Eine Frau, die eine Burka trägt, geht vor ihrem Haus. Die in Afghanistan regierenden militant-islamistischen Taliban haben Frauen vorgeschrieben, in der Öffentlichkeit einen Ganzkörperschleier zu tragen. Foto: Noroozi/dpa

Ein Jahr Taliban-Regime in Kabul, da rücken Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung von Frauen in den Fokus. Was davon schlägt sich bei den Flüchtlingen nieder, mit welchen der Psychotherapeut Jan Kizilhan im Schwarzwald-Baar-Kreis spricht?

Schwarzwald-Baar-Kreis - Die Verletzungen, die er zu kurieren oder zumindest zu lindern versucht, gehen tief. Als Trauma-Experte widmet sich der Diplom-Psychologe Jan Kizilhan in der Region seit Jahren auch Opfern der Terrormiliz des Islamischen Staates, doch auch das Wirken ihrer Gegner, der Taliban, hat Folgen.

 

Seit ziemlich genau einem Jahr liegt die afghanische Hauptstadt Kabul in ihrer Hand – rund 4,3 Millionen Menschen leben hier.

Er erfährt, wie sie leiden

Ein Jahr Herrschaft der Taliban war in den vergangenen Tagen vielfach ein Grund, Bilanz zu ziehen. Von gravierendsten Menschenrechtsverletzungen ist die Rede und Unterdrückung der Frauen. Gerade sie sind es, mit welchen auch der Islamwissenschaftler Jan Kizilhan häufig arbeitet. Im Gespräch erfährt er, was sie erleben, erleiden, ertragen müssen.

Was Jan Kizilhan im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten schildert, geht unter die Haut: "Die Frauen, die von den Taliban unterdrückt wurden, berichten mir häufig von Schlägen am ganzen Körper mit Stöcken, Bewerfen von Steinen. Einige wurden auch mit Messern oder mit Schüssen bei Demonstrationen verletzt", berichtet er.

Neben schweren körperlichen Misshandlungen würde "in der Regel" auch von psychischen Verletzungen berichtet – sexuelle Beschimpfungen und Drohungen, sie und die gesamte Familie zu verhaften "oder zu töten, wenn sie sich nicht an die Vorschriften ›des Islams‹ halten".

Kaum ein Überleben möglich

Einige berichten auch von Vergewaltigungen, Zwangsheirat und Haft durch den Taliban. "Frauen, die sich nicht an die Regeln der Taliban halten, werden mit der gesamten Familie vertrieben und müssen ihr Dorf verlassen und sind kaum in der Lage zu überleben." Manche Frauen, erzählt der Psychologe, erzählten ihm, dass viele Frauen verschleppt und nie wieder gefunden worden seien.

Ob ein Unterschied zwischen Kleinkindern, Kindern und jugendlichen Frauen sowie Erwachsenen gemacht werde? Der Diplom-Psychologe, Buchautor und Orientexperte, der auch mit Opfern der Terrormiliz Islamischer Staat zu tun hat und die Friedensnobelpreisträgerin und Jesidin Nadia Murad betreute, weiß aus seiner Arbeit mit Kindern, die als Flüchtlinge in die Region gekommen sind, das im Afghanistan als einem "der gefährlichsten Länder der Welt", wie er es beschreibt, "am meisten die Kinder" leiden. Hunger und hygienische Probleme machten ihnen zu schaffen, ein Schulbesuch ist oft unmöglich und: Sie erlebten ständig die Bedrohung der eigenen Eltern und Verwandten. "Sie können ihre Kindheit nicht erleben und wachsen mit Ängsten und verschiedenen Deprivationen, die die Persönlichkeit der Kinder nachhaltig beeinflusst wird, auf."

Er erfährt von unfassbaren Szenen

Für Jan Kizilhan, der Professor für Soziale Arbeit der Fakultät für Sozialwesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Schwenningen ist und das Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung leitet, steht schon jetzt fest, "dass viele der traumatisierten Kinder ohne Hilfe und psychosoziale Versorgung im Erwachsenenalter verschiedene psychische Erkrankungen bekommen und lebenslang damit leben müssen".

Dabei schildert der Orientexperte unfassbare Szenen: "Kleinkinder werden in Gegenwart ihrer Eltern, Geschwister und Freunde geschlagen, auf den Boden geworfen oder den Müttern gedroht sie zu töten." Jungen Mädchen werde neben körperlicher Gewalt mit Vergewaltigung und Haft gedroht. "Kinder werden gezielt rekrutiert und zu Taliban-Kämpfer ausgebildet, da man sie schnell manipulieren kann", damit sie dessen Ideologie übernehmen. "Als Kinder und Jugendliche werden sie gedrillt und kämpfen dann für die Taliban. Das hat die Taliban schon seit ihrer Existenz betrieben."

Zum Zeitpunkt, wenn Jan Kizilhan diese erschreckenden Details aus erster Hand zu Ohren kommen, sind die Frauen diesem Schicksal meist bereits entronnen. Doch es verfolge sie weiter. Die Frauen leiden, erzählt er, auch hier noch unter Schlafstörungen, Alpträumen, Ängsten, Unruhe, Anspannungen und Depressionen. "Sie können die erlebte Bedrohung und vor allem Demütigung als Mensch und Frauen nicht vergessen". Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, litten in der Regel ihr ganzes Leben unter dieser Traumatisierung und brauchten sehr lange und meistens professionelle Hilfe durch Therapeuten, Ärzte und Sozialarbeitende, um damit überhaupt umgehen zu können.

Die Krux: vom Westen "anerkannt"

Männer, die dem Trauma-Experten nach ihrer Flucht von den Geschehnissen erzählen, berichten ebenfalls, wenn auch von anderen, Repressalien. Sie erzählen von Folter, Bedrohung und Haft durch den Taliban. "Sie sehen sich selbst als Opfer dieser Terrorgruppe, die nun das ganze Land kontrolliert". Tragisch in ihrer Sichtweise: Der Taliban werde vom Westen "anerkannt". "Wir arbeiten also genauso mit Männern, die Opfer des Taliban geworden sind", betont Kizilhan.

Besonders krass mag nichtsdestotrotz für die Frauen der Unterschied zwischen ihrer Heimat und ihrem Zufluchtsort sein. Haben sie erst einmal die dringend notwendige medizinische und psychische Unterstützung erhalten, könnten sie sich "langsam in Deutschland orientieren". Allerdings mache die Angst vor Abschiebung oder um die Familie, die noch auf der Flucht oder in Afghanistan ist, die Konzentration auf das Leben im Westen schwer.

Gut ausgebildet, bessere Chancen

"Gut ausgebildete Frauen, bereits politisch engagierte Frauen in Afghanistan integrieren sich schneller und sehen die Rechte der Frauen in der westlichen Welt als ein Privileg und wissen es zu schätzen", weiß Kizilhan, da verlaufe auch die Psychotherapie erfolgreicher. Frauen aus ländlichen Gebieten mit stark religiöser Erziehung und Unterdrückung durch die Männergesellschaft jedoch hätten es schwer, die neue Veränderung und westliche Vorstellung zu verstehen und zu akzeptieren. Meistens bevorzugten sie es, in Deutschland mit anderen afghanischen Familien mit ähnlichen Vorstellungen oder anderen religiösen Muslimen zu leben. Ihre Kinder wiederum integrierten sich schnell in die hiesige Gesellschaft in Deutschland.

Keinen Hehl macht Jan Kizilhan aus dem fatalen Signal, das von der Herrschaft der Taliban in Kabul ausgehe. "Die tausenden Frauen, die jahrelang für deutsche und andere westliche NGOs und Regierungsorganisationen aktiv für die Rechte der Frauen waren, sind erschüttert, geschockt und zutiefst enttäuscht. Sie sind vom Westen im Stich gelassen worden. Sie waren die Botschafter von Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechten, auch nach Vorstellung des Westens, und wurden der brutalen Taliban überlassen." Trotz "dieses großen Fehlers, die Menschen in Afghanistan im Stich gelassen zu haben", müsse der Westen politisch aktiv werde, fordert Kizilhan.

Der Westen müsse die Strategie ändern

"Die Taliban wird langfristig, nachdem es sich stabilisiert hat, wieder Zentrum verschiedener Terrororganisationen werden, die auch den Westen wie die ISIS bedrohen und sicherlich Terroranschläge im Westen ausüben" – so wie der Iran seine Macht und politischen Islam im Mittleren Osten stetig verbreite, werde der Taliban den Terror über dieser Region hinaus verbreiten.

"Dies sind keine gute Aussichten und müssten die westliche Welt zu einem Strategiewechsel bewegen. Es gilt aber dennoch weiterhin die vielen mutigen Frauen in Afghanistan zu unterstützen und Gefährdete herauszuholen." Und auch dann bestehe noch Handlungsbedarf: "mehr staatliche Hilfe und Personal in den verschiedenen Traumazentren und Beratungsstellen" sei notwendig, die sich insbesondere um die Frauen kümmern. Gleichzeitig seien Konzepte von Gewaltprävention notwendig, damit eine mögliche häusliche und kulturelle Gewalt nicht durch die patriarchalisch-religiösen afghanischen Männer fortgesetzt werde. "Auch die Männer müssen lernen, ihre kulturellen Werte und Normen anzupassen und die Gleichheit der Geschlechter und Behandlung aller Menschen in einem demokratischen Land zu akzeptieren", steht für den Psychotherapeuten außer Frage.