Dackel Apollo (3) hat einen Hunde-Attacke in Wendelsheim nur knapp überlebt. Foto: Angelika Bachmann

Eine Wendelseheimerin und ihr Dackel-Rüde Apollo werden Mitte November von zwei Hunden attackiert und gebissen. Die Polizei ermittelt.

Die sonnigen kalten Wintertage rund um Weihnachten wären eigentlich perfekt gewesen für Hunde-Spaziergänge zu den Feldern südlich des Pfaffenbergs. Dort sind die 39-jährige Wendelsheimerin und ihr Dackel-Rüde Apollo immer gerne unterwegs – gewesen. Doch die Zeiten der sorglosen Touren durch die Felder und Wiesen sind erstmal vorbei, seit dem 18. November. Dackel Apollo traut sich inzwischen immerhin wieder an der Leine raus auf das Rasenstück vor dem Haus der Familie. Seine Halterin kostet es immer noch Überwindung, das Haus zu verlassen.

 

Auf den Feldern beim Pfaffenberg waren die beiden an jenem Dienstagmorgen Mitte November unterwegs. Bereits auf dem Rückweg, sahen sie eine Frau, die ihnen mit zwei großen Hunden entgegenkam. Sie waren noch ein gutes Stück weg. „Mal sehen, was passiert, wenn wir auf Ihrer Höhe sind“, habe die Frau ihr noch zugerufen. Die Wendelsheimerin beschloss jedoch, lieber keinen Stress zu riskieren, schnappte sich ihren Dackel, nahm ihn auf den Arm und bog in die Wiese ab. „Zwei Sekunden später waren die Hunde da.“ Offensichtlich konnte die andere Hundebesitzerin die beiden rund 40 Kilo schweren Rüden nicht halten.

Todesangst Noch heute, während die 39-Jährige berichtet, sieht man ihr an, dass sie in jenem Moment Todesangst hatte. „Ich dachte, wir sterben. Die beiden Hunde waren wie im Rausch.“ Während sie erzählt, sieht sie wieder die aufgerissenen Augen der Hunde vor sich, deren Fang. Die Flexi-Leinen, die sich um das Mensch-Tier-Knäuel wickeln, als sie zu Boden geht, während sie ihren Dackel zu schützen versucht. Sie ruft um Hilfe. Passanten alarmieren die Polizei. Die Halterin wirft sich, als sie da ist, auf einen ihrer Hunde. Die Attackierte kann schließlich mit ihrem Hund flüchten. Doch sie hat mehrere Bisswunden am Oberarm, an der Hand und am Unterschenkel davongetragen. Eine davon, am Arm, war bis zu zwei Zentimeter tief und musste in den kommenden Tagen mit Tamponade und Drainage versorgt werden.

Dackel erleidet gravierende Verletzungen Deutlich schlimmer hat es Dackel Apollo erwischt. Er erlitt „gravierende Bissverletzungen“, wie Vinzenz Kramer, Chirurg an der Anicura-Klinik in Plieningen, Auskunft gibt. Die Wunden reichten teils bis in den Bauchraum. Der Darm war an einer Stelle gequetscht, „wenn nicht gar perforiert“. Weitere Wunden am Rumpf hatten sich infiziert. Es bildete sich Eiter in den großen Wundhöhlen, eine tödliche Blutvergiftung drohte. Ob der Hund die Verletzungen überleben würde, stand auch mehrere Tage nach der Attacke nicht fest. Die Chirurgen in der Anicura-Tierklinik in Plieningen rieten zu einer Vakuum-Therapie. Dabei wird die Wunde luftdicht abgedeckt. Eine angeschlossene Pumpe erzeugt Unterdruck und saugt das Wundsekret ab. Gleichzeitig wird die Wundhöhle immer wieder mit desinfizierender Lösung gespült. „Apollo ist ein Kämpfer“, sagt der Chirurg Vinzenz Kramer. Nach zwei Wochen konnte Apollo aus der Klinik entlassen werden.

Derartige Bisse sind kein Einzelfall Bissverletzungen dieser Art, mit Quetschungen und tiefen Bissen, sehen die Chirurgen in der Plieninger Tierklinik immer wieder. Große Hunde, die kleine Artgenossen attackieren, hätten „die entsprechende Ausstattung, um tief zu beißen“. Oder, plastisch ausgedrückt: „Wie viel Hund passt zwischen die Zähne?“ Das Verhalten der attackierenden Hunde mag Kramer nicht analysieren. „Ich war ja nicht dabei.“ Die Bissspuren zeigten aber: „Spielerisch war das nicht gemeint....“ Am 21. Januar wird Dackel Apollo vier Jahre alt. Beim Geburtstag wird die Familie feiern, dass ihm ein zweites Leben geschenkt wurde. „Er wollte leben“, ist seine Halterin überzeugt. „Seine Zeit war noch nicht gekommen.“

Die Bissverletzungen waren gravierend: Zwei Wochen lang wurde Apollo in der Anicura-Tierklinik in Plieningen behandelt. Foto: Anicura Tierklinik

Polizei ermittelt Zwei Monate ist die Attacke nun her. Nicht nur das Opfer der Hunde-Attacke, sondern auch andere Wendelsheimer haben Fragen, die ihnen aber bislang niemand beantwortet. Stimmt es, dass es gegen die Halterin bereits Auflagen gibt, dass sie die Hunde nur mit Maulkorb und an kurzer Leine spazieren führen darf? Wenn ja, werden die Auflagen kontrolliert? Haben das zuständige Ordnungsamt und das Veterinäramt nach der Attacke noch keinen Kontakt zu der Halterin aufgenommen? Das Polizeipräsidium Reutlingen bestätigt, dass das Polizeirevier Rottenburg gegen die 56-jährige Halterin der attackierenden Hunde wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung ermittelt. Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen, heißt es bei der Pressestelle der Polizei.

Die strafrechtliche Aufarbeitung kann von der Ermittlung über (gegebenenfalls) eine Anklage durch die Staatsanwaltschaft bis hin zum Prozess mehrere Monate dauern. Parallel müssen in einem solchen Fall die lokalen Behörden aktiv werden. Das ist in diesem Fall das Ordnungsamt Herrenberg. Die Halterin ist, wenngleich sie zeitweise in Wendelsheim lebt, in Herrenberg gemeldet. Das Ordnungsamt der Stadt Herrenberg schreibt auf die Anfrage dieser Redaktion lediglich, dass „gegenwärtig kein Polizeibericht zum Sachverhalt beim Ordnungsamt der Stadt Herrenberg vorliegt“. Ob es bereits Auflagen wie Maulkorb- und Leinenpflicht gibt, dazu will die Verwaltung „zum Schutz der Persönlichkeitsrechte keine Angaben machen“. Bei der Stadtverwaltung beruft man sich auf den „Verwaltungsablauf“ und wartet den Bericht der Polizei ab. Bei den Hunden handelt es sich offenbar um Labrador-Mischlinge.

Eine Vakuumtherapie förderte die Heilung der infizierten Wunden und rettete das Leben des jungen Dackels: Bei dieser Therapie werden die Wunden luftdicht abgedeckt. Eine angeschlossene Pumpe erzeugt Unterdruck und saugt das Wundsekret ab. Foto: Anicura Tierklinik

Das Polizeipräsidium Reutlingen ergänzt auf erneute Rückfrage dieser Redaktion: Der Bericht zu den Ermittlungen gehe dem Ordnungsamt „schnellstmöglich“ zu. Ein Sprecher der Polizei sagt zudem: „Nach unseren Erkenntnissen haben die Hunde an dem Tag Maulkörbe getragen, die allerdings bei der Attacke verrutscht sind.“ Über diese Aussage kann eine andere Wendelsheimerin, die der Halterin der beiden attackierenden Hunde oft begegnet, nur den Kopf schütteln. „Die Hunde tragen nie Maulkorb“, sagt sie. „Höchstens mal ein Halti.“ Haltis sind Maulschlaufen, die aussehen wie ein Pferdegeschirr. Sie drücken auf die Schnauze, wenn Hunde an der Halti-Leine ziehen. Sie sind allerdings keinerlei Beiß-Schutz. Mit einem Halti kann ein Hund jederzeit den Fang öffnen und schließen – und beißen. Zudem erfordert die richtige Handhabung eines Haltis Übung und Erfahrung. Die Halterin, so hat eine Wendelsheimerin beobachtet, habe aber offensichtlich große Schwierigkeiten, die beiden Hunde zu führen. Eine Flexi-Leine, die den Hunden große Freiheiten lässt, vergrößert das Risiko, dass diese nicht zu halten sind, wenn sie lospreschen.

Frau gehe weiterhin mit ihren Hunden spazieren „Das kann doch alles nicht sein“, ärgert sich die Wendelsheimerin, die Opfer der Attacke wurde. Nach so einer Attacke müsse das Amt doch umgehend den Kontakt zu der Hundehalterin aufnehmen. Die Frau gehe nach wie vor regelmäßig in Wendelsheim mit ihren Hunden spazieren – mit Flexi-Leine und ohne dass die Hunde mit Maulkorb gesichert sind – wie etliche Wendelsheimer ihr bestätigt hätten. Allein die Vorstellung, der Frau mit den beiden Hunden auf dem Spazierweg erneut zu begegnen, bringt die Wendelsheimerin aus der Fassung. Solange sie Gefahr läuft, den ungesicherten Hunden wieder zu begegnen, bleiben Spaziergänge im Ort für sie und Apollo tabu.

Körperverletzung und Sachbeschädigung

20.000 Euro Tierarztkosten
Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung beziehen sich auf die Verletzungen, die die 39-jährige Wendelsheimerin erlitten hat. Fahrlässige Körperverletzung wird zum Beispiel dann angeklagt, wenn Halterinnen oder Halter ihre Aufsichtspflicht verletzen. Setzen sie die Tiere als Waffen ein, gilt es als gefährliche Körperverletzung. „Hund beißt Hund“ ist nach geltendem Recht keine Körperverletzung, sondern Sachbeschädigung. Und das Gesetz kennt keine strafrechtliche Regelung für fahrlässige Sachbeschädigung. Allerdings können entstandene Kosten in einem Zivilprozess eingeklagt werden, etwa Tierarztkosten – falls diese nicht von der Tierhaftpflichtversicherung übernommen würden. Auf 20.000 Euro summieren sich bislang die Tierarztkosten für die Behandlung der Bissverletzungen bei Apollo.