Bauhaus-Künstlerin, Vermittlerin von Adolf Hölzels bahnbrechenden Kunstideen, Grande Dame der deutschen Nachkriegskunst. Nun wird Ida Kerkovius wieder neu entdeckt. Was geschieht da?
Eva-Marina Froitzheim kann sich dieser Tage entspannt zurücklehnen. Die Kuratorin am Kunstmuseum Stuttgart lässt aktuell gleich mit zwei Ausstellungen aufhorchen: Feiert sie im Erdgeschoss die Biberacher Konzept-Zeichnerin Romane Holderried Kaesdorf als ganz und gar eigenwillige Kraft der jüngeren Kunstgeschichte, macht Froitzheim auf den drei Stockwerken des Kunstmuseum-Kubus das Werk des in Esslingen geborenen und aus Hitler-Deutschland nach Norwegen geflohenen Malers und Zeichners Rolf Nesch zum Ausgangspunkt einer vielstimmigen Annäherung an das Thema Migration und Identität.
Auch in den Wochen und Monaten zuvor durfte sich Froitzheim bereits freuen und bestätigt fühlen. Sabine Gruber , stellvertretende Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, präsentierte Bilder, Teppiche und Glasfenster von Ida Kerkovius im Dialog mit Kunststars wie Markus Oehlen. Ein Coup in der Jubiläumsausstellung „Doppelkäseplatte“ – und auch Ergebnis langen Atems. Kerkovius hat Eva-Marina Froitzheim seit langem im Blick. 1998 hatte sich Froitzheim, seinerzeit Direktorin der Städtischen Galerie Böblingen , erstmals umfassend dem Werk von Ida Kerkovius genähert – „Im Zauber der Farbe“ waren die Ausstellung und der begleitende Katalog (Hatje-Verlag) betitelt. Froitzheim rückte dabei nicht nur die eigenständige Bildwelt von Ida Kerkovius , in den 1950er und frühen 1960er Jahren fester Name der bundesdeutschen Kunstlandschaft, wieder in den Blick. Besondere Beachtung galt auch der Vermittlerin Kerkovius: Ganz und gar den Ideen des Bauhaus’ und den Farb- und Formtheorien von Adolf Hölzel verbunden, suchte sie Hölzels Ideen eine zukunftsträchtige Struktur zu geben. Vor allem mit ihren Pastellen und Hinterglasbildern erreichte sie in den 1950er Jahren zugleich höchste Anerkennung für ihren eigenen Farbklang. Geradezu als Fazit von Froitzheims Werkschau von 1998 lässt sich ein Zitat von Alexej Jawlensky über Ida Kerkovius lesen: „Sie ist ganz Kunst.“
Die jüngste Präsentation im Kunstmuseum Stuttgart durch Sabine Gruber brachte noch eine neue Ebene in die Rezeption von Kerkovius. Die Raumtiefe erlaubte eine Annäherung aus spannender Ferne. Spannend deshalb, weil aus den Szenerien düstere schwarze Kreisformen hervortraten, abgründigen Augenpaaren gleich. Das Dunkel löste sich freilich beim Näherkommen auf – tatsächlich tauchten zuletzt einzig Pflanzenformen auf. Gibt es also keine dunkle, keine doppelbödige Seite bei Ida Kerkovius?
Zwei Pastelle, die von diesem Sonntag, 23. November, an, in den Räumen der Ruoff-Stiftung in Nürtingen zu sehen sind, könnten weiterführen. „Komposition geisterhaft“ sind beide Blätter betitelt, Studien, die doch eigenständig gelten können. Ein aus Farbquadraten gebildetes Band durchzieht und überzieht zwei Kreise, eine Puppenfiguration ist angedeutet, wie sie bei Kerkovius immer wieder zu finden ist. Klar umrissen wie in der Szenerie „Moses im Schiff“, aber auch nahezu im Klang der Farbformen aufgelöst wie bei der in Nürtingen zu sehenden, um 1932 entstandene „Komposition mit Farbfeldern“.
