Rote Zahlen, Reformfrust, zu wenig Prävention: Der Besuch von Gesundheitsministerin Nina Warken zeigt, wie sehr das Gesundheitssystem vor Ort unter Druck steht.
Noch kein Jahr im Amt, aber schon tief drin in den Themen, so erlebte ein ausgewählter Kreis an Doppelstädtern am Freitag die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken.
Die 46-Jährige unterstütze nicht nur den CDU-Landtagskandidaten Andreas Braun im Wahlkampf, sondern hörte vor allem aufmerksam zu, wo die Gesundheitsbranche der Region der Schuh drückt.
Kaum hatte die Limousine die zierliche, blonde Politikerin in Villingen-Schwenningen am Hauptsitz der gesetzlichen Krankenkasse in der Spittelstraße ausgespuckt, sah sie sich auch schon konfrontiert mit der geballten Vielfalt der Gesundheitsbranche der Region.
Die Gastgeber von der Krankenkasse Vivida BKK um den Alleinvorstand Siegfried Gänsler, der Klinik-Geschäftsführer Matthias Geiser, seine Reha-Kollegen Stephan Maier (Katharinenhöhe) und Thomas Müller (Nachsorgeklinik Tannheim), der Orthopäde und Unfallchirurg Christoph Daub, der Vizepräsident des Kur- und Heilbäderverbands im Land Fritz Link und Bad Dürrheims Kur- und Bäderchef Markus Spettel, Tobias Sentz von der Nachbarschaftshilfe in VS und Villingen-Schwenningens Oberbürgermeister und Klinik-Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen Roth, sie alle scharrten mit den Hufen, um ihre Anliegen in einem der wohl – im wahrsten Sinne – schmerzlichsten politischen Ressorts zu platzieren.
Sie fordert auch ein
Eine Stunde blieb für die Diskussionsrunde – zu wenig für die Tiefe, aber ausreichend, um Missstände deutlich zu machen. Moderiert von GVO-Vorstandsmitglied Stefan Beetz wurden reihum besonders markante Punkte angesprochen. Da war dann ein Oberbürgermeister Jürgen Roth, der zugab, wie „hochemotional“ die Diskussionen um die Krankenhäuser bisweilen sein können und wie sehr die aus dem Ruder laufenden Krankenhaus-Finanzen auch das Oberzentrum strapazieren. Flankiert wurde er von einem Klinikchef Geiser, der an die Ministerin appellierte, das Klinikwesen zu entbürokratisieren und eine Vorhaltefinanzierung zu stricken, die diesen Namen auch verdiene.
Warken hörte zu, nickte verständnisvoll, forderte aber auch „Vorschläge“, um Kosten zu senken. Die Krankenhausreform sei „anpassungswürdig“, man werde „eine bessere, umsetzbare Lösung finden“. Zugleich stellte sie klar: „Wir werden jetzt hier auch kein Baden-Württemberg-Gesetz machen“ – und betonte, es dürfe „am Ende nicht an den Kommunen liegen“, alles aufzufangen.
Lanze für Prävention
Ein starkes Signal empfing Warken von den Vertretern von Prävention und Rehabilitation – beispielsweise müssten die Hürden für den Reha-Einstieg gesenkt werden oder andere Wege gesucht werden, um Mittel für schwerkranke Kinder zu genehmigen als die evidenzbasierte Medizin, da in diesen seltenen jungen Fällen einfach die medizinischen Studien fehlen.
Eine Lanze für die Prävention brach Markus Spettel aus Überzeugung: „Die Leute, die sich selbst gesund halten, sind auch länger fit“, bestätigte er aus der Praxis, und lägen dem Gesundheitssystem weniger auf der Tasche. Viele Einrichtungen, nicht nur in Bad Dürrheim, sondern in der ganzen Region bedienen diese Sparten und werden, wie Warken einräumte, häufig nicht mitgedacht. Dabei habe Prävention „ganz klar“ Effekte und müssten Bürger mehr Eigenverantwortung übernehmen. So eifrig in diesem Punkt häufig zugestimmt werde, sobald es unbequem wird, sei es schnell vorbei mit der Einsicht: „Ich kann mich noch erinnern, als ich sagte, wenn es warm wird, sollte man nicht so viel Alkohol trinken – das fanden die Leute dann nicht mehr so gut.“
Die Sache mit der Salbe
CDU-Landtagskandidat Andreas Braun sprach sich an der Stelle ganz klar gegen immer mehr strikte Vorgaben aus – häufig reiche es, Themen einfach stärker in den Fokus zu rücken. Und mehr Pragmatismus wünschte er sich auch in der Praxis – er selbst sei mit Bepanthen groß geworden, wenn aber heute eine Pflegekraft dem fast wunden Patienten kein Bepanthen mehr verabreichen dürfe, „ohne dass ein Arzt sein Servus daruntergesetzt hat“, dann laufe etwas gewaltig schief, erzählte er von Wahlkampfbegegnungen. Dieses Mal vernahm er dazu Positives: Ein solches Gesetz, „dass die Pflegekraft das Bepanthen selbst verabreichen darf, ist gemacht“, so Warken, und stehe kurz vor der Umsetzung.
Nimmermüde nahm die Bundesministerin die Themen in der Doppelstadt auf, verteilte vereinzelt Visitenkarten für einen möglichen späteren Detail-Austausch, und zog ein erstes Resümee aus ihrer kurzen Visite in VS: „Es ist deutlich geworden, wie wichtig Prävention ist und dass das mehr in den Fokus muss“.
Auch nur ein Mensch
Und was tut die Ministerin eigentlich selbst, um fit zu bleiben? Warken lächelte ein wenig gequält und zeigte: Auch Ministerinnen sind nur Menschen. Aktuell falle ihr das tatsächlich „schwerer als früher“, gestand sie. Was ihr helfe: Den Sport im Kalender notieren, den Slot bewusst einplanen – „und ich versuche auch nicht bei jedem Termin die Kekse aufzuessen, die vor mir stehen“, erzählte sie lächelnd und griff beherzt zur Ananas in der Obstschale vor sich.