Die 99-jährige Ella Fink aus Ichenheim weiß noch genau, wie sie als Mädchen Weihnachten verbracht hat. Im Gespräch erzählt sie, wie es vor vielen Jahren war und was einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht hat, dass sie sich noch heute detailliert daran erinnert.
„Meine frühesten Erinnerungen an Weihnachten betreffen die Zeit, als ich fünf Jahre alt war“, erzählt die 1925 geborene Ichenheimerin, die trotz ihres hohen Alters geistig noch sehr rege ist. Weihnachten sei damals ein wichtiges Ereignis für sie gewesen, wichtiger noch als der Geburtstag: „Das ganze Jahr über habe ich meine Eltern immer wieder gefragt, wann denn nun endlich Weihnachten ist.“
Bereits im Advent wurde damals im Kindergottesdienst – genannt „Kinderkirchl“ – auf das Fest eingestimmt. Er fand an jedem Sonntag im evangelischen Kindergarten in der Ringstraße statt und wurde von der dortigen Leiterin, der Diakonisse Luise, gehalten. „Schwester Luise hat uns immer so schöne Geschichten erzählt, da wollte ich unbedingt mit dabei sein“, erzählt Fink. Leider habe das „Kinderkirchl“ bereits um 12 Uhr begonnen und da war die Familie Wurth noch beim Mittagessen. Sogar was sonntags auf dem Speiseplan stand, weiß Fink 94 Jahre später noch genau: „Es gab gebratenes Hähnchen, Kartoffeln und viel Salat, das hat mein Vater so gerne gegessen“.
Am Heiligen Abend gab es nachmittags eine Weihnachtsfeier im Kindergarten, in der Schwester Luise aus dem Lukasevangelium vorlas. Die Kindergartenkinder bekamen anschließend eine Tüte Gebäck, „Zuckerbredle“ und das Geschenk, das die Kinder zuvor im Kindergarten gebastelt hatten: ein Nadelkissen, das sie daheim bei der Bescherung stolz den Eltern überreichten.
Puppenstube sorgte für strahlende Augen
Aber vor der Rückkehr nach Hause gab es noch einen ganz besonderen Augenblick, der sich unauslöschlich in das Gedächtnis von Fink eingegraben hat: „Wenn die Tür des Kindergartens aufging, war es draußen schon dunkel – da fiel mein Blick auf das gegenüberliegende Haus der Familie Schnebel. Dort waren die Vorhänge in der guten Stube, das zur Straße hin zeigte, zurückgezogen und ich konnte den Christbaum, mit den brennenden Kerzen sehen. Das war der schönste Moment und ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, wo dann endlich unsere Weihnachtsstube aufgeschlossen wurde.“
Diese „Weihnachtsstube“ war bei der Familie Wurth in die Hauptstraße 65 das „gute Wohnzimmer im Erdgeschoss, das nur sonntags oder für ganz besondere Anlässe benutzt wurde“. An einer Wand stand ein grüner Kachelofen und ihm gegenüber stand der bis an die Zimmerdecke reichende Christbaum. Die Kerzen leuchteten und unter dem Baum war ein besonderes Geschenk für die fünfjährige Ella – eine Puppenstube. „Die Möbel in der Puppenstube waren weiß, die kleinen Fenster hatten Vorhänge und auf den Betten waren rosarote Steppdecken, die meine Mutter selbst genäht hatte.
Und es gab sogar einen kleinen, hölzernen Christbaum mit winzigen Wachskerzlein. Zur Stube gehörten auch zwei kleine etwa fingergroße Püppchen, von denen eine weiße Locken hatte und Elise hieß.“ Das Mädchen war von dem Geschenk so begeistert, dass sie am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages extra früh aufstand, um noch im Nachthemd mit der Puppenstube zu spielen. Und sie hat diesen Schatz viele Jahre gehütet, auch als sie längst mit Helmut Fink verheiratet war und selbst Kinder hatte, sagt sie gegenüber unserer Redaktion. Sie habe einmal einen Kurs in Bauernmalerei absolviert, die Möbel für die Puppenstube in diesem Stil bemalt und dann ihrer Enkelin Simone geschenkt.
Ella Fink wuchs als Einzelkind auf, zwei Geschwister von ihr waren früh gestorben. Sie hatte aber eine beste Freundin, Emma Kopf, mit der sie nach den Feiertagen die wichtige Frage erörterte: „Was hast Du zu Weihnachten bekommen?“ Und dann zusammen mit der Puppenstube zu spielen oder gemeinsam im damals schon im Hause Wurth vorhandenen Radio die „Kinderstunde“ anzuhören, daran und noch so vieles mehr erinnert sich die Seniorin bis heute gern.
Merkwürdige Entdeckung beim Nikolaus
Aber nicht nur das Christkind – auch der Nikolaus gehörte selbstverständlich zur Weihnachtszeit dazu. Der kam am 6. Dezember im traditionellen Kostüm und mit einer Rute in die Küche ihres Elternhauses. „Ich habe mich ein wenig vor dem Nikolaus gefürchtet und habe mich unter dem Spülstein, dessen Unterschrank mit einem kleinen Vorhang abgetrennt war, versteckt.“ Dabei machte Ella Fink eine merkwürdige Entdeckung: „Der Nikolaus hat ja die gleichen Schuhe wie Onkel Arthur!“ Der Ehemann ihrer Patentante steckte tatsächlich in dem Nikolauskostüm, aber das war der kleinen Ella noch nicht klar, denn gebannt hörte sie zu, wie der Nikolaus aus einem großen Buch vorlas und ihr Verhalten das ganze Jahr über Revue passieren ließ. Das war wohl nicht so schlimm denn die Rute hat der Nikolaus nicht benutzt, stattdessen gab es „kleine Leckereien“, denn Onkel Artur hatte damals einen Lebensmittelladen.
Zur Person
Ella Fink wurde 1925 als Tochter von Julius Wurth und Maria Stückler in Ichenheim geboren. Ihr Vater richtete in seinem Wohnhaus in der Hauptstraße 65 im oberen Stockwerk eine Zigarrenfabrik ein. 1938 baute er im Hinterhof noch ein Fabrikgebäude, in dem 15 bis 20 Personen in der Zigarrenherstellung beschäftigt waren. Zusammen mit seinem Bruder Otto Wurth betrieb er auch einen Tabakhandel mit Namen „Rheinische Tabakmanufaktur“. Und auch der dritte Bruder aus seiner Familie, Max Wurth, betrieb eine Zigarrenfabrik in Ichenheim. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die „Wurth Stumpen“ bis nach Schlesien bekannt. 1948 heiratete Ella Helmut Fink und betrieb mit ihm ein Blumengeschäft und eine Gärtnerei.