Ein weiteres Blatt lässt aufmerken: „Begegnung“ – ein kleinformatiger Figuren-Dialog aus tiefem Blau, der über das Betonen der Augen unverhohlen aller leichtfertigen Hoffnung eine Absage erteilt. Von hier aus erschließt sich manches aus dem Farbklang entwickelte florale Motiv von Ida Kerkovius neu, begründet sich die überraschende Frische, ja Aktualität dieser Bildwelt, der Sabine Gruber bei ihrer Präsentation innerhalb der Jubiläumsausstellung „Doppelkäseplatte“ zu Recht vertraute. Deutlich wird hier auch, in welcher Weise Ida Kerkovius die am Bauhaus erlebten Bildideen von Paul Klee und Wassily Kandinsky nutzbar macht, um das Modulare bei Adolf Hölzel aus innerem Ernst heraus auf die Probe zu stellen.
Kerkovius’ „Lichträume“ in Nürtingen
Nicht von ungefähr wagt auch die „Lichträume“ betitelte Ausstellung der Ruoff-Stiftung (Nürtingen, Schellingstraße 12, Eröffnung: 23. November, 11 Uhr) einen Dialog. Bilder und Pastelle von Ida Kerkovius treffen auf Werke des Bildhauers, Malers und Zeichners Fritz Ruoff (1906-1986). Beide verbinde, wie der Stuttgarter Kunsthistoriker Günter Baumann, Mitgesellschafter der Galerie Schlichtenmaier, sagt, „ein gemeinsames geistiges Fundament: Beide sahen Kunst als Ausdruck innerer Ordnung und geistiger Freiheit – ein Gedanke, der von Hölzel über Kerkovius bis zu Ruoff weitergegeben wurde.“ Und Baumann sagt weiter: „Beide verstanden Kunst als Mittel des inneren Ausdrucks und als Medium einer spirituellen Tiefe. Bei Kerkovius zeigt sich das in einer farbintensiven, lyrisch-abstrakten Malerei, bei Ruoff in einer eher strengeren, aber dennoch expressiven Formensprache – auch in der Plastik.“
Klar ist jetzt schon: Mit ihrer Kerkovius-Präsentation im Rahmen der „Doppelkäseplatte“ des Kunstmuseums Stuttgart hat Sabine Gruber die Tür zu einer anhaltend aktuellen Spiegelung der Bildwelten und der Kunstideen von Ida Kerkovius weit aufgestoßen. Damit wie auch mit den neuen Blicken auf Romane Holderried Kaesdorf und Rolf Nesch bestätigt das Kunstmuseum Stuttgart eindringlich die Impulskraft beständiger Auseinandersetzung mit scheinbar gesicherten Kunstpositionen. Dies provoziert indes umgekehrt die Notwendigkeit, die Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart gerade auch in diesen Feldern immer wieder zielgenau ergänzen zu können.
Kerkovius trifft Ruoff
Was?
Unter dem Titel „Lichträume“ zeigt die Fritz- und Hildegard Ruoff-Stiftung in Nürtingen (Schellingstraße 12) Werke von Ida Kerkovius und Fritz Ruoff.
Wann?
Die Ausstellung „Lichträume“ ist bis zum 1. Februar 2026 zu sehen – jeweils Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.
Was noch?
Führungen mit der Kunsthistorikerin Constanze Halsband gibt es am Sonntag, 4. Januar 2026 um 15 Uhr sowie am Sonntag, 25. Januar 2026, ebenfalls um 15 Uhr. Hier beträgt die Gebühr fünf Euro (Kinder & Jugendliche frei). Anmelden kann man sich für die Führungen unter Anmeldung: info@ruoff-stiftung.de sowie per Telefon unter 07022 75-347. Zum Finale am 1. Februar 2026 spricht der Stuttgarter Kunsthistoriker Günter Baumann, Mitgesellschafter der Galerie Schlichtenmaier (Stuttgart und Grafenau) im Rahmen einer eigenen Führung über das Werk von Ida Kerkovius und die Positionen von Kerkovius und Fritz Ruoff.