Brasilien feiert Karneval. Für die Sambaschulen spielt im Wahljahr auch die Politik eine große Rolle.
Langsam schiebt sich der Bus über den Asphalt. Die Fensterscheiben sind von der heißen Atemluft beschlagen. Eine Frau versucht verzweifelt Hilferufe in die beschlagenen Fenster zu malen. Die Menschen schreien voller Angst, zwei Männer halten die Gruppe mit gezogener Waffe in Schach. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hält einer der Angreifer eine entsicherte Waffe an den Kopf.
Um den Bus herum dröhnen die Sambaklänge, nur fünf Meter vom Bus entfernt kreisen in den Logen die Sektgläser. Es ist Karneval in Rio de Janeiro. Und die Szene vom Überfall auf den Bus gehört zu den realistischen, was die Sambaschulen vor einigen Jahren auf die schnurgerade Meile hingelegt haben.
Die Sambaschulen zeigen die Realität des brasilianischen Lebens
Nur nackte Haut? Im Gegenteil: Im weltberühmten Sambodromo von Rio de Janeiro zeigen die Sambaschulen bisweilen auch mal die schonungslose Realität des brasilianischen Lebens. Da wird auch schon mal mit gezogener Waffe ein Überfall nachgestellt oder es werden Sklaven von weißen Kolonialherren ausgepeitscht. Auch in diesem Jahr wird es wieder politisch zugehen. Eine Sambaschule wird eine Hommage an Brasiliens Präsident Lula da Silva abliefern.
Die Sambaschule Cubango machte einst das Thema „Kolonialismus“ zum zentralen Thema. Ein weißer bärtiger Aufseher peitschte in der Arena schwarze Sklaven aus. Die trugen schwere Halsketten und schrien vor Schmerzen. Andere Sklaven eilten dem Opfer zur Hilfe, doch auch sie treffen die Peitschenhiebe des Großgrundbesitzers.
Die Geschichte der afrobrasilianischen Bevölkerung spielt im Sambodromo eine große Rolle, und sie wird in allen Facetten beleuchtet: Die Sklavenzeit, die Kultur und Musik, die Religion Candomblé, der Fußball um Péle oder Garrincha. Brasilien lebt hier seine Geschichte. Während es meist nur Bilder von leicht bekleideten Körpern vom Karneval aus Rio de Janeiro nach Europa schaffen, sind die Tage im Sambodromo weit mehr als das. Es ist eine bisweilen harte Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt.
Vorwurf illegaler Wahlkampfhilfe für Präsident Lula da Silva
Auch in diesem Jahr wird wieder diskutiert werden. Im Zentrum der Debatte steht Brasiliens Präsident Luis Inacio Lula de Silva. Die Sambaschule Academicos de Niteroi, eine der großen und populären der Weltmetropole, wird ihre Show zu einer Hommage an den Politiker machen. Ausgerechnet im Wahljahr ist das nicht unumstritten, fließen doch auch Millionen Steuergelder zur Kulturförderung in die Kassen der Sambaschulen. Kritiker monieren eine illegale Wahlkampfhilfe und haben das Oberste Wahlgericht TSE eingeschaltet. Korruptionsvorwürfe werden laut; der Schule sollen die Steuergelder gestrichen werden.
Der Karneval in Rio ist eher dem Lula-Lager zugetan als der konservativen Opposition. Für Lula also ein politisches Heimspiel und doch ein Risiko. Nach einem Zwischenhoch bei den Umfragen während des Zoll-Disputs mit US-Präsident Donald Trump, der Lula einen Popularitätsschub verschaffte, ist wieder Normalität eingekehrt. Und die besagt nach neuesten Umfragen, dass Flavio Bolsonaro, Sohn und Ersatzkandidat für den inhaftierten Vater, zulegen kann. Ein Selbstläufer werden die Wahlen nicht mehr.
Die Ablehnung gegenüber Lula ist laut dem brasilianischen Medium Poder 360 im Februar auf 44 Prozent gestiegen. Nicht alle Menschen im Sambadromo werden Lula begeistert feiern. Das weiß auch der Präsident selbst.
Millionen Zuschauer verfolgen den Karneval im Fernsehen
Die Organisation LIESA, die für die Vermarktung, Struktur und Medienarbeit verantwortlich ist, hat erkannt, dass vor allem die Sambaköniginnen der Schulen eine große Strahlkraft in den sozialen Netzwerken haben. Der Prozess ihrer Transformation – das Schminken, das Anprobieren des Kostüms –, jeder Auftritt wird von den Medien begleitet und dokumentiert. Designer, Hairstylisten, Make-up – wer die Königinnen vorbereiten darf, ist selbst ein Star der Branche. Und das schafft für den übertragenen Sender und Mediengiganten Globo ein ideales Werbeumfeld für eine Schönheitsindustrie, die in Brasilien ohnehin zu den wichtigsten Werbekunden zählt.
Inzwischen reisen diese Königinnen als Botschafterinnen um die Welt. Mal offiziell entsandt, mal auf private Initiative eingeladen. Eine von Ihnen ist Mayara Lima, die auch schon in Köln zu Gast war. „Den Samba außerhalb Brasiliens zu verbreiten, diesen kulturellen Austausch zu pflegen, war schon immer eines der großartigsten Dinge, die ich in meinem Leben getan habe“, sagt die Brasilianerin im Gespräch mit dieser Zeitung.
Mayara Lima repräsentiert die Sambaschule GRES Paraíso do Tuiuti. Rund 1,5 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram. Millionen Zuschauer werden die Live-Übertragung im Fernsehen verfolgen. Jeder Schritt, jeder Bewegung wird dann von der Jury genauestens bewertet. Lima sieht sich als Botschafterin einer kulturellen Bewegung und einer Geschichte: „Es gibt ein Vermächtnis, eine Tradition von Menschen, die vor mir da waren und den Weg geebnet haben, damit ich heute hier sein kann.“ Für sie bedeutet Karneval alles: „Es ist unser großes Fest, das größte Spektakel der Welt, nämlich der Karneval. Und das macht mich sehr glücklich. Jedes Mal, wenn ich hingehe, jedes Jahr, wollen mehr Menschen in meiner Nähe sein, wollen lernen, was ich zu vermitteln habe, wollen unsere Kultur besser verstehen.“
Karneval in Brasilien
Höhepunkt
Traditionell beginnt der Karneval in Rio de Janeiro am Freitag vor Aschermittwoch. In den Tagen darauf ziehen die Sambaschulen durch das „Sambódromo“, eine 700 Meter lange Arena, die 88 500 Zuschauern Platz bietet. Erst die Schulen der zweiten Liga, dann die erste Liga. Am Aschermittwoch kürt die Jury die Sieger.
Kostüme
Für jede Schule schlüpfen bis zu 5000 Teilnehmer in die Kostüme. Die Sambaschule, die das Finale gewinnt, feiert eine riesige Party. Mit rund 1,5 Millionen Besuchern zählt der Karneval in Rio zu den größten Festen weltweit.