Die langjährige Stadträtin Sigrid Zwetschke ist überraschend gestorben. Weggefährten und Politiker würdigen die engagierte Frau. Sie wird in der Gesellschaft schmerzlich fehlen.
Sigrid Zwetschke hat Donaueschingen geprägt wie nur wenige andere. Als Politikerin, als Kämpferin und als Frau mit einem großen Herzen für andere. Am 28. April ist sie völlig unerwartet im Alter von 78 Jahren gestorben; ihr Tod hinterlässt eine tiefe Lücke in ihrer Familie und in der ganzen Stadt.
Geboren am 24. Januar 1948 in Mittweida, floh sie als Kind mit ihrer Familie aus der DDR und fand Mitte der 1960er-Jahre in Donaueschingen eine neue Heimat. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie bis zu ihrem 74. Lebensjahr als Buchhalterin in Steuerkanzleien. „Unabhängig zu sein und zu arbeiten war ihr wichtig, es gehörte zu ihrem Selbstverständnis als Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt“, so beschreibt ihre 57-jährige Tochter Katja Zwetschke ihre Mutter.
Sie war bildungshungrig, untrennbar mit ihrem Kindle-Reader verbunden, kulturaffin, oft unterwegs in Oper und Theater. Mit 50 Jahren traf sie ein Schicksalsschlag: die Diagnose Brustkrebs. Sie besiegte die Krankheit. Aus dieser Zeit ging sie nicht verbittert, sondern gestärkt und noch empathischer hervor und gründete 2002 eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die an Krebs erkrankt sind.
Gemeinsam mit Alexandra Haug leitete sie die Gruppe bis zuletzt; die Frauen trafen sich regelmäßig im Mehrgenerationenhaus. „Sie war unglaublich lieb und fürsorglich, hat immer geschaut, wo sie helfen kann, hatte für jeden ein offenes Ohr“, beschreibt Haug ihre Freundin. Mit der Gruppe soll es weitergehen. „Auch wenn die Fußstapfen, die Sigrid Zwetschke hinterlässt, sehr groß sind. Aber sie hätte gewollt, dass die Gruppe weiterbesteht.“
37 Jahre lang, von 1987 bis 2024, gehörte Sigrid Zwetschke für die SPD dem Donaueschinger Gemeinderat an. Sie war von 2002 bis 2019 offiziell Oberbürgermeister-Stellvertreterin; 2007 erhielt sie den Goldenen Wappenring der Stadt, später das Blaue Band. Ihre Ratskollegen erlebten sie als Stimme mit klarer Haltung: Sigrid Zwetschke wusste, wofür sie stand und vertrat resolut ihre Position. „Sie hatte immer eine klare Haltung bei ihren Stimmabgaben und hat sich mit fundierten Argumenten in die Fraktionsarbeit eingebracht“, erinnert sich ihr langjähriger Fraktionskollege Gottfried Vetter.
Besonders geschätzt war ihre Nahbarkeit. Viele Menschen suchten bei ihr Rat, brachten Sorgen und Beschwerden zu ihr, im Wissen, dass sie zuhören und sich kümmern würde. „Für Donaueschingen war Sigrid Zwetschke ein Aktivposten, ein Vorbild an nimmermüdem Einsatz zum Wohl der Bürger“, sagt Vetter.
Politik lag ihr am Herzen
„Für sie war die Politik nie nur ein Amt, sondern eine echte Herzensangelegenheit“, so Oberbürgermeister Erik Pauly. Ihr Antrieb sei stets das Wohl der Stadt und das Miteinander gewesen. Eine gemeinsame Reise 2015 nach Kaminoyama zur Feier der Städtepartnerschaft ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Als dienstälteste Stadträtin verkörperte sie dort die Kontinuität und Verlässlichkeit, die ihre Arbeit im Gemeinderat über Jahrzehnte auszeichneten. „Wir verlieren mit ihr eine herausragende Persönlichkeit.“
Sie war in zahlreichen Vereinen aktiv. Im Tennisclub Wolterdingen waren sie und ihr Mann Artur jahrzehntelang aktive Tennisspieler. Bei den Naturfreunden engagierte sie sich für gemeinsame Aktivitäten in der Natur. Auch beim Freundeskreis Vác, der die Städtepartnerschaft mit der ungarischen Stadt pflegt, brachte sie sich ein.
Ehrenamt, ohne im Rampenlicht zu stehen
Bei der Gesellschaft der Musikfreunde war sie seit 2019 und bis zuletzt als Kassenprüferin tätig. Präsident Konrad Hall, zudem langjähriger CDU-Fraktionssprecher im Gemeinderat, würdigt sie als Frau, deren Engagement „nahezu unerschöpflich“ gewesen sei. „Ich habe ihre pragmatische Art als Gemeinderatskollegin stets geschätzt“, sagt Hall. „Ihr war wichtig, dass das Ehrenamt erledigt wurde, ohne dabei im Rampenlicht stehen zu wollen.“ Dieser leise, unprätentiöse Stil war typisch: Sie suchte nicht die Bühne, sondern die Aufgabe.
2004 rief sie zusammen mit Edeltraud Scheu das Frauenforum Donaueschingen ins Leben. Das Frauenforum fördert Vernetzung, Solidarität und kulturelle Angebote für Frauen, wie Frauenfrühstücke, Lesungen und kulturelle Beiträge. Sie setzte sich gegen Gewalt und Ungerechtigkeit ein, etwa mit der Aktion „Rote Bank“ gegen häusliche Gewalt. „Egal wo, ob lokalpolitisch, bei der Arbeit, in der Familie oder in Vereinen, sie hat immer 150 Prozent gegeben“, sagt ihre Tochter Katja.
Sigrid Zwetschke war ein Vorbild an unermüdlichem Einsatz zum Wohl der Stadtgemeinschaft. Sie wird schmerzlich fehlen.
Gemeinsam Abschied nehmen
Trauerfeier
Die öffentliche Trauerfeier findet am 22. Mai um 11 Uhr auf dem Friedhof in Donaueschingen statt. Bürger sind eingeladen, gemeinsam Abschied von Sigrid Zwetschke zu nehmen. Die Urnenbeisetzung findet im Familienkreis zu einem späteren Zeitpunkt statt.