Ein Testzug auf der neuen Bahnstrecke von Wendlingen nach Ulm mit Promis an Bord hat am Montag reichlich Verspätung. Später zeigt die Bahn, was die Strecke tatsächlich kann.
Dass es auf der Schwäbischen Alb immer „einen Kittel kälter“ sei, lässt sich an diesem Montag nicht bestätigen. Die Sonne strahlt über Merklingen im Alb-Donau-Kreis, als wolle sie das Ihre dazutun, dem Tag, der einmal in die Historie des Albstädtchens eingehen soll, einen würdigen Rahmen zu verleihen. Einzig das beständige Rauschen der Autos auf der A 8 hinter dem Lärmschutzwall trübt das Bild.
Testzug mit Verspätung
Und dann ist da noch eine Panne. Es bleibt viel Zeit, den Sonnenschein zu genießen. Ausgerechnet der Testzug, der Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla zum neuen Regionalbahnhof Merklingen an der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn zwischen Wendlingen und Ulm – als erste Passagiere der Strecke nach den Testingenieuren – bringen soll, kommt und kommt nicht. Stattdessen steigen immer wieder Männer in orangefarbenen Warnwesten ins Gleisbett bei dem Halt auf der Mittleren Alb und hantieren an einer Weiche.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Berufspendler
Winfried Hermann hingegen teilt umgehend mit, dass der Zug unterwegs durchaus die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern in der Stunde erreicht habe. „Das habe ich mit meinem Handy gemessen“, erklärt Hermann. An den scheidenden Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla gerichtet sagt er, die Testfahrt sei trotz des holprigen Verlaufs „einer der schönsten Termine, die wir zusammen absolviert haben“. Und: Die mehr als 3,9 Milliarden Euro teure Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm sei von „zentraler Bedeutung für Baden-Württemberg“.
Hermann ursprünglich bei Strecke skeptisch
So etwas nennt man wohl einen Sinneswandel. Als Hermann noch nicht Landesverkehrsminister in Stuttgart, sondern Oppositionspolitiker in Berlin war, schrieb er 2010, die Strecke sei unwirtschaftlich und dürfe nicht gebaut werden. Zusammen mit dem damaligen Verkehrspolitiker der Bundestags-Grünen, Anton Hofreiter, forderte er von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, das Vorhaben zu streichen. „Wir haben nun mit der neuen Strecke hier das, was wir an so vielen Stellen in Deutschland brauchen, nämlich mehr Schiene“, erklärte Hermann in Merklingen. Wegen der neuen Strecke würden auch Kapazitäten auf der bisherigen Verbindung in Richtung Filstal frei. So könne das Land dort mehr Regionalzüge fahren lassen und damit dem Ziel näher kommen, die Passagierzahlen auf der Schiene zu verdoppeln.
950 Millionen Euro schießt das Land für die Neubaustrecke zu. Der Obolus sollte eigentlich sicherstellen, dass die neue Strecke und der neue Stuttgarter Bahnknoten gleichzeitig fertig werden. Das klappt nicht, Stuttgart 21 soll 2025 in Betrieb gehen. Den Termin hat Ronald Pofalla in Merklingen nochmals bekräftigt. Daran ändere auch nichts, dass der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn Mitte März eine weitere Kostensteigerung von Stuttgart 21 auf nun mindestens 9,2 Milliarden Euro hat zur Kenntnis nehmen müssen. Pofalla weist auf die baulichen Herausforderungen der Strecke über die verkarstete Alb hin.
Land und Kommunen hoffen auf neuen Bahnhof
Seit Mai 2012 ist an der neuen Schienenverbindung vom Neckar an die Donau gearbeitet worden. Beim Spatenstich wurde auch der Beginn des sechsspurigen Ausbaus der A 8 begangen, zu der die neue Bahnstrecke parallel verläuft. Autofahrer kommen bereits in den Genuss der erweiterten Infrastruktur. Bahnfahrer müssen sich noch bis Dezember 2022 gedulden. Trotzdem lobt Winfried Hermann das Tempo. „An der Strecke wurde sehr schnell gearbeitet.“
Der Verkehrsminister versäumt auch nicht, darauf hinzuweisen, dass der auf Betreiben von Land und Anliegerkommunen erst spät zu den Plänen hinzugefügte Regionalbahnhof in Merklingen fertig sei, „obwohl hier zuletzt mit dem Arbeiten begonnen worden ist“. Wie viele andere Projekte hatte auch der Bahnhof in Merklingen mit Kostensteigerungen zu kämpfen. Statt 44 Millionen Euro soll er nun 53 Millionen Euro kosten, 40 Millionen kommen aus dem Landesetat, den Rest steuern die in einem Zweckverband zusammengeschlossenen Anrainerkommunen bei. Dort würden sich durch die bessere Bahnanbindung „neue Lebensoptionen“ ergeben, zeigte sich Hermann zuversichtlich. Sowohl die Fahrt nach Ulm wie auch die nach Stuttgart würden zur Pendlerdistanz.
Der Bahnhof zeige, was möglich sei, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiteten. Hermann und Pofalla versichern sich schließlich noch wechselseitig, wie vertrauensvoll und produktiv die Zusammenarbeit gewesen sei. Dann machen sich beide auf den Weg zu weiteren Terminen – und nehmen dafür die bereitgestellten Limousinen.
In 14 Minuten von der Alb nach Wendlingen
Den Testzug ICE-S besteigen nun Journalisten und sollen erleben, welche Fahrzeiten durch den neuen Schienenstrang möglich sind. Der Zug ist ein rollendes Bahn-Labor mit verschiedensten Mess- und Analyseeinrichtungen. Noch bis Ende kommender Woche sind die Experten dafür zwischen Wendlingen und Ulm unterwegs. In der vergangenen Woche war es bei den Fahrten zu einem Schaden an der Oberleitung gekommen, der aber repariert werden konnte.
Auf einem der Monitore im Test-ICE sind drei Zahlen in unterschiedlichen Farben zu erkennen. In Blau werden die Streckenkilometer dargestellt, in Rot das Tempo und in Grün die zugelassene Höchstgeschwindigkeit. Kaum hat sich der Zug in Merklingen in Bewegung gesetzt, reduziert sich die blaue Zahl, und im Gegenzug steigt die Tempoangabe kontinuierlich an. Bei 250 Kilometern in der Stunde pendelt sich das Tempo ein, auf der Strecke geht es von einem Tunnel zum nächsten. Über die 85 Meter Filstalbrücke jagt der Zug in sieben Sekunden und taucht in die nächste Röhre ein. Etwas mehr als 30 Kilometer von Merklingen entfernt erreicht der Zug schließlich nach 14 Minuten sein Ziel in Wendlingen – nach einer Pause geht es wieder zurück hinauf auf die Alb. Dort ist wieder Ruhe eingekehrt, und selbst die Treppenhäuser, durch die die Passagiere vom Bahnsteig hinauf zum Parkplatz gelangen sollen, sind bereits wieder verschlossen.
Am 11. Dezember 2022 wird das alles anders sein. Dann sollen erste Züge fürs zahlende Publikum in Merklingen halten. Und mit Blick auf das Datum bedarf es keiner prophetischen Gabe: Dann ist’s auf der Alb wieder einen Kittel kälter.