Fünf Lehrkräfte der Nagolder Rolf-Benz-Schule haben sich im französischen Talmont Saint-Hilaire zeigen lassen, wie dort Schreiner ausgebildet werden. Ziel ist ein Austausch.
Eine Woche waren die Lehrkräften vor Ort und berichteten anschließend ihrem Schulleiter Reinhard Maier. „Es war wirklich eine Bereicherung zu sehen, wie Ausbildung anderswo organisiert wird“, sagt Birgit Schmiedgen, die in Nagold die Abteilung II der Rolf-Benz-Schule leitet, in der die Schreinerausbildung angesiedelt ist. „Man kann nicht umhin, zu vergleichen und dabei auch eigene Konzepte zu überdenken. Genauso findet man Punkte, mit denen wir hier bei uns sehr zufrieden sein können.“
Das französische Ausbildungszentrum für Holztechnik in Talmont Saint-Hilaire war den Nagoldern bekannt, weil eine Gruppe Auszubildender von dort einmal im Jahr die Rolf-Benz-Schule mit ihrem Techniklehrer Sylvain Fortier besucht. „Es gibt seit Längerem die Idee, daraus einen beidseitigen Austausch zu machen“, erklärt die Erasmus-Koordinatorin Julia Appelt. „Deshalb haben wir uns um ein Erasmus-Kurzzeitprojekt beworben.“
Alltag in Berufsschule beobachtet
Es ermöglichte den fünf Nagolder Lehrkräften, die Region La Vendée an der französischen Atlantikküste zu besuchen und dabei die Schreinerausbildung in Talmont Saint-Hilaire genau kennenzulernen. „Wir waren auf einem Job-Shadowing“, ergänzt der zweite Erasmus-Koordinator René Goosmann, der während der Reise auch für die Übersetzung sorgte. „Man hängt sich an die französischen Kollegen dran, beobachtet ihren Alltag in der Berufsschule oder den Betrieben und informiert sich ausführlich.“
Besonders kam es auf Johannes Braun und Klaus Schühle an, die an der Rolf-Benz-Schule die theoretische und praktische Schreinerausbildung durchführen. „Die zwei Kollegen gingen mit Argusaugen durch alle Klassenräume, Werkstätten, Betriebe und Baustellen, die wir besichtigten“, merkt Julia Appelt lächelnd an. „Sie hatten viele Fragen.“ Neben dem Lehrangebot der Berufsschule lernten die Nagolder fünf verschiedene Schreinereien, eine Werft für Yachten und einen Verein zur Restaurierung von Holzschiffen kennen.
Die blockweise schulische Ausbildung findet in Talmont Saint-Hilaire im Internat statt. Der Tagesablauf beginnt um 7 Uhr mit dem Wecken und endet um 22.15 Uhr mit der Nachtruhe. Dazwischen liegen acht Stunden Lehrbetrieb, Fitnesseinheiten und spezielle Abendveranstaltungen, etwa Lektüre oder Kulturelles. „Mein Bild von der entspannten französischen Lebensart hat während der Woche ein wenig gelitten“, konstatiert Johannes Braun schmunzelnd. In der Tat waren die deutschen Besucher, die die Woche im selben Internat verbrachten, von der straffen Organisation und Disziplin an der Schule beeindruckt.
Der französische Schulleiter Dominique Charbonneau erklärt, dass er Disziplin auf der harten französischen Eliteschule gelernt habe, die er einst besuchte. „Heute stimme ich mit vielen Zielen meiner früheren Schule nicht mehr überein – ich bin aber dankbar für viele Fertigkeiten, die ich dort erlernt habe“, erklärt er und öffnet den speziellen Ruheraum, den er an der Schule eingerichtet hat. „Hier können sich unsere jungen Menschen abregen, wenn es einmal nicht gut läuft“, sagt er, zeigt auf einen Liegesessel und Kopfhörer, auf denen beruhigende Musik oder Geschichten laufen, die zu passenden Wandbildern erzählt werden.
Positive Bilanz des Besuchs
Die Bilanz des Besuchs ist durchweg positiv. „Wir sollten unsere Auszubildenden auf jeden Fall nach Talmont Saint-Hilaire schicken. Sie sind dort in guten Händen und kommen mit wichtigen Erfahrungen zurück“, bewertet Klaus Schühle seine Eindrücke. „Es wäre allerdings gut, wenn sie bereits im dritten Lehrjahr und volljährig wären. Dann haben sie mehr davon.“ Außerdem müsse jemand den eigenen Antrieb für einen Auslandsaufenthalt mitbringen, fügt Johannes Braun an. „So etwas holt einen Menschen aus der Komfortzone, bringt ihn weiter und erinnert ja auch an die europäische Walz aus früherer Zeit“, sind sich die beiden Fachlehrer aus Nagold einig.
Eine Befürchtung auf beiden Seiten war die Sprachbarriere. „Digitale Übersetzer helfen sehr“, meint René Goosmann. „Andererseits haben wir schon am zweiten Tag gesehen, wie sich deutsche und französische Lehrkräfte auf Englisch und durch Gesten gut verständigten. Das stimmt sehr zuversichtlich.“
„Die Reise der Lehrkräfte war wichtig, um das Vertrauen zu den französischen Kolleginnen und Kollegen aufzubauen“, meint Birgit Schmiedgen. Die Rolf-Benz-Schule wird einen neuen Antrag bei Erasmus+ einreichen mit dem Ziel, einigen Nagolder Auszubildenden einen Aufenthalt in Talmont Saint-Hilaire zu ermöglichen. „Wir hoffen sehr, dass auch dieser Antrag Erfolg hat. Es sind ja gerade die persönlichen Kontakte, welche Europa mit Leben erfüllen“, unterstreicht Schulleiter Reinhard Maier.