Im 19. Jahrhundert ist Sticken eine Art Beschäftigungstherapie. In der Fürsorgeposition im Haushalt ist es Arbeit gewesen, die weggelegt werden konnte.
Die Künstlerinnen Hannah Kindler und Katarina Strasser, Mitglieder des Kollektivs M.A.R.S. – Maternal Artistic Research Studio – und Organisatorinnen des Workshops „Geschichten spinnen, Fäden sticken, Bande knüpfen“, beantworten anlässlich des Weltfrauentags im Interview Fragen über Solidarität, Textil als weibliche Kunstform und über die Verbindung von Kunst und Leben bei Frauen.
Die Interviewpartnerin Hannah Kindler kommt aus Freiburg, Katarina Strasser hingegen aus der der Landeshauptstadt Stuttgart. Beide sind seit 15 Jahren freischaffende Künstlerinnen.
Wie funktioniert das Künstlerinnenkollektiv M.A.R.S.?
Strasser: Wir öffnen Strukturen, die im klassischen, konservativen Kunstmarkt sehr geschlossen sind, wo ein roter Faden oder ein lückenloser Lebenslauf erwartet wird. Künstlerische Qualität ist uns wichtig, aber wir haben zum Beispiel keine harten Ausschlusskriterien bei der Aufnahme von neuen Mitgliedern.
Qualität in Relation sehen
Kindler: Wenn man von Qualität spricht, wird das in Relation gestellt: Wie alt ist jemand? Was hat die Person geleistet? Das kann man bei Menschen, die ein, zwei, drei Kinder großziehen oder andere Fürsorgeverantwortung tragen, nicht anwenden. Wir gucken deshalb: Wo steht die Person? Wo kann man sich gegenseitig abholen? Wie kann man so zusammen tätig sein, dass man einander verstärkt? Dann verfolgen wir gemeinsam ein Projekt, das man allein nicht schaffen könnte, das uns aber gemeinsam auf das nächste Level hebt.
Sie arbeiten beide mit Stoff. Was ist das Besondere an diesem Material?
Kindler: Textil hat innerhalb der Kunst eine spezielle, historisch gewachsene Position, weil es eine Technik ist, die vor allem von Frauen ausgeübt wurde. Frauen in der Kunst hatten meist auch Fürsorgepositionen inne und haben deshalb Dinge verwendet, die sie im Haus hatten, Dinge, die ungefährlich für Kinder sind und die man wieder weglegen kann. Da hat sich textiles Arbeiten angeboten. Außerdem sind wir alle mit Stoff vertraut: Kleidung, Bettlaken, das erste Tuch, in das wir als Baby gewickelt werden – das alles ist Stoff und bietet eine haptische Erfahrung, die uns vom Material her näher ist als beispielsweise Metallgießen.
Nach der Geburt des Kindes zu Hause zur textilen Kunst gewechselt
Strasser: Ich habe ursprünglich Videokunst gemacht und kam erst später zum Textilarbeiten, als meine Tochter geboren wurde. Das hat sich ganz natürlich ergeben. Ich hatte die entsprechenden Materialien zu Hause und habe angefangen, damit herumzuspielen. Außerdem war ich an zu Hause gebunden, konnte nicht rausgehen und Filme drehen. Ich sticke viel in meinen Arbeiten, was eine „langweilige“, repetitive Tätigkeit ist, die mir in dem Moment gutgetan hat. Gerade im 19. Jahrhundert war das Sticken für Frauen eine Art Beschäftigungstherapie und so hat es sich für mich auch oft angefühlt – im positivsten Sinne, denn so hatte ich Zeit, mir mal wieder Gedanken zu machen und innezuhalten. Ich empfinde Textil auch als spielerisches Material und der Gegensatz von Spiel und Arbeit interessiert mich.
Wie wird der Workshop zum Internationalen Frauentag aussehen? An wen richtet er sich?
Kindler: Die Teilnehmenden brauchen keinerlei Vorkenntnisse. Wir haben unterschiedliche Zugänge, so dass für alle etwas dabei ist. Es gibt eher handwerkliche Elemente, wo man mit den Händen etwas ausprobieren kann, wir lesen Texte vor, es wird Momente geben, in denen Teilnehmende erzählen können, was sie beschäftigt, und zuhören, was andere beschäftigt.
Strasser: Der Community-Aspekt, die Solidarität unter Frauen wird auch im Workshop gelebt. Vor allem ist jede von uns eine Quelle von Wissen und Kreativität, egal ob wir politische Theorien oder persönliche Erfahrungen beisteuern. Es geht darum, was die Einzelnen mitbringen und wie sich das mit dem verbindet, was von den anderen kommt.