Süditalien am Schwenninger Stammtisch (sitzend von rechts): Sabato Toriello, Angelo Lamanna, Giovanni Puglissi, Nicola Pinchi, Mario Sparti und Ciro Soccio gehören im Eiscafé „Arlotti“ quasi zum Inventar. Betreiberin Gaetana Arlotti freut’s immer wieder aufs Neue, dass die Männer bei ihr zusammenkommen. Foto: Daniela Schneider

Sie bauten sich ein neues Leben auf: Männer aus Süditalien, die als Jungs oder junge Männer kamen und geblieben sind. Ihr Ritual pflegen sie konsequent.

Für Gaetana Arlotti würde definitiv etwas fehlen: Die Betreiberin des gleichnamigen Eiscafés am Schwenninger Marktplatz kann sich einen Morgen ohne ihre Stammbesucher sicherlich kaum vorstellen.

 

Die Rede ist von einer munteren Männerrunde, die sich hier Tag für Tag morgens auf einen Espresso oder Cappuccino trifft – und auch ein wenig Süditalien mitbringt.

Einer von ihnen ist der 75-jährige Sabato Toriello. Der Reporterin, die wissen will, wer denn hier genau morgens zusammenkommt, erzählt er, dass er aus der Gegend der Hafenstadt Salerno stammt. Schon als 13-Jähriger musste er auf Baustellen oder Feldern schuften. Der Schritt, Italien zu verlassen und in Deutschland Arbeit zu suchen, war für ihn folgerichtig. Und heute kann er sagen: „Ich bereue nichts“.

Was ihn damals hier erwartete? Er antwortet mit einem Lächeln und einem leichten Schulterzucken: „Tellerwäscher, Toilettenputzen“. Seine erste Stelle als Kellner hatte er in Bad Dürrheim im Café Walz.

Deutsch nach Feierabend

Sein Chef stellte ihn ein – unter der Bedingung, täglich Deutsch zu lernen. Später führte er ein eigenes Lokal und gründete eine Familie. Seit 1975 lebt er in VS. „Sind Sie Schwenninger?“ – „Ja! Aber mit italienischem Pass. Wissen Sie, in meinen Adern fließt italienisches Blut.“

Der Zug kam aus Lecce

Da geht es ihm genauso wie Ciro Soccio, ebenfalls ein festes Mitglied des kleinen Arlotti-Stammtischs. Er lebt seit 1964 in Deutschland. Als 16-Jähriger kam er mit einem Koffer, zusammengebunden mit einer Schnur, mit dem vollen Zug aus Apulien nach Germania. „Wegen Arbeit“, sagt er kurz und knapp, wie’s damals war.

Geschlafen wurde auf der langen Fahrt am Boden auf dem Gang, es sei denn, man hatte Glück, einen der Sitze auf den rauen Holzbänken zu ergattern. Dass es damals eine direkte Zugverbindung von Lecce nach Stuttgart gab, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Reise viele machten. Die Nachfrage bestimmte das Angebot.

Ciro Soccio kam als junger Mann aus Apricena in der Provinz Foggia in Apulien nach VS. Foto: Familie Soccio

Sein Bruder – wie er aus Apricena in der Provinz Foggia stammend – war damals schon in Schwenningen, arbeitete bei Mauthe und verschaffte auch ihm einen Job in der Fabrikation, Gewindeschneiden. „Damals war’s schön in Deutschland“, schwärmt er in der Rückschau, „es gab viel Arbeit in der Uhrenfabrik.“

Aber wie war es, als er als 16-Jähriger hierherkam? Heimweh? „Ha ja“, nickt er etwas beiläufig, aber ein rasch gebildeter Freundeskreis half, und in den Tanzlokalen von der „Bugatti-Bar“ in Bad Dürrheim bis hin zur „Blauen Grotte“ in Tuningen gab es Ablenkung.

Im Sommer nach Apulien

Weil er und seine Kumpels kaum Deutsch sprachen, wurde „mit den Händen geredet“. Er erinnert sich auch noch, wie kalt ihm anfangs immer war, Schnee gab’s keinen in Apricena, in Schwenningen dafür damals umso mehr. Heute ist er 78 Jahre alt und verbringt jedes Jahr drei, vier Sommermonate in Apulien. Irgendwann, sagt er, will er wieder ganz dorthin, „meine Gedanken sind in Italien“ – das Leben der Männer ist bis heute eines in beiden Ländern, mental, und emotional auf jeden Fall.

„Wenn du 17 bist...“

Obwohl – fragt man da bei Angelo Lamanna nach, wiegelt er in dieser Sache eher ab. Der Wirt des italienischen Lokals „Schützenhaus“ in Schwenningen betrachtet die Sache scheinbar eher nüchtern.

„Wenn du 17 bist, brauchst du keinen Grund,“ sagt er, und er muss es wissen. Denn genauso alt war er, als er 1977 seine Heimatstadt Monopoli an der Adriaküste verließ, um anderswo sein Glück zu versuchen. Der gelernte Kellner kam über Stationen in der Schweiz und am Bodensee nach Deutschland. „Es war die beste Zeit“, sagt er in der Rückschau, die späten 70er und die Folgejahre waren seine glücklichsten, „du hast gearbeitet, hast Geld verdient, hast kein Problem gehabt.“

Angelo Lamanna in jungen Jahren: Er machte sich von der Adriaküste auf, um sein Glück zu suchen. Foto: Familie Lamanna

1987 kam er mit seiner Frau, mit der er auch eine Familie gründete, nach Schwenningen. Seit 25 Jahren betreibt das Ehepaar Lamanna hier das „Schützenhaus“ – und wenn bei ihm das Handy klingelt, so wie in diesem Moment, dann ertönt, ja, auch bei ihm, ein italienischer Song.

Wohnen in der Baracke

Während er drangeht, erzählt der neben ihm sitzende Nicola Pinchi derweil, dass er wohl derjenige in der Runde ist, der schon am längsten in Deutschland lebt, genauer gesagt seit Mai 1962. 20 Jahre alt war er damals und kam aus Ferentillo in der umbrischen Provinz Terni nach Villingen, wo er erst im Messingwerk und später dann bei der Firma Winkler arbeitete. Auch er weiß noch, wie er den Anblick von Schnee spät im Jahr empfand: „Da habe ich mir gedacht: Wo bin ich bloß gelandet?“, erzählt er, und bei aller Heiterkeit weiß er doch auch noch gut: „Es war schon schwer“.

Die Lebensverhältnisse waren auch hier spartanisch. Gebadet wurde damals einmal in der Woche, und zwar in einer öffentlichen Anstalt. Gewohnt wurde ganz am Anfang in einer Baracke auf dem Fabrikgelände. Später arbeitete er stolze 30 Jahre lang als Hausmeister in der Hotelfachschule und beim Landratsamt.

„Rucksack-Schwenninger“

Sein Glück fand er bei seiner Frau, einer Deutschen, mit der er „in Schwenningen gelandet“ ist, wie er sagt, als „Rucksack-Schwenninger“, und mit der er eine Familie gründete: Einen Sohn und eine Tochter zogen die beiden groß. 2006 ging er in Rente. Und heute? „Bin ich sehr zufrieden“, vervollständigt der 84-Jährige lächelnd den Satz und ergänzt: „Ich fühle mich als Schwenninger“.

Centuripe stark vertreten

Zur Runde gehören außerdem noch der 77-jährige Gianni Sparti, ein gebürtiger Sizilianer aus Centuripe– übrigens aus demselben Ort wie die Familie von Wirtin Gaetana Arlotti. Jüngste in der Runde ist sein Bruder Mario. Erst 14 war er, als er zusammen mit Gianni Deutschland ansteuerte. Die beiden lebten lange in Tuningen, „mir ware Z’Doaninge“, feixen sie beide– und das ist bekanntlich kein sizilianischer Dialekt.

Und dann wäre da auch noch Giovanni Puglissi, mit 19 Jahren aus Aidone, einem kleinen Ort mitten in Sizilien, angekommen, um hier auf dem Bau zu arbeiten, unter anderem 35 Jahre bei der Firma Heinichen. „Meine Familie ist hier“, sagt er, „ich habe mein Leben hier verbracht. Ich bin Schwenninger.“ Eins aber gehört zu diesem Schwenningertum fest dazu: der tägliche Besuch im Café „Arlotti“.