsstruktur weniger ausgebaut ist als im städtischen Raum und vor allem die Sprachmittler fehlen“, sagt Schneck.
Viele der Klienten sagen aber auch, dass Ruhe und Natur wichtige Ressourcen darstellen, und sind daher auch froh, in einem ländlichen Raum zu leben, sagt Schneck. Ehrenamtliche Strukturen seien überall ein äußerst wichtiger Faktor und helfen bei der Integration.
Welche speziellen Anforderungen stellt eine therapeutische Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten?
Vor allem braucht es geschulte Sprachmittler und die Bereitschaft der Therapeuten mit Sprachmittlung zu arbeiten. Dass auch die Kostenübernahme für die Behandlung nur selten und dass die Kosten für die Sprachmittlung gar nicht über die Krankenkasse abgerechnet werden können, stellt eine weitere Hürde dar.
Schließlich sind Grundkenntnisse im Asyl- und Aufenthaltsrecht hilfreich. Sehr wichtig ist außerdem die Bereitschaft, bei Einverständnis des Klienten, auch mit anderen Stellen, zum Beispiel der Flüchtlingssozialarbeit, zu kooperieren. Eine traumaspezifische Weiterbildung ist ebenfalls wichtig, denn in der Regel mussten die Geflüchteten schwere Gewalterfahrungen machen oder haben andere schwere Traumata erlebt